Bis gefährliche Pestizide verboten werden, dauert es oft Jahre

Wie Chemiefirmen dafür sorgen, dass schädliche Stoffe nur mit Verzögerung aus dem Verkehr gezogen werden.

Tests mit Ackerboden: Eine Agroscope-Mitarbeiterin nimmt Bodenproben. Foto: Ennio Leanza, Keystone

Tests mit Ackerboden: Eine Agroscope-Mitarbeiterin nimmt Bodenproben. Foto: Ennio Leanza, Keystone

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Landwirtschaftsminister Guy Parmelin will endlich handeln. Der SVP-Bundesrat hat in den letzten Wochen Verbote für zahlreiche Pflanzenschutzmittel angekündigt, die von Schweizer Bauern seit Jahrzehnten eingesetzt werden. Mit der am Donnerstag erschienen Studie der Kantonschemiker, wonach 170'000 Schweizer und Schweizerinnen kontaminiertes Hahnenwasser getrunken hatten, erreichte das Problem eine neue Dringlichkeit.

Doch so einfach, wie das Parmelin präsentiert, geht es nicht. Das zeigt sich am Beispiel des Fungizids Chlorothalonil. Rückstände davon wurden schweizweit in Grund- und Trinkwasserfassungen nachgewiesen. Bereits im Mai kam die Europäische Union zum Schluss, dass dieses Pestizid krebserregend sei. Trotzdem verzögert sich in der Schweiz der Lizenzentzug.

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Der Agrochemie-Riese Syngenta, ein Hersteller von Chlorothalonil, hat den Behörden kürzlich neue Daten zur Verfügung gestellt. Sie sollen aufzeigen, dass das Pflanzenschutzmittel und seine Abbaustoffe unbedenklich seien. «Die Zulassung von Chlorthalonil sollte auf Grundlage der neuen Daten verlängert werden», fordert Syngenta. Finanziert hat die Studie Syngenta selbst – zusammen mit zwei weiteren Herstellern.

«Wir haben bei den Zulassungsverfahren ein Effizienzproblem.»Vincent Dudler, BLV

Der Bund ist verpflichtet, die Befunde zu prüfen. Und das dauert. Er spricht deshalb nicht mehr von einem Entscheid «zu Beginn» sondern «im Laufe» des Herbstes. Wenn Syngenta oder andere Chlorthalonil-Hersteller zudem rechtliche Schritte einleiten, könnte das Verbot noch länger auf sich warten lassen. Kämpft die Industrie gegen ein Verbot mit Rekursen vor dem Bundesverwaltungsgericht, kann dieses um Jahre hinausgezögert werden.

Ein Problem auf organisatorischer Ebene

2010 begann der Bund mit der Überprüfung von rund 90 als problematisch eingestuften Pestiziden. Normalerweise dauert dieser Prozess anderthalb Jahre. Auf der Website des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) lassen sich allerdings 14 Stoffe finden, die teils seit 2015 untersucht werden – eine ungewöhnlich lange Zeit. Olivier Félix, verantwortlich am BLW für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln, erklärt: «Wir hatten ein Problem auf organisatorischer Ebene. Einige unserer Experten haben die Verwaltung verlassen – es ist nicht einfach, sie zu ersetzen.» Vincent Dudler vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit sagt: «Wir haben bei den Zulassungsverfahren ein Effizienzproblem.» Mit dazu beigetragen hat gemäss Félix auch der Entscheid, dass Umweltgruppen seit 2018 in den Verfahren als Partei mitwirken können.

Das Zulassungsverfahren für neue Produkte, respektive Überprüfungsverfahren für bestehende, gleicht einem Vernehmlassungsprozess: Nachdem die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit dem BLW seine Entscheide mitgeteilt hat, beurteilen sämtliche in der Schweiz involvierten Behörden das Risiko eines Pestizids aus ihrer Sicht: Das BLV, das Bafu, das Seco und Agroscope – das braucht Zeit. Am Ende entscheidet das BLW. Sind Hersteller mit dem Ergebnis unzufrieden, können sie vor dem Bundesverwaltungsgericht gegen den Entscheid des BLW rekurrieren.

Von unten links startend im Uhrzeigersinn zu lesen: Der Zulassungsprozess von Pestiziden.

Doch selbst wenn ein Produkt als gefährlich eingestuft wird, ist es schwierig, es sofort aus dem Verkehr zu ziehen. So etwa Chlorpyrifos, eine giftige Substanz, die mit Hirnschäden bei Kindern in Verbindung gebracht wird. Im Juli 2016 schätzte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit den Einsatz des Insektizids Pyrinex, ein Produkt auf Chlorpyrifos-Basis, in seiner Überprüfung als für zu gefährlich in unmittelbarer Umgebung des Menschen ein.

Trotzdem wurde die Zulassung des Produkts im November 2016 bis 2025 verlängert. Grund war laut dem BLW, dass Überprüfungs- und Verlängerungsverfahren zwei unterschiedliche Prozesse sind, die parallel zueinander ablaufen. Deswegen brauchte es zwei weitere Jahre, bis das BLW am 26. Juni dieses Jahres Pyrinex und rund 20 weitere Produkte auf Chlorpyrifos-Basis doch noch mit sofortiger Wirkung verboten hat.

Syngenta lehnt jede «rein politische Entscheidung» zum Verbot von Pestiziden entschieden ab.Regina Ammann, Syngenta

Damit war die Sache jedoch nicht beendet: Einer der Pyrinex-Vertriebspartner, die Firma Leu + Gygax aus Birmenstorf, AG, hat beim Bundesverwaltungsgericht Rekurs gegen das sofortige Verbot eingelegt. Mit Erfolg. Dem Gericht zufolge ist die sofortige Rücknahme nach jahrzehntelanger Nutzung unverhältnismässig. Das BLW musste eine Mitteilung zum Pyrinex-Verbot von ihrer Website entfernen. Somit wird Chlorpyrifos, das von offizieller Seite seit über drei Jahren mit Hirnschäden bei Kindern in Verbindung gebracht wird, bis im kommenden Jahr auf Schweizer Feldern weitergespritzt.

Hersteller wehren sich

Heute zeigt sich der Bund entschlossen, das Tempo der Zulassungs- und Überprüfungsverfahren zu beschleunigen. Bis Ende Jahr sollen rund 15 weitere Stoffe ihre Zulassung verlieren. Und die als problematischen erachteten Pestizide, deren Überprüfung seit 2015 in der Pipeline stecken, sollen bis Anfang 2020 abgeschlossen werden, verspricht Olivier Félix.

Die angekündigte Verschärfung bereitet Schweizer Pestizidherstellern Sorgen. Insbesondere das sofortige Verbot von Chlorpyrifos hat sie beunruhigt. «Es hat uns überrascht, dass die Schweizer Behörden den Wirkstoff – bevor die EU entschieden hat – ohne nachgewiesene Umweltschäden und ohne dringenden Handlungsbedarf per sofort verboten haben», sagt Syngenta-Pressesprecherin Regina Ammann.


170'000 Schweizer tranken kontaminiertes Hahnenwasser In über der Hälfte der Trinkwasserproben wurden Pestizide gefunden – vier Prozent überschritten den gesetzlichen Grenzwert. (Abo+)


Zusammen mit sieben weiteren Herstellern und Vertreibern hat Syngenta gegen das Verbot Rekurs eingelegt. Die Verpflichtung, das Produkt unverzüglich zurückzuziehen, komme sie teuer zu stehen: So müssten Bestellungen rückerstattet und Restbestände verbrannt werden. Die Vernichtung von 82 Tonnen des Insektizids Rimi 101 würde insgesamt 400'000 Franken kosten, rechnet der Vertreiber Sintagro in einer Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht.

Der Chlorpyrifos-Hersteller Leu + Gygax spricht in einem Appell von «politischem Druck», der auf das BLW ausgeübt werde. Syngenta lehnt jede «rein politische Entscheidung» zum Verbot von Pestiziden entschieden ab. In einem Positionspapier fordert Syngenta «einen klaren Rechtsrahmen, ein wissenschaftlich fundiertes Zulassungsverfahren sowie Vorhersehbarkeit». Das Unternehmen arbeitet rund zehn Jahre an der Entwicklung einer neuen Substanz und investiert im Schnitt 260 Millionen Franken.

«Pestizide sollten verboten werden, ohne dass Unternehmen Rekurs nehmen dürfen.»Claude Ramseier, Kantonschemiker Freiburg

Syngenta ist Mitglied bei Scienceindustries, einer Chemie- und Pharma-Lobby, zu der auch Nestlé und Novartis gehören. Am 29. August traf sich eine Delegation des Verbandes mit Bundesrat Parmelin in Bern, um «die Anpassung der Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel zu diskutieren», sagt sein Departement.

Die Hersteller haben Grund zur Sorge. Von allen Seiten werden Forderungen laut, die Zulassung von Pestiziden wesentlich zu verschärfen. So auch vom Freiburger Kantonschemiker Claude Ramseier: «Pestizide sollten verboten werden, ohne dass Unternehmen Rekurs nehmen dürfen.»

Armdrücken hat erst begonnen

Die Umweltorganisationen WWF, Greenpeace und pro Natura gehen indes weiter. Sie fordern die dringende Überprüfung von 150 Stoffen sowie die sofortige Rücknahme von einem Dutzend Pestiziden. «Wir wissen nur sehr wenig über die Auswirkungen von Pestiziden auf Amphibien und Reptilien, sie werden in der Risikoanalyse nicht erfasst», sagt Eva Wyss vom WWF. Auch seien viele Abbaustoffe sowie die Cocktailwirkung mehrerer Stoffe unzureichend erforscht. Wyss fordert deshalb besseren Zugang zu den Herstellerdaten sowie eine vom BLW unabhängige Zulassungsstelle.

«Wir wissen nur sehr wenig über die Auswirkungen von Pestiziden auf Amphibien und Reptilien.»Eva Wyss, WWF

Die Hersteller hingegen möchten unter der Kontrolle des BLW bleiben und so viele Stoffe wie möglich anbieten. Nur durch eine Vielfalt an Pestiziden, so die Hersteller, sei es möglich zu verhindern, dass Schädlinge eine Resistenz gegen Pflanzenschutzmittel entwickeln.

Das Armdrücken um Pestizide hat erst begonnen. Der Bund nimmt dabei die Rolle des Schiedrichters ein: Bis Ende Jahr muss er seinen Bericht zur Überarbeitung des Zulassungsverfahrens für Pestizide vorlegen.



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Erstellt: 15.09.2019, 10:52 Uhr

«Die Behörden sollten dem Druck standhalten»

Regina Amman, Leiterin Public Affairs bei Syngenta, über Pestizid-Verbote

Kantone, Behörden, Umweltschützer – alle wollen das Fungizid Chlorothalonil verbieten. Warum verteidigen Sie bei Syngenta diese Substanz?

Chlorothalonil ist ein vielseitig wirkendes Fungizid, das andere Wirkstoffe als Resistenzbrecher gegen Krankheiten ergänzt. Zum Beispiel gegen die Blattdürre in Getreide. Es hat damit einen grossen Nutzen für die Schweizer Landwirtschaft. Wir haben Studien durchgeführt, die zeigen, dass die Abbauprodukte von Chlorothalonil aus Sicht der menschlichen
Gesundheit und der Umwelt nicht gefährlich sind. Wir haben diese Studien den Schweizer Behörden vorgelegt und sie werden derzeit geprüft.

Die Zulassungen von Pestiziden werden strenger. Zum Beispiel wurde der Stoff Chlorpyrifos in der Schweiz in diesem Sommer mit sofortiger Wirkung verboten. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Chlorpyrifos wird seit langer Zeit verwendet und kann eine Reihe von Schädlingen bekämpfen. Wird es vom Markt genommen, gibt es für gewisse Spezialkulturen wie zum Beispiel Karotten oder Zwiebeln kein wirksames Mittel mehr gegen Erdraupen, oder auch für die Bekämpfung von Maulwurfsgrillen im Rasen keine Lösung mehr. Es hat uns überrascht, dass die Schweizer Behörden den Wirkstoff – bevor die EU entschieden hat – ohne nachgewiesene Umweltschäden und ohne dringenden Handlungsbedarf per sofort verboten haben. Deshalb haben die betroffenen Unternehmen, und nicht nur wir, Beschwerde eingereicht. Wir sind der Meinung, dass die Behörden nicht auf politischen und medialen Druck reagieren, sondern ihre Entscheide auf wissenschaftlichen Risikoanalysen basieren sollten.

Sollten Sie sich selber darum bemühen, die toxischen Pflanzenschutzmitel vom Markt zu nehmen?

Wir können in unserer Branche nicht auf Knopfdruck neue Produkte entwickeln. Syngenta investiert jährlich rund eine Milliarde Schweizer Franken in die Forschung und beschäftigt allein in der Schweiz mehr als 300 Mitarbeitende in Forschung und Entwicklung. Es dauert zehn Jahre und kostet rund 260 Millionen Franken, bis ein Produkt auf den Markt kommt. Ein Drittel dieser Zeit und Kosten wird nur für die erforderlichen Zulassungsstudien aufgewendet.





Regina Ammann, Syngenta. Foto: zVg




Ist die Verschärfung des Zulassungsprozesses unfair?

Wir haben in der Tat festgestellt, dass sich der Zulassungsprozess innerhalb der EU und damit auch in der Schweiz verschärft und die Innovationsgeschwindigkeit verlangsamt hat: Für vier vom Markt genommene Stoffe kommt nur ein neuer Wirkstoff auf den Markt. Es ist jedoch sehr wichtig, eine genügend grosse Auswahl von Substanzen zur Bekämpfung von Krankheiten und Schädlingen zu haben, so auch Resistenzbrecher wie Chlorothalonil oder Chlorpyrifos. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass das Zulassungsverfahren wissenschaftlich fundiert bleibt. Wir fordern auch Planungssicherheit: Dies ist angesichts der Zeit, die die Markteinführung eines Produkts benötigt, extrem wichtig.

Syngenta war Teil einer Delegation von Industriellen, die kürzlich am 29. August
Guy Parmelin traf. Was hat sie ihm gesagt?


In diesen Zeiten des politischen Drucks auf das Zulassungsverfahren ist es zentral, Lösungen zu finden, die in der Öffentlichkeit geäusserte Bedenken berücksichtigen, aber auch eine genügende Versorgung der Schweizer Landwirtschaft mit Pflanzenschutzmitteln ermöglichen. Wir können nicht nur Stoffe verbieten – wir brauchen risikobasierte und wissenschaftliche Beurteilungen, damit die Landwirte unsere Nahrung produzieren können.

Mit Regina Ammann sprach Sylvain Besson

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