Bis zu 15'000 Franken für einen Kindergeburtstag

Die Party für die Kleinen ist zum Statussymbol geworden. Ein Wettrüsten, das Eltern ans Limit treibt.

Haben die Kleinen Geburtstag, wird kein Aufwand gescheut. Foto: Getty Images

Haben die Kleinen Geburtstag, wird kein Aufwand gescheut. Foto: Getty Images

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Kuchen backen und Kerze drauf – das war gestern. Heute soll der Kindergeburtstag möglichst spektakulär sein: GPS-geführte Schatzsuche mit Kletterwand und anschliessendem Töpfern, ein Tanzworkshop mit Karaoke oder gleich eine Party im Ballsaal eines Luxushotels. Ein Wettrüsten, das manche Eltern ans Limit treibt.

Eine neue Umfrage der Mütter- und Väterberatung «Wir Eltern» zeigt: In vielen Schweizer Familien wird der Aufwand rund um den Kindergeburtstag von Jahr zu Jahr grösser. Von 500 Befragten gaben rund 30 Prozent an, dass sie sich unter Druck fühlen, eine möglichst attraktive Feier zu bieten, weil der eigene Spross oder die geladenen Kinder das so erwarten – vor allem aber, weil andere Eltern im Bekanntenkreis immer so tolle Partys schmeissen. 40 Prozent räumten ein, dass sie den Kindergeburtstag schon mal mithilfe eines kommerziellen Anbieters durchgeführt haben. Besonders beliebt sind Indoorspielhallen, Bowlingbahnen oder eine Fete auf dem Ponyhof.

Der Kindergeburtstag wird zum Statussymbol – zu einer Art innen- wie aussenpolitische Veranstaltung: Das Kind soll glücklich, aber der Ruf der Eltern danach nicht ruiniert sein.

«Man will, dass das eigene Kind bei den Gspäändli gut dasteht», sagt Beatrice Prandini, die mit «Kinderevents mit Nikki & Pieps & Co.» seit neun Jahren Kindergeburtstage organisiert – Schatzsuche, Kickboardparcours, Kinderschminken und Glitzertattoos inklusive. Prandini wird «drei- bis viermal pro Monat» für einen Kindergeburtstag gebucht – ihre jüngsten Kunden: Vierjährige. «In gewissen Kreisen gehört es heute zum guten Ton, dass die Feier nicht klassisch zu Hause gemacht wird», sagt die Eventplanerin. «Der Druck auf die Kleinen, etwas Spezielles zu bieten, ist gestiegen.»

Auch Luxushotels mischenin dem Geschäft mit

Ein Ausflug mit Essen und Bällebad im McDonald’s als Geburtstagshighlight ist längst out. Mit einer Party ohne Motto, Deko und Location spielt man in der zweiten Liga. Angesagt ist derzeit vor allem der pädagogisch ausgestaltete Kindergeburtstag – mit einer professionellen Animatorin.

Das gibt es zum Beispiel bei Wendolina. Die Eventagentur führt seit 19 Jahren Kindergeburtstagsprogramme durch. «Anfangs war die Nachfrage nicht so gross, und es hat sich nur die besser betuchte Bevölkerungsschicht eine Künstlerin als Kinderanimatorin geleistet», sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Connie Meier. «Mittlerweile ist die Nachfrage so gestiegen, dass wir regelmässig Anfragen ablehnen müssen. Wir haben um die 15 bis 20 Interessenten pro Monat.»

Was ein rechter Kindergeburtstag sein soll, kostet heute schnell mal 500 bis 600 Franken – massgeschneiderte Partys noch mehr. Rund 1000 Franken bezahlen Eltern für das Basisprogramm für 4- bis 12-Jährige bei der Eventagentur Zauberglanz. «Das kann hochgehen bis zu 15'000 Franken, je nach Erwartungen und Ansprüchen des Kunden», sagt Geschäftsführerin Caroline Spoerri. «Die Ambitionen vieler Eltern gehen heute dahin, den Kindern einen möglichst einzigartigen Geburtstag zu bieten.»

Vorbei sind die Tage, als sich nur Reiche eine professionelle Partyunterstützung leisteten.

Und so wird die Basisvariante auch mal ausgebaut, «zum Beispiel mit Karaoke oder einem Tanzworkshop, beides ist sehr beliebt», sagt Spoerri. Möglich seien auch «aufblasbare Module» wie eine Hüpfburg, Riesenrutschbahnen oder ein Hindernisparcours. «Das sind dann aber meistens richtig grosse Feiern, die mehrere Stunden dauern», sagt Spoerri.

Der Trend zum Supersize-Geburtstag habe weniger mit den Kindern als mit den Eltern zu tun, sagt Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. «Sie werden heute für die Entwicklung und den Bildungserfolg des Kindes verantwortlich gemacht. Eine Geburtstagsparty ist der Event, mit dem man zeigen kann: Unser Kind ist uns sehr wichtig, wir tun alles und nur das Beste.» Mit einem Kindergeburtstag der Extraklasse könne man auch aller Welt zeigen, «dass man als Familie mehr tut und origineller ist als die anderen», sagt Stamm. Hinzu komme das heutige gesellschaftliche Mutterbild: «Eine gute Mutter zu sein, genügt nicht mehr, man muss eine intensive Mutter sein und alles für das Kind tun – auch wenn man berufstätig ist.»

Vorbei sind die Tage, als sich nur Reiche eine professionelle Partyunterstützung leisteten. «Das zieht sich heute durch alle sozialen Schichten und nimmt vor allem bei den Mittelstandsfamilien zu», sagt Event-Managerin Spoerri.

Im Geschäft mit den Kindergeburtstagen mischen heute auch Luxushotels wie das Zürcher Dolder Grand mit. Hier laufen die meisten Kinderfeten unter einem Motto, zum Beispiel «Winter­wonderland» mit einer Deko aus ­Tannenbäumen, Eiszapfen aus Schaumstoff und weissen Ballonen. Angezogen hat die Nachfrage beim 5-Stern-Luxushotel Park Hyatt in Zürich. «Die Zahl der Anfragen steigt, wir führen mehr Kindergeburtstage als früher durch», sagt Marketingdirektorin Laura Amanzi. Auch andere Unterhaltungsprogramme für die Kleinen seien im Kommen. «Alles, was mit Kindern zu tun hat, wächst extrem.»

Fachleute beobachten die Entwicklung mit Sorge

Die Betreuungsindustrie rund um das Kind boomt. Im aargauischen Spreitenbach wurde kürzlich in einem Kino ein eigens für Kinder konzipierter Saal eröffnet, Auto- und Möbelhäuser buchen Clowns und Animatorinnen, um Kinder zu bespassen, während ihre Eltern shoppen. Vor allem an Taufen, Hochzeiten und Familienfeiern werden zunehmend Eventagenturen angeheuert, die sich um den Nachwuchs kümmern, damit die Eltern in Ruhe feiern können – und sich die Kinder nicht langweilen.

Fachleute wie Andrea Lanfranchi von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik beobachten die Entwicklung zum durchorganisierten Kinderalltag mit Sorge. «Leerläufe beflügeln die Kreativität. Eltern sollen sich davor hüten, bei jedem kleinsten Anflug von Langeweile für Animation zu sorgen oder gleich Beschäftigungsangebote zu machen wie ‹Versuchs doch mit einem Puzzle›», sagt Lanfranchi. «Im Alltag und bei manchen Anlässen sind viele Kinder verplant und werden überstimuliert.»

Vor Dauerbespassung warnt auch Erziehungswissenschaftlerin Stamm. «Das Geburtstagsfest ist selbstverständlich ein wichtiges Ritual, und man könnte einwerfen, dass eine solche Party ja nur einmal pro Jahr stattfindet», sagt Stamm. «Aber es ist in eine Erziehungskultur eingebettet, die ein Symptom für eine gesellschaftliche Entwicklung ist. Eltern sind nur glücklich, wenn auch das Kind glücklich ist – deshalb bieten sie ihm immer wieder Neues und immer mehr.»

In das Geschäft mit den Kindergeburtstagen drängten neuerdings auch Billiganbieter, sagt Stefan Gebauer, Künstlername Dacapo. Der Zauberer und Clown bewirtschaftet den Schweizer Markt von Konstanz aus und ärgert sich über die Discount-Konkurrenz. «Es gibt Animatoren, die mit den Kindern zwei Stunden Luftballone modellieren – und dafür nur 250 Franken berechnen!» Für einen Kindergeburtstag ist das heute offenbar ein Schnäppchen.



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Erstellt: 01.06.2019, 20:44 Uhr

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