Bisher unbekannte Strafanzeige gegen Vincenz

Der ehemalige Raiffeisen-Chef wird verdächtigt, das Geschäftsgeheimnis ­verletzt zu haben.

Sie arbeitete als Rechts-Chefin, während er die Bank leitete: Nadja Ceregato-Vincenz und Pierin Vincenz. Foto: RDB/Dukas

Sie arbeitete als Rechts-Chefin, während er die Bank leitete: Nadja Ceregato-Vincenz und Pierin Vincenz. Foto: RDB/Dukas

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Die Untersuchungen gegen Pierin Vincenz, den ehemaligen Chef der Raiffeisen, laufen weiterhin auf Hochtouren. Es wird damit gerechnet, dass es noch dieses Jahr zu einer Anklage wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung gegen Vincenz und weitere Beschuldigte kommt. Jetzt wird bekannt: Vincenz wird nicht nur wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung, sondern auch wegen Verletzung des Geschäftsgeheimnisses angezeigt.

Anfang Jahr wurde in dieser Sache Nadja Ceregato-Vincenz, Vincenz’ Frau, einvernommen. Sie war Rechtschefin bei Raiffeisen. Gegen sie läuft auch eine Strafuntersuchung, wie die «Handelszeitung» berichtete. Dies aufgrund einer Anzeige von Raiffeisen gegen unbekannt. Wie jetzt bekannt wird, wurde in der Angelegenheit Vincenz selbster von der Bank Raiffeisen angezeigt, und zwar explizit.

Beides steht im Widerspruch zur bisherigen Kommunikation, in der stets betont wurde, Raiffeisen habe zusätzlich zu den im Strafverfahren behandelten Firmenkäufen keine strafbaren Handlungen gefunden. Das sagte auch Bruno Gehrig, der letztes Jahr im Auftrag der Bank eine externe Untersuchung durchführte.

Raiffeisen-Sprecher Dominik Chiavi verteidigt die Kommunikation: «Die Strafanzeige gegen unbekannt und Pierin Vincenz wegen Verletzung des Geschäftsgeheimnisses wurde mehr als ein halbes Jahr vor Abschluss des Berichts von Gehrig bei der Staatsanwaltschaft III des Kantons Zürich eingereicht. Aufgrund dieser Strafanzeige führt nun die Staatsanwaltschaft eine Strafuntersuchung gegen Nadja Ceregato durch.» Chiavi betont: «Diese Strafanzeige hat sowohl mit den durch Gehrig untersuchten Sachverhalten als auch dem Ausscheiden von Patrik Gisel nichts zu tun.»

Zur Geheimnisverletzung kam es zu einem heiklen Zeitpunkt

Worum geht es? Blenden wir zurück in den Herbst 2015: Damals trat Vincenz als Raiffeisen-Chef zurück, und Patrik Gisel wurde sein Nachfolger. Praktisch gleichzeitig wurde Nadja Ceregato-Vincenz in die erweiterte Geschäftsleitung befördert. Sie war bereits vorher in leitender Funktion in der Rechtsabteilung, aber wegen der Stellung ihres Mannes nicht in der Geschäftsleitung.

Ebenfalls im Herbst 2015 erliess die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) neue Richtlinien darüber, wie sich eine Bank zu organisieren habe. Neu war, dass der Risikochef zwingend Mitglied der Geschäftsleitung sein muss. Das war bei Raiffeisen nicht der Fall. Um zu klären, ob die Bank ansonsten korrekt aufgestellt war, bestellte Gisel bei der Anwaltskanzlei Prager Dreifuss ein Gutachten zur Corporate ­Governance.

Was Prager Dreifuss vorfand, war an mehreren Stellen nicht das, was die Aufsicht von einer systemrelevanten Bank verlangt. Der Bericht der Anwälte wurde der Finma zugestellt – und diese verlangte ­weitere Abklärungen. Insbesondere wurden die Firmenkäufe überprüft, die Raiffeisen unter Gisels Vorgänger Vincenz getätigt hatte. In seiner Amtszeit übernahm das Unternehmen unter anderen die Bank Wegelin, einen Teil des Derivateherstellers Leonteq und die Beteiligungsgesellschaft Investnet.

Prager Dreifuss stellte fest, dass es bei den Verhandlungen und beim Umgang mit den Ausstandsregeln zu Verstössen gegen die Richtlinien der Finma gekommen war. Deshalb leitete die Finma im Mai 2017 gegen die Raiffeisen-­Gruppe ein Enforcement-­Verfahren unter der Leitung der Revisionsgesellschaft Deloitte ein. Ein Jahr später vollendete die Finma, gestützt auf die beiden Untersuchungen, einen eigenen Bericht.

Der Deal war nicht traktandiert, sondern wurde unter «Varia» eingebracht und abgesegnet.

Am 1. November 2017 erfuhr Vincenz, dass gegen ihn ein Verfahren eröffnet wurde. Dabei wurden insbesondere die Zahlungsströme im Fall der Beteiligung an der Investnet-Holding, die Rolle der Raiffeisen-Organe sowie die Kreditvergabe untersucht. In diesem heiklen Zeitraum soll es zur Geheimnisverletzung von Vincenz und Ceregato gekommen sein.

Wie später herauskam, hat Vincenz beim Kauf von Investnet durch Raiffeisen auch persönlich profitiert. Das stand nicht im Bericht von Prager Dreifuss, denn diese Zahlungen liefen über ein Konto bei der Bank Bär, in das die Rechtsanwälte keine Einsicht hatten. Aber bei Prager Dreifuss stand, dass der Verkauf von 15 Prozent von Investnet an Vincenz an einer Verwaltungsratssitzung im Februar 2015 beschlossen wurde.

Der Deal war nicht traktandiert, sondern wurde unter «Varia» eingebracht und abgesegnet. Durchgeführt wurde die Transaktion im Oktober 2015. Auch dabei kam es zu einer Kompetenzüberschreitung. Weil Vincenz’ Frau in die Geschäftsleitung befördert worden war, ging es um einen Organ­kredit, der vom Verwaltungsrat hätte bewilligt werden müssen.

Raiffeisen-Mitarbeiter fand verdächtige Notizen

Vermutlich bekam Vincenz von seiner Frau Informationen über den Inhalt des Prager-Dreifuss-Berichts, die für ihn wegen der laufenden Verfahren äusserst wertvoll waren. Offenbar machte er sich dazu Notizen, die dem langjährigen Raiffeisen-Mitarbeiter Rudolf Kurtz auffielen. Kurz ist Raiffeisen-intern mit der Aufarbeitung der Ära Vincenz beschäftigt. Er untersuchte auch Vincenz’ Spesen, auch das ein möglicher Straftatbestand. Gehrig hingegen fand nichts.

Man kann sich aber fragen, wie gründlich er gesucht hat, denn Vincenz’ Frau, eine Schlüsselperson, wurde nicht einmal befragt. Dazu Chiavi: «Ein Interview mit Nadja Ceregato durch Gehrig hat nicht stattgefunden, da es durch anderweitig verfügbare Informationen ersetzt werden konnte.» Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.



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(SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.06.2019, 19:58 Uhr

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