Blutrausch in Wald und Wiese

Die Anzahl Erkrankungen wegen Zeckenbissen ist «besorgniserregend» gestiegen, warnt das Bundesamt für Gesundheit.

Gefährliche Krankheitsträger: Jährlich erkranken in der Schweiz etwa 10'000 Personen an Borreliose durch einen Zeckenbiss. Bild: Keystone

Gefährliche Krankheitsträger: Jährlich erkranken in der Schweiz etwa 10'000 Personen an Borreliose durch einen Zeckenbiss. Bild: Keystone

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In diesem Jahr sind besonders viele Menschen wegen eines Zeckenbisses zum Arzt gegangen. Bis Ende Mai waren es 11'000 Personen, rechnete das Bundesamt für Gesundheit (BAG) aus gemeldeten Konsultationen hoch. Die telefonischen Anfragen zu Zecken­bissen seien bei Medi 24 im Vergleich zum Vorjahr um 15 Prozent gestiegen, gibt der Telemedizin-Dienstleister an. Und auf der ­Zecken-App der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) meldeten Nutzer im Mai und Juni gemäss Werner Tischhauser von der ZHAW «absolute Spitzenwerte bei den übermittelten Zeckenstichen».

Die Blutsauger sind nicht nur lästig, sie können auch gefährliche Krankheiten übertragen. Am häufigsten ist die Borreliose, eine Bakterieninfektion. Jährlich erkranken in der Schweiz etwa 10'000 Personen daran. Die Infektion kann zu Beschwerden an Gelenken, dem Nervensystem, der Haut oder selten am Herz führen, wenn sie nicht frühzeitig erkannt wird. Bis Ende Mai meldeten die Ärzte bereits 2900 akute Fälle von ­Borreliose. Seither sei die Anzahl der Erkrankungen weiterhin sehr stark gestiegen, sagt Daniel Koch vom BAG.

Es kann zu bleibenden Schäden kommen

Während Ärzte Borreliose-Patienten mit Antibiotika behandeln können, gibt es für die andere von Zecken übertragbare Krankheit, die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), ­keine Therapie. Empfohlen ist jedoch eine vorbeugende Impfung. Die durch Viren verursachte Hirn- und Hirnhautentzündung ist mit 100 bis 250 Fällen im Jahr zwar seltener, dafür aber gefährlich. Sie kann zu bleibenden Schäden oder gar zum Tod führen.

Auch bei der FSME sind in diesem Jahr die Zahlen ungewöhnlich hoch. Allein bis Mitte Juni sind 105 Fälle gemeldet worden. «Die Situation ist besorgniserregend», sagt Koch. Schon in den letzten zwei Jahren sei die Anzahl der von Zecken übertragenen Krankheiten sehr hoch gewesen, und nun sei sie nochmals gestiegen. Im Vergleich zum gleichen Zeitraum im letzten Jahr hat sich die Zahl der FSME-Fälle verdoppelt.

Trockene Frühlingsluft setzt den Zecken zu

Ob die Plagegeister häufiger zubeissen, oder ob es mehr von den Spinnentieren gibt als vor einigen Jahren, ist unklar. Sicher sei aber, dass Zecken vermehrt wahrgenommen werden, sagt Rahel Ackermann vom Nationalen Referenzzentrum für zeckenübertragbare Krankheiten am Labor Spiez. Hinzu kommt, dass sich die Menschen wegen des schönen Wetters in den letzten Wochen häufiger im Freien aufgehalten haben – und in Wiesen und an Waldrändern lauern die Blutsauger. Die Bedingungen seien für Zecken derzeit optimal: warm und feucht, sagt Rahel Ackermann.

Genaue Aussagen, wie viele Zecken es in der Schweiz gibt, kann aber niemand treffen. Denn es gebe weder standardisierte Zählungen noch Langzeituntersuchungen, um zu erkennen, ob sich die Zeckenpopulation verändere, sagt Werner Tischhauser. Dazu müssten Forscher regelmässig mit Tüchern an Gräsern und Wegrändern entlangstreifen und die Spinnentiere zählen, die sich daran festklammern. So wie sie es normalerweise im Fell, in den Federn oder auf der Haut ihrer Wirte tun, zu denen Säugetiere, Vögel, Repti­lien und Menschen zählen.

Derartige Zählungen sind jedoch aufwendig und werden nur in ausgewählten Regionen durchgeführt, etwa in einem Gebiet nördlich von Neuenburg. Die überraschenden Ergebnisse einer solchen Langzeituntersuchung hat kürzlich ein Forscherteam der Universität Neuenburg in der Fachzeitschrift «Parasites & Vectors» veröffentlicht.

Zecken indes nachweislich auf dem Vormarsch

Demnach hat die Anzahl der Zecken in dem untersuchten Gebiet von 2000 bis 2014 aber nicht zu-, sondern abgenommen. Wo­ran das liegt, ist nicht bekannt. Vermutlich habe früher einsetzende trockene Luft im Frühjahr eine Rolle gespielt, bei der Zecken sich nicht gut entwickeln.

In anderen Weltregionen seien die Zecken indes nachweislich auf dem Vormarsch, sagt Maarten Voordouw von der Universität Neuenburg. So haben beispielsweise Zählungen von etablierten Zeckenpopulationen in Kanada ­ergeben, dass die Zahl der Plagegeister seit 1995 um das Zweihundertfache zugenommen hat. Wissenschaftler aus Skandinavien hätten Ähnliches beobachtet.

Zecken-App: www.zhaw.ch/iunr/zecken

* Dieser Artikel erschien erstmals am 1. Juli 2018 in der SonntagsZeitung

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.07.2018, 19:53 Uhr

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In Zahlen

0,5–3%
der Zecken tragen Viren in sich, die eine Hirnhautentzündung (FSME) auslösen können. Rund 100 bis 250 Personen erkranken daran pro Jahr. 1 Prozent der Patienten stirbt.

3
Mal in ihrem Leben benötigen die Spinnentiere Blut – und zwar immer, wenn sie ein neues Entwicklungsstadium erreichen: als Larve, Nymphe und als erwachsenes Tier.

5–50%
der Zecken können je nach Region mit Bakterien infiziert sein, welche die Borreliosekrankheit auslösen. Jährlich erkranken etwa 10'000 Personen in der Schweiz daran.

200
Mal so schwer ist eine mit Blut vollgepumpte Zecke im Vergleich zu einer ausgehungerten.

15
Tage lang kann eine Zecke an ihrem Opfer saugen.

1000
Ein Zeckenweibchen legt mehrere Tausend Eier und stirbt danach. Längst nicht alle Eier entwickeln sich.

20
Zeckenarten gibt es ungefähr in der Schweiz. Am häufigsten kommt Ixodes ricinus vor, der gemeine Holzbock.

Schutz vor Zecken

Unterholz meiden, lange Kleidung tragen, spezielle Zeckenschutzmittel auf die Haut auftragen, nach dem Aufenthalt im Freien den Körper nach Zecken absuchen, Blutsauger schnell entfernen und die Einstichstelle beobachten. Bei Hautveränderungen oder Unwohlsein zum Arzt gehen. Vor der Zecken-Hirnhautentzündung (FSME) schützt eine Impfung.

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