Böse-Männer-Reflex

Die Abneigung gegen Erdogan und Trump verhindert einen realistischen Blick auf die Vorgänge an der türkisch-syrischen Grenze.

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Als Donald Trump vor einer Woche den Abzug eines Restbestands von US-Truppen aus dem syrischen Grenzgebiet zur Türkei bekannt gab, dauerte es wenige Sekunden, bis sich die Kommentatoren ihre Meinung gebildet hatten: Verrat am Bündnispartner. Und noch bevor der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Flugzeuge und Granaten über die Grenze schickte, standen die Folgen bereits fest: Kriegsverbrechen gegen Kurden.

Die Präsidenten der USA und der Türkei sind unter Meinungsführern im Westen derart verhasst, dass von links bis rechts praktisch niemand an den Entscheidungen der beiden Machthaber ein gutes Haar lassen mochte. Schliesslich hatten Erdogan und Trump vorher sogar miteinander gesprochen.

Die Realität ist freilich etwas komplizierter. Erstens sind die Türkei und die USA als Nato-Partner zu gegenseitiger Unterstützung aufgerufen. Zweitens sind die kurdischen Streitkräfte an der Grenze mit der ursprünglich kommunistischen Separatistenpartei PKK verbunden, die beide Länder als terroristische Organisation einstufen. Drittens würde kein türkischer Präsident ein von der PKK kontrolliertes Gebiet an der Südgrenze des Landes auf Dauer dulden.

Vor diesem Hintergrund vollzieht Erdogan mit der Errichtung einer Sicherheitszone in Nordsyrien einen aus der Sicht Ankaras zwingenden Schritt. Trump hatte weder genügende militärische Mittel, noch eine bündnispolitische Rechtfertigung, um ihn daran zu hindern.

Für die nächsten Tage und Wochen stellen sich zwei entscheidende Fragen: Bleibt die türkische Militäraktion in Syrien eine ­begrenzte Intervention? Und werden die jetzt von Kurden bewachten IS-Terroristen weiterhin festgehalten? Solange Antworten auf diese Fragen ausstehen, sollten wir mit moralischem Urteil zuwarten. Auch wenn uns die zwei bösen Männer zuwider sind.



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Erstellt: 13.10.2019, 00:26 Uhr

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