Bund geht gegen Schnäppchen-GA für SBB-Rentner vor

Der Kampf um die Millionenrabatte für Bähnler spitzt sich zu. Branchenverband und Gewerkschaft gehen auf die Barrikaden. Die Rede ist von «grossem sozialem Unfrieden».

«Sozialer Unfriede beim Personal» drohe: Gleisarbeiter der SBB. Foto: Keystone

«Sozialer Unfriede beim Personal» drohe: Gleisarbeiter der SBB. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Genau 101 243 Generalabonnemente (GA) im Marktwert von 380 Millionen Franken gaben Schweizer Bahnbetriebe ihren Angestellten und Pensionierten letztes Jahr kostenlos oder zu stark reduzierten Preisen ab. Fast jedes sechste GA ist also ein Schnäppchen aus dem Mitarbeiter-Shop. Jetzt setzt das Bundesamt für Verkehr (BAV) die Transportunternehmen unter Druck. Die Behörde sieht den wirtschaftlichen Umgang mit Steuergeldern in Gefahr.

Konkret verlangt die ÖV-Aufsicht des Bundes, dass der Kreis der Nutzniesser von verbilligten GA überprüft und allenfalls eingeschränkt wird. «Es ist zu klären, wie weit Pensionierte in Zukunft noch einen Anspruch auf Fahrvergünstigungen haben sollen, und wenn ja, in welchem Umfang», fordert das BAV von der Branche.

Damit verdonnert die Behörde von Amtschef Peter Füglistaler die ÖV-Branche zu unbequemen Diskussionen mit der Belegschaft. Wegen Personalengpässen und harzenden Schienenverkehrs kommen diese jetzt äusserst ungelegen.

SBB-Rentner erhalten 62 Prozent Rabatt

Die Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV geht denn auch schon auf die Barrikaden. «Werden die Fahrvergünstigungen für Pensionierte und Aktive eingeschränkt oder abgeschafft, wird dies zu einem grossen sozialen Unfrieden beim Personal führen», sagt SEV-Gewerkschaftssekretär Martin Allemann. In den nächsten Jahren würden rund 30 Prozent der Mitarbeitenden das Pensionsalter erreichen. «Die Unternehmen müssten wesentlich mehr Lohn bezahlen, um die entgangenen Vergünstigungen auszugleichen», sagt er. Und: «Die Unternehmen würden auch Personal verlieren.»

13 781 Senioren, die für die Bahn, einen Busbetrieb oder eine Schifffahrtsgesellschaft gearbeitet haben, profitierten letztes Jahr von Fahrvergünstigungen. Bei den SBB etwa erhalten Rentner einen Rabatt von 62 Prozent auf ihr GA.

Aktiv wurde das BAV, nachdem die SonntagsZeitung im März die Details des über Jahre geheim gehaltenen Mitarbeiterrabattsystems enthüllt hatte. Selbst die ÖV-Aufsicht war darüber angeblich nur rudimentär im Bild. Nach jahrelangem Versteckspiel zwingt diese die Transportunternehmen jetzt zu einer Neuregelung. Ihre konkreten Erwartungen dazu hat das BAV der Branche im August kommuniziert, wie jetzt bekannt wird. Im bestehenden Rabattsystem kritisiert es eine fehlende Kostentransparenz. Es sei problematisch, dass die «personalpolitisch motivierte Abgabe von günstigen Fahrausweisen an das Personal über einen separaten Tarif erfolgt». So könne nicht ausgeschlossen werden, dass ÖV-Kunden oder Steuerzahlende einen Teil der Vergünstigungen mitfinanzierten. Das will das BAV auf keinen Fall.

Ins Visier des Amts geraten neben den Rentnern auch ÖV-Angestellte, die im Dienst von Kantonen und Verbänden stehen. Grundsätzlich – so die BAV-Forderung – soll nur Personal von einem «angemessenen Rabatt» profitieren können, welches einen direkten Beitrag zur Sicherstellung des öffentlichen Verkehrs und des Schienengüterverkehrs leistet. Auch weitere Nutzniesser wie beispielsweise die Mitarbeitenden eines Ausbildungsinstituts, einer ÖV-nahen Pensionskasse oder eines auf ÖV-Informatik spezialisierten Unternehmens müssen deshalb um ihre verbilligten Abonnemente bangen.

Die ­ÖV-Branche will sich nicht unter Druck setzen lassen

In der Diskussion um die Grenzen von Privilegien droht jetzt sogar eine Rabattschlacht vor Gericht. «Nicht alles, was das BAV will, ist ein Auftrag zur Umsetzung», sagt Ueli Stückelberger, der Direktor des Verbands öffentlicher Verkehr (VÖV). In Tarifangelegenheiten entscheide die Branche. «Mit unserem Entscheid kann das BAV einverstanden sein oder nicht. Allenfalls muss es dann halt Rechtsmittel gegen uns einsetzen», sagt er.

Gleichwohl will das Bundesamt für Verkehr bis Ende Jahr von den Transportunternehmen einen konkreten Umsetzungsvorschlag auf dem Tisch haben. Diese werden den Termin verstreichen lassen. «Wir lassen uns nicht unter Druck setzen», sagt VÖV-Direktor Stückelberger. Er will jetzt eine «gute, auch für die Personalverbände tragbare Lösung finden».

Die ÖV-Aufsicht des Bundes lässt indessen nicht locker: Sie erwarte, liess sie Mitte Oktober letztmals ausrichten, dass «in diesem wichtigen Geschäft nicht auf Zeit gespielt wird».



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 17.11.2019, 08:38 Uhr

Artikel zum Thema

Teureres GA könnte zum Bumerang werden

Die ÖV-Betriebe denken über eine Preiserhöhung nach. Weil so viele Angestellte verbilligte Abos haben, stellen sich nun heikle Fragen. Mehr...

Bericht: Das GA wird deutlich teurer – das sagen die SBB

Ein internes Dokument zeigt, dass ÖV-Benutzer künftig tiefer in die Tasche greifen müssen. Die Gemeinde-Tageskarte soll abgeschafft werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Nur für die ganz Harten: Kälteresistente Teilnehmende schreiten ins 4 Grad kalte Wasser des Blausee im Berner Oberland. Das Blausee Schwimmen findet zum vierten Mal zugunsten der von Alt-Bundesrat Adolf Ogi gegründeten Stiftung «Freude herrscht» statt. (1. Dezember 2019)
(Bild: Alessandro della Valle) Mehr...