Bund nimmt schädliche Fungizide nur zögerlich vom Markt

Die EU verbietet derzeit ein Pflanzenschutzmittel nach dem anderen – Schweizer Bauern setzen diese vorerst weiter ein.


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Nach Millionenklagen von US-Konsumenten wegen Vergiftungen durch das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat stehen Pestizidhersteller unter Druck. Auch in Europa. Die EU nimmt immer mehr Pestizide vom Markt. Das jüngste Beispiel ist das Pflanzenschutzmittel Chlorothalonil, das unter anderem Gerste vor Fäule schützt. Dessen Einsatz hat in der Vergangenheit Haut- und Augenreizungen bei Menschen ausgelöst. Bei Experimenten mit Ratten verursachte der Wirkstoff Nasenbluten und Erbrechen.

Etwas geringer ist der Druck in der Schweiz. Chlorothalonil bleibt vorerst im Einsatz. 30 Tonnen davon werden jährlich auf den Feldern zwischen Genf und St. ­Gallen versprüht. Damit wächst die Anzahl der ­Pflanzenschutzwirkstoffe, die hierzulande eingesetzt werden dürfen, im EU-Raum aber keine Zulassung haben, auf 13 an. Das zeigt ein Abgleich der Pestizidliste der EU mit derjenigen des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW). Betroffen sind neben Chlorothalonil acht weitere Fungizide, zwei Insektizide und je ein Algen- und ein Unkrautvernichtungsmittel.

Bis ein Pestizid auch in der Schweiz vom Markt genommen wird, bedarf es einer vertieften Prüfung durch den Bund. Das Bundesamt für Landwirtschaft, das die Bewilligungen vergibt, sagt auf ­Anfrage: «Alle 13 erwähnten Wirkstoffe befinden sich gegenwärtig in diesem Prozess.»

Während des ­Analyseprozesses herrscht Unsicherheit

Das BLW gleiche die eigene Liste zweimal jährlich mit derjenigen der Europäischen Union ab. Die Stoffanalysen führt danach das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) durch. Das BLV bestätigt, sich ausgiebig mit der Risikoanalyse des Fungizids Chlorothalonil zu befassen. Ein komplexer Prozess. Wann er abgeschlossen ist, kann das Amt aktuell nicht angeben.

Die rechtlichen Unsicherheiten, die deshalb entstehen, sind vor allem für die kantonalen Labors problematisch. Sie kümmern sich um die Wasserqualitätskontrollen.

Zum Beispiel das ­Interkantonale Labor, dem unter anderem der Kanton Schaffhausen angeschlossen ist. In dessen kürzlich veröffentlichtem Jahresbericht ist vermerkt, dass im Grundwasser bei Stein am Rhein SH Chlorothalonil-­Sulfonsäure mit einer Konzentration von über 0,1 Mikrogramm pro Liter festgestellt worden ist.

Aufgrund der unklaren ­Rechtslage könne die Probe aber nicht beanstandet werden. Das heisst: Es werden keine Nachforschungen angestellt, um den verantwortlichen Bauernhof aufzuspüren. Ob die erhöhte Konzentration von Chlorothalonil-Sulfonsäure für die Gesundheit schädigend ist, kann das Labor nicht beurteilen. Diese Kompetenz liege beim BLV.

Wie lange es geht, bis ein Pestizid beurteilt und allenfalls vom Markt genommen wird, zeigt das diese Woche vom BLW verfügte Verbot für das Insektizid Chlor­pyrifos. Das Gift wird unter anderem als Stallspritzmittel eingesetzt. In den USA sind Chlorpyrifos-­haltige Stoffe schon seit März 2017 verboten. Es dauerte also über zwei Jahre, bis das Verbot die Schweiz erreichte.

Bundesrat befürchtet negative Folgen für Landwirtschaft

Am Donnerstag will der Nationalrat über die Trinkwasser- und über die Pestizidinitiative debattieren. Die beiden Volksinitiativen sollen nächstes Jahr vors Volk kommen. Die Pestizidinitiative will alle Pflanzenschutzmittel verbieten; diejenige zum Trinkwasser will ein Pestizidverbot an Direktzahlungen für Bauern koppeln. Wer vom Bund Geld erhält, soll keine Pflanzenschutzmittel einsetzen dürfen.

Der Bundesrat sagt, dass die Annahme der Initiativen negative Folgen für die Schweizer Landwirtschaft sowie für die Lebensmittelindustrie und die Lebensmittel­sicherheit hätte.

Erstellt: 15.06.2019, 22:03 Uhr

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