Bundesrat rechnet Transmenschen klein

Geschlechtsangleichende Operationen sind gut dokumentiert – trotzdem verbreitet die Regierung falsche Zahlen.

Es reicht ein Behördengang, um das Geschlecht zu wechseln. Foto: Getty Images

Es reicht ein Behördengang, um das Geschlecht zu wechseln. Foto: Getty Images

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Eigentlich war der Freitag ein guter Tag für alle Transmenschen in der Schweiz. Der Bundesrat will, dass Transmänner und -frauen ihr Geschlecht und ihren Namen künftig im Personenstandsregister unbürokratisch mit einer Erklärung ändern können. Es reicht also, wenn Menschen, die das Gefühl haben, in einem falschen Körper zu leben, bei den Zivilstandsbeamten vorsprechen und ein Formular ausfüllen. Bislang musste jede Geschlechts­änderung vor den Richter.

Doch mit der Botschaft, die der Bundesrat zuhanden des Parlaments verabschiedet hat, verbreitet die Landesregierung auch irritierende Nachrichten. Darin heisst es: «Gemäss Hochrechnungen, die sich auf Daten in der Fachliteratur stützen, leben in der Schweiz zwischen 100 und 200 Menschen mit Transidentität, die bereits operiert wurden oder bei denen eine Operation in Betracht gezogen wird.»

Experte geht von bis zu 2000 operierten Transmenschen aus

Das ist eine Untertreibung, wie ­allein schon ein Blick in die medizinische Statistik der Spitäler zeigt. Demnach haben sich zwischen 2009 und 2017 nicht weniger als 353 Personen insgesamt 384 geschlechtsangleichenden Operationen unterzogen. Das geht aus einer Auswertung des Bundesamts für Statistik (BFS) hervor.

Und selbst in der Bundesstatistik sind nicht alle Operationen bei Transmenschen erfasst – denn es kommt darauf an, wie die Spitäler abrechnen. Allein das vergleichsweise kleine Kantonsspital Zug führt pro Jahr rund 80 Brustentfernungen bei Transmännern durch – bei Menschen also, die in einem Frauenkörper geboren ­worden sind, sich aber als Mann identifizieren.

In der Schweiz gibt es nur ­wenige spezialisierte Mediziner, die sich mit der Materie auskennen. Einer von ihnen ist der Gynäkologe Niklaus Flütsch, er betreibt eine Praxis in Zug und eine Sprechstunde in Zürich. Flütsch schätzt, dass sich der Bundesrat um mindestens den Faktor 10 verrechnet hat. Das heisst: In der Schweiz dürfte es bis zu 2000 Menschen geben, die eine sogenannt feminisierende oder virilisierende Operation vorgenommen haben.

Der Zuger Gynäkologe spricht aus Erfahrung. Er alleine betreut 630 Transmenschen, mehrere Hundert von ihnen haben ihr ­Geschlecht in der einen oder ­anderen Form operativ anpassen lassen. Kommt hinzu, dass viele Transmenschen aus der Schweiz die Operationen im Ausland machen liessen – weil es hierzulande lange Zeit kaum Chirurgen gab, die derart komplexe Eingriffe ­vornehmen konnten. Diese Menschen tauchen ebenfalls in keiner Schweizer Statistik auf.

Die viel zu tiefen Zahlen hat der Bundesrat am 23. Mai 2018 veröffentlicht – als die Vernehmlassung zur Gesetzesänderung startete, die Transmenschen die Anpassung des Geschlechts bei den Behörden ­erleichtern sollte. In der Folge wurden die Zahlen von den Medien breit aufgenommen.

Als Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen (EKF) wies Flütsch den Bund auf den Fehler hin. In der EKF-Stellungnahme schrieb der Arzt während der Vernehmlassung: «Es ist bedauernswert, dass sich der Bundesrat auf unklare Quellen stützt.»

Geschlechterwechsel ist auch ohne Operation möglich

Tatsächlich hat der Bundesrat inzwischen seinen Fehler erkannt. Michel Montini, beim Bundesamt für Justiz zuständig für das Geschäft, sagt, man vermute tat­sächlich, dass die Zahl der operierten Transmenschen in der Schweiz höher sei. «Insofern hat die EKF vermutlich recht.»

Doch die Zahlen wurden deswegen nicht aus der Botschaft entfernt. Einzig im zweiten Teil einer langen Fussnote erwähnt der ­Bundesrat die Kritik der EKF. Die Frage nach dem Warum beantwortet Montini nicht. Stattdessen erwähnt er eine andere Auswertung, die vom Bundesamt für Justiz erstmals gemacht wurde. So gab es in der Schweiz von 2011 bis und mit 2018 insgesamt 676 Geschlechtsänderungen im Personenstands­register – und dies mit stark steigender Tendenz.

Allerdings sagen diese Zahlen, die auch Schweizerinnen und Schweizer im Ausland erfassen, wenig aus über effektiv durchgeführte Operationen. Denn für eine Geschlechtsänderung im Register müssen sich Transmenschen nicht mehr zwingend operieren lassen. So kam das Regionalgericht Bern-Mittelland schon im Jahr 2012 zum Schluss, für einen Geschlechterwechsel im Register dürfe kein operativer Eingriff vorausgesetzt werden. Selbst eine Hormon­therapie könne nicht zwingend ­gefordert werden.



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Erstellt: 08.12.2019, 11:25 Uhr

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