«China wird im Weltraum zu einem Problem für uns alle»

50 Jahre nach der ersten Mondlandung will die Nasa wieder auf den Trabanten. An vorderster Front dabei: Der Schweizer Thomas Zurbuchen als Forschungschef.

«Durch Forschung lösen wir Probleme, die wir noch gar nicht haben»: Thomas Zurbuchen, 51. (Fotos: Fabian Hugo)

«Durch Forschung lösen wir Probleme, die wir noch gar nicht haben»: Thomas Zurbuchen, 51. (Fotos: Fabian Hugo)

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Es ist heiss an diesem Tag, sehr heiss. Thomas Zurbuchen eilt durchs Gebäude der Exakten Wissenschaften der Universität Bern – und schwitzt. Nicht nur wegen der Hitze. Der Aufenthalt des Wissenschaftsdirektors der US-Bundesbehörde für Raumfahrt und Flugwissenschaft Nasa in seinem Heimatland ist auf die Minute durchgeplant. Er setzt sich an den alten Tisch im Fakultätszimmer. Hier hat er vor Jahrzehnten als Studentenvertreter mit den Professoren gesessen. Er erinnert sich noch genau an den renommierten Physikprofessor Heinrich Leutwyler. Wie dieser gegen den Schlaf ankämpfte, während sich sein Kugelschreiber auf der schiefen Tischplatte verselbstständigte, langsam der Kante entgegenrollte. Zurbuchen schmunzelt. Denn: Jedes Mal gelang es dem Professor, den Stift zu schnappen, kurz bevor dieser zu Boden fiel – und ihn verraten hätte. Genauso vif wechselt der Nasa-Mann an diesem Sommertag zurück in die Gegenwart. Zurück in den hochgetakteten Job.

Sie tragen sexy Socken mit einem bunten Mond-Motiv. Ist das Ihr Markenzeichen?
Ja, aber das war nicht immer so. Lange Zeit trug ich schwarze Socken. Bis mir meine Familie ein farbiges Paar geschenkt hat, das ich natürlich auch anzog. Dann haben mir alle möglichen Leute bunte Socken geschenkt . . .

Und heute gehen diese in den sozialen Medien um die Welt.
Ja. Auch wenn ich irgendwo auf einem Podium stehe, kommt die Frage auf, welche Socken ich gerade trage. Privat bin ich gerne in Jeans und T-Shirt. Die bunten Socken sind meine Art geworden, einen Farbtupfer in den sonst uniformartigen Auftritt mit Anzug zu bringen, den mein Job verlangt.

Welche Socke wird es am Jubiläumstag der Mondlandung sein?
Keine Ahnung. Ich habe bei der Wahl keine Strategie. Ich greife jeweils in die Schublade und nehme ein Paar raus, das ungefähr passt.

US-Vizepräsident Mike Pence hat im März überraschend angekündigt: Spätestens 2024 sollen wieder Amerikaner auf dem Mond spazieren. Wie erklären Sie sich die plötzliche Eile – nachdem man 50 Jahre lang gewartet hat?
Manche Probleme löst man besser, wenn man Gas gibt.

Halten Sie 2024 für realistisch?
Es ist unglaublich aggressiv – unter gewissen Bedingungen aber realistisch.

Unter welchen Bedingungen?
Die beteiligten, kommerziellen Firmen müssen mit ihren Projekten reüssieren. Das Geld muss zur Verfügung stehen, die Politik mitmachen – und das Glück auch. Wenn das alles klappt, können wir es schaffen.

Weshalb holt Mike Pence den Plan jetzt aus der Schublade?
Der Vizepräsident sagte uns, die Nasa habe sich zwar zu einer bestens funktionierenden Behörde entwickelt. Allerdings habe sie Mühe, sich wirklich aus dem Griff der Erde zu lösen. Pence ist der Meinung, wir lernen nicht genug, wenn wir nur an der internationalen Raumstation operieren. Jetzt müssten wir uns entscheiden: Wollen wir noch weiter hinaus in den Weltraum?

Und der Weg dahin führt über den Mond?
Genau.

Weil es zu gefährlich wäre, nun direkt zum Mars zu gehen?
Ja. Es macht keinen Sinn, direkt den Mars anzupeilen. Im Notfall würde es so ein oder gar zwei Jahre dauern, einen Astronauten zu retten. Deshalb wollen wir die nötigen Technologien an einem Ort entwickeln und testen, der im Notfall in zwei Tagen erreichbar ist. Und das ist der Mond.

Sie müssen nun also ordentlich Tempo machen. Wie geht es Ihnen dabei als Berner?
Ich bin nur ein halber Berner. Zur anderen Hälfte bin ich Solothurner. Vielleicht habe ich mehr von dieser Region abbekommen, denn mein Problem ist eher, dass ich zu schnell «fürschi» mache. Ich habe zu wenig Geduld. Etwas mehr vom Berner täte mir wohl ganz gut.

In Heiligenschwendi bei Thun sind Sie in einer sehr gläubigen Familie aufgewachsen. Ihr Vater war Priester einer Freikirche.
Ja, er sagt, er war Evangelist, ein Erweckungsprediger.

Wie stehen Sie als Wissenschaftler zu diesem freikirchlichen Umfeld?
Ich bin nicht Mitglied einer Freikirche. Ich denke, man sollte die Menschen nicht nach dem beurteilen, was sie sagen, sondern nach dem, was sie tun. Wir sollten auch nicht so leben, als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt, sollten Bedürftigen helfen und etwas von dem weitergeben, was wir haben. Unterstützt die Religion einen Menschen darin, ist das eine gute Sache. Es gibt aber Leute, die das auch ohne Religion tun.

Mit Pences Ankündigung bricht für die Nasa eine spannende Zeit an. Dabei besetzen Sie eine wichtige Rolle. Warum erhielten ausgerechnet Sie den Job?
Ich denke, wegen dreier Eigenschaften. Erstens die Ergänzung der theoretischen Wissenschaft durch praktische Erfahrung. Das begann an der Universität Bern. 1991 baute ich dort ein Instrument für die Nasa-Raumsonde Wind, die den Sonnenwind untersucht. Obwohl wir unter grossem Zeitdruck standen, hat das Instrument super funktioniert. Zweitens habe ich mich als Innovationstreiber engagiert. In den letzten zehn Jahren habe ich an der University of Michigan Programme aufgebaut, damit Forschungsideen den Sprung in die Realität schaffen.

Dazu haben Sie das Center for Entrepreneurship gegründet, das Start-ups fördert und Industrieprojekte mit der Hochschule verknüpft.
Genau. Und drittens betrachte ich mich als Teamplayer. Schon beim Militär, später im Sport und dann als Leiter von Forscherteams habe ich gelernt, ambitiöse Ziele zu setzen und die Leute zu motivieren, diese Ziele auch zu erreichen.

Ein ambitiöses Ziel hat Pence nun Ihnen gesetzt. Startet nun ein neues Space Race, das die USA gewinnen wollen?
Möglich. Kooperation und Konkurrenz gehören für uns zusammen. Auf der einen Seite wollen wir die Konkurrenz erhalten und schneller sein. Aber dies ist kein Hindernis, um zusammenzuarbeiten. In den letzten Jahrzehnten war die Raumfahrt eine internationale Kooperation. Bei den meisten Flügen zur Raumstation ISS sassen Russen, Europäer und Amerikaner nebeneinander. Trotz diverser politischer Krisen war das immer so. Doch nun stellt sich die Frage: Halten sich insbesondere China, aber auch Russland, weiterhin an die Standards, die wir im Weltraum pflegen?


«Das ist, wie wenn man ­friedlich zu Hause wohnt und plötzlich kommt einer und stellt ein Maschinengewehr im ­Garten auf.»

Welche Standards?
Zum Beispiel gilt die Regel, dass wir uns im Weltraum nicht angreifen. Ähnlich wie die Antarktis haben wir den Weltraum als ein Art Kontinent verstanden, auf dem wir nicht kämpfen. Nun gibt es klare Hinweise, dass China anders denkt und militärische Weltraumprojekte ins Auge fasst. Das wird zu einem Problem für uns alle. Das ist, wie wenn man friedlich zu Hause wohnt und plötzlich kommt einer und stellt ein Maschinengewehr im Garten auf. Was soll man da machen?

Ignorieren?
Man könnte es ignorieren und sagen, China ist ja nicht so stark wie wir. Die Alternative wäre, dass man hinsteht und sagt: so nicht!

Was hat das mit dem Mond zu tun?
Wenn wir zurück zum Mond gehen, zeigen wir, was wir technologisch draufhaben. Und es wäre ein Zeichen an China: Wir sehen, was ihr macht. Wir könnten unsere strategische Überlegenheit im Weltraum demonstrieren. Darum geht es auch.

Dann hat «Artemis», das neue Mond-Projekt, einen militärischen Hintergrund?
Die Nasa ist keine militärische Organisation. Und wir wollen unsere Dominanz auch nicht auf militärische Art zeigen, etwa, indem wir chinesische Satelliten abschiessen. Wir wollen vielmehr, dass der Weltraum so bleibt, wie er ist.

Nämlich?
Eine militärfreie Zone. Jeder sollte den Weltraum so nutzen dürfen, dass es ihm wirtschaftlich hilft, für die Wissenschaft und für die Erdbeobachtung. Der Weltraum soll ein besonderer Ort bleiben, so wie die Antarktis. Dafür wollen wir uns einsetzen.

Es geht Ihnen also um die Verteidigung von Werten im Weltraum.
Absolut.

Die Apollo-Mission genoss eine grosse Aufmerksamkeit, auch wegen des Space Races. Wie ist das heute?
Es ist unglaublich schwierig, sich mit der geschichtsträchtigen Apollo-Mission zu vergleichen. Das war ein einzigartiger Moment in der Geschichte. Der zweite Weltkrieg im Hintergrund, die Gefahren des Kalten Kriegs in der Gegenwart. Dazu die Wette, dass eine freiheitliche Gesellschaft die bessere ist. Das hat eine Aufmerksamkeit erzeugt, die kaum zu überbieten ist. Aber das ist auch nicht das Ziel.

Sondern?
Wir wollen nicht nur einen kurzen Moment hoher Aufmerksamkeit erreichen. Rückblickend war das eine Schwäche der Apollo-Mission. Da war dieser atemberaubende Moment der Mondlandung – doch dann verschwand das öffentliche Interesse am Weltraum wieder.

Und das möchten Sie diesmal vermeiden?
Ja. Auch wenn wir nun mit mehr Tempo voranschreiten, wollen wir ein Projekt aufbauen, das lebensverändernd wirkt – nicht nur für einen einzigen Augenblick, sondern nachhaltig.

Wie viel dürfte «Artemis» insgesamt kosten?
Nasa-Administrator Jim Briden­stine sagte kürzlich in einem Interview: Wenn die Nasa ein Budget von 21 Milliarden US-Dollar pro Jahr hat, bräuchte es zusätzlich zwischen 20 und 30 Milliarden, um 2024 bemannt auf dem Mond zu landen.

Deutlich weniger als die Apollo-Mission, die nach heutigem Geldwert circa 150 Milliarden Dollar gekostet hat.
Ja, Apollo hat vier Prozent des gesamten Budgets der USA ausgemacht. Artemis wäre nur ein halbes Prozent.

Wie kommt das?
Für Apollo musste jede Technologie neu entwickelt werden. Wir müssen nichts wirklich neu erfinden, sondern nur gut und neu bauen. Das sind ganz andere Voraussetzungen als damals. Für den Mars sieht das anders aus, da sind wieder neue Technologien gefragt.

In welcher Hinsicht könnte der normale Erdenbürger von diesen Mond- und Marsprojekten profitieren?
Was für eine einfache Frage! Forschung ist die beste Investition in die Zukunft. Unser Leben ist heute, wie es ist, weil unsere Vorfahren geforscht haben. Durch Forschung lösen wir Probleme, die wir noch gar nicht haben. Wir denken voraus, fördern und entwickeln neue Technologien, neue Industrien, die heute unser Leben unterstützen – ob das im Spital ist, in der Unterhaltung oder beim Smartphone.

Ist es nicht extrem schwierig, heute vorauszusehen, was in einem Jahr passiert und was wir dann brauchen könnten?
Doch. Aber auch das können wir von der Apollo-Mission lernen. Zwar hat man die Raketen, die man entwickelt hatte, immer als Raketen benutzt. Aber auch, um Satelliten in den Orbit zu bringen, die für Erdbeobachtung, Wettervorhersagen – also für den Erhalt des Lebens – wichtig sind. Das hat damals niemand vorausgesehen. Das dürfte beim Mars genauso sein.

Ist das nicht eine sehr teure Art, Innovation zu betreiben? Man könnte das viele Geld doch auch direkt für die Lösung der irdischen Probleme investieren.
Erfolgreiche Länder tun beides. Sie kümmern sich direkt um die Bevölkerung, um deren Gesundheit, um die Infrastruktur, die Umwelt. Gleichzeitig investieren sie in die Zukunft – in die Forschung. Länder die nur auf die Zukunft setzen und ihre Leute vergessen, gehen kaputt. Aber auch jene, die nur in die Gegenwart schauen. Jede Generation muss diese Frage neu für sich entscheiden.

Ein Thema, das der jungen Generation wichtig ist, ist die Nachhaltigkeit. Wie kümmert sich die Raumfahrt darum?
Wir müssen die Prinzipien, die auf der Erde gelten, auch mit in den Weltraum nehmen.

Was heisst das konkret?
Wir müssen etwa Treibstoff, der die Umwelt oder unsere Gesundheit gefährdet, ersetzen. Kürzlich haben wir erstmals eine Technologie in den Weltraum geschossen, um genau dies zu testen – also abbaubaren Treibstoff. Dann geht es um Respekt gegenüber den Orten, die wir da oben erforschen, darum, dass wir auch in Hundert Jahren nicht bereuen, wie wir sie heute behandeln.

Auch im Weltraum gibt es ein Müllproblem.
Das ist wirklich ein Problem, eines, das immer akuter wird, und zwar in mehreren Höhen. Es braucht deshalb mehr als nur einen Lösungsansatz. Wichtig ist, dass wir als Weltgemeinschaft Regeln aufstellen – und uns daran halten.

Die Lunar Embassy verkauft bereits Grundstücke auf dem Mond. Haben Sie sich schon eines mit Blick auf die Erde gesichert?
Nein. Diese Aktion zeigt aber, dass wir darüber reden müssen, wie wir mit den Besitzverhältnissen auf dem Mond umgehen wollen. Nicht, dass eine Nation hingeht und ihn für sich alleine beansprucht – das wäre inakzeptabel. Natürlich können wir dort oben auch nicht allen alles erlauben – das geht auch auf der Erde nicht. Es braucht Verhaltensregeln, die der Menschheit im Sinne der Nachhaltigkeit und der internationalen Partnerschaft helfen.



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Erstellt: 21.07.2019, 19:29 Uhr

Der Senkrechtstarter

Der Physiker Thomas Zurbuchen, 51, wuchs in Heiligenschwendi bei Thun auf und ist seit mehr als zwei Jahren Wissenschaftsdirektor der US-Weltraumbehörde Nasa mit Sitz in Washington D. C. Dort ist er Herr über ein Multimilliardenbudget. Sein wissenschaftliches Spezialgebiet ist die Physik der Sonne. Zurbuchen hat mehr als 200 Fachartikel zu diesem Thema publiziert und mehrere Preise gewonnen. Er ist mit einer US-Amerikanerin verheiratet und hat zwei Kinder.

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