Credit Suisse liess Starbanker von Detektiven verfolgen

Hollywoodreif: Iqbal Khan, ehemaliger Chef der Vermögensverwaltung, lieferte sich mit Beschattern eine Verfolgungsjagd.

Der 43-jährige Iqbal Khan wechselt zur Rivalin UBS. Foto: Reuters / Arnd Wiegmann

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Am Zürcher Paradeplatz macht im Moment eine Geschichte die ­Runde, die ist so unglaublich, dass sich selbst altgediente Banker nicht an etwas Vergleichbares erinnern können. ­Begonnen hat alles damit, dass Iqbal Khan Ende Juni bekannt gab, dass er bei der ­Credit Suisse gekündigt habe. Dazu gab es salbungsvolle Worte des Bedauerns von beiden Seiten.

Ende August wurde dann klar, dass Khan von der Credit Suisse zum Erz­rivalen UBS wechselt, was bei seinem ehemaligen Arbeitgeber für böses Blut sorgte. Trotzdem feierte Khan noch vor zehn Tagen zusammen mit seinen Kollegen aus der Geschäftsleitung, ­inklusive Konzernchef Tidjane Thiam, seinen Ab­schied. Alles schien sich in Minne zu lösen, doch seit dieser Woche ist alles anders.

Am Dienstag brachte Khan zusammen mit seiner Frau seinen Sohn zum Sportplatz von Herrliberg. Dort absolviert der Sechsjährige jeweils sein Fussballtraining. Danach fuhren Khan und seine Frau nach Zürich, gingen auf Shoppingtour. Plötzlich wurden die beiden von einem hinter ihnen fahrenden Auto bedrängt. Das Fahrzeug liess sich nicht abschütteln. Es kam zu einer Verfolgungsjagd bis ins Zentrum der Stadt hinein, die erst beim Restaurant Metro­pol, das hinter dem Gebäude der Natio­nalbank liegt, endete. Khan stieg dort aus seinem Wagen und versuchte, die Autonummer des Verfolgers zu fotografieren.

Die drei Männer kamen vorübergehend in Haft

Daraufhin stiegen die Verfolger aus dem Auto. Es handelte sich um drei Männer – einer davon wird als tätowierter Schlägertyp beschrieben. Sie versuchten, Khan das Handy zu ­entwinden. Es kam zu einer wüsten Szene. Erst als Passanten auf den lautstarken Streit aufmerksam wurden, ergriffen die ­Männer die Flucht und rannten davon. All das passierte vor den Augen von Khans Frau, die so zur Zeugin der Tat wurde.

Khan meldete den Vorfall der ­Polizei und bei seinem Arbeitgeber – das ist bis Ende Monat noch immer die Credit Suisse. Bei der CS gab man sich erst einmal unwissend, ja sogar besorgt, und bot Khan Personenschutz an. Die Polizei hingegen nahm den Vorfall ernst und konnte die drei Männer rasch ausfindig machen. Sie wurden vorübergehend in Haft genommen.

Offenbar begnügte sich die Credit Suisse nicht damit, ihren ehemaligen Mitarbeiter beschatten zu lassen, auch die E-Mails von einigen früheren Mitarbeitern von Khan wurden gescannt.Source

Das bestätigte ein Sprecher der Zürcher Oberstaatsanwaltschaft dem Onlinedienst «Inside Paradeplatz»: «Aufgrund einer Strafanzeige der von Ihnen genannten Person hat die Zürcher Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren wegen Nötigung/Drohung eröffnet.»

Inzwischen ist klar, was dahinter­steckte. Gegenüber der Polizei gab die Credit Suisse zu, dass sie die drei Männer für die Beschattung Kahns angeheuert hatte. Konfrontiert mit den Informationen, bezeichnete ein Sprecher der Bank den Vorfall als private Angelegenheit und wollte keinen weiteren Kommentar abgeben.

Offenbar begnügte sich die Credit Suisse nicht damit, ihren ehemaligen Mitarbeiter beschatten zu lassen, auch die E-Mails von einigen früheren Mitarbeitern von Khan wurden gescannt. Allem Anschein nach ging es darum, herauszufinden, ob Khan Personal der Credit Suisse abwerben will. Das ­würde gegen die Austrittsvereinbarung verstossen, die mit ihm im Juni abgeschlossen wurde. Ob es dazu konkrete Hinweise gibt? Auch dazu wollte die Grossbank nichts sagen.

Ungereimtheiten zu Khans Abgang bei der Credit Suisse

Wie der Abgang Khans bei der Credit Suisse genau geregelt wurde, ist Gegenstand von Spekulationen. Noch nie ist es vorgekommen, dass jemand – und im Fall Kahns ist es sogar ein Konzernleitungsmitglied – nach nur drei Monaten zur Hauptkonkurrenz wechseln kann.

Normalerweise hat jemand in seiner Position eine einjährige Kündigungs­frist und eine entsprechend lange Konkurrenzsperre. Nicht so Khan. Er verlor allerdings einen Teil von seinem Bonus, die «deferred compensation», wie die «Handelszeitung» schreibt. Die 4 Millionen Franken wurden von der UBS übernommen, wie es in der Branche üblich ist.

Dass Khan mit solch vorteilhaften Konditionen gehen konnte, hat den Ursprung in einem wüsten Streit mit seinem ehemaligen Chef Tidjane Thiam. Es drohte ein Eklat, der dem Ruf der Bank geschadet hätte. Darum griff Verwaltungs­ratspräsident Urs Rohner schliesslich persönlich ein, und es wurde ein äusserst vorteilhafter Austrittsvertrag ausgehandelt – obwohl Rohner wusste, dass Khan mit der UBS verhandelte.

Trotz all der Querelen ist Khan fest entschlossen, am 1. Oktober seinen Job bei der UBS ­anzutreten. Dort freut man sich auf den ­neuen Hoffnungsträger.

Es gab schon einmal einen ähnlichen Fall

Bei der Credit Suisse muss man nach der Affäre Khan über die ­Bücher. Gemäss Insiderinformatio­nen war die misslungene Beschattungsaktion in der Konzernleitung nicht abgesprochen. Khans Nachfolger Philipp Wehle wusste jedenfalls nichts davon.

Direkt verantwortlich für die Überwachung war die Sicherheitsabteilung der Grossbank. Vor rund einem Jahr gelang es der Abteilung, den Wechsel des bekannten Investmentbankers Marco Illy zur UBS zu vereiteln. Im Frühling 2018 war bekannt geworden, dass Illy nach 30 Jahren bei der Credit Suisse auf Ende Jahr zur Konkurrenz wechseln wollte.

Doch dazu kam es nie. Illy hatte dem Vernehmen nach während seiner Karenzfrist einen Anruf eines Kunden entgegengenommen und diesen an die UBS verwiesen, worauf ihn die Credit Suisse fristlos entliess. Er hatte gegen die vertraglichen Bedingungen verstossen.

Ein paar Jahre zuvor ging es um Edwin Wartenweiler, einen Risiko­spezialisten der Credit Suisse, der ebenfalls am Wechsel gehindert wurde. Seit ein paar Jahren arbeitet er nun allerdings, nach einem Umweg über Deutschland, doch bei der UBS.



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Erstellt: 22.09.2019, 10:50 Uhr

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