Lehrlingsranking: Diese Firmen bilden am meisten Junge aus

Das Engagement für Lehrlinge klafft bei Schweizer Konzernen weit auseinander. Sunrise ist Spitze, doch der weltgrösste Personaldienstleister beschäftigt gerade einmal zwei.

Für die Ausbildung zum Informatiker gibt es zu wenig Lehrstellen Foto: Getty Images

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Die Gäste aus Indonesien zeigten sich vergangene Woche beeindruckt von ihrem Besuch in der Schweiz: Nicht wegen der schönen Landschaft, sondern wegen unseres Bildungssystems. Eine zwanzigköpfige Delegation informierte sich über die Schweizer Berufslehren und besuchte dabei mehrere Firmen.

Doch wenn es um die Bereitschaft geht, jungen Menschen eine Berufsausbildung zu ermöglichen, gibt es unter den grossen Schweizer Firmen deutliche Unterschiede. Dabei loben einflussreiche Wirtschaftsbosse das System der Berufslehren immer wieder. So auch Rolf Dörig, Verwaltungsratspräsident der Grosskonzerne Adecco und Swiss Life. «Die Schweiz ist überakademisiert. Ein Lehrabschluss sollte mindestens so hoch angesehen sein wie ein Studium. Das Handwerk hat goldenen Boden», sagte er vor gut einem Jahr im Interview mit der SonntagsZeitung. Häufig seien es gerade die Nichtakademiker, die sich im Arbeitsleben bewährten.

Für Adecco arbeiten zwei Lehrlinge in der Schweiz

Das sind schöne Worte über das duale Bildungssystem. Wie eine Umfrage bei grossen Schweizer Unternehmen zeigt, liegen die unter Dörigs Aufsicht stehenden Unternehmen bei der Beschäftigung von Lernenden allerdings ganz hinten auf der Rangliste.

Der weltgrösste Personaldienstleister Adecco beschäftigt in seinem Schweizer Geschäft bei 500 Mitarbeitern gerade mal 2 Lehrlinge. Am Zürcher Hauptsitz der Adecco Group bietet das Unternehmen gar keine Lehrstellen an. Der Versicherungskonzern Swiss Life zählt 41 Lehrlinge. Das sind unter zwei Prozent der Schweizer Belegschaft. Im Schnitt beschäftigen Schweizer Grossunternehmen rund vier Prozent ihrer Mitarbeiter als Lernende, wie die Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen.

Am Hauptsitz der Adecco-Gruppe sei Englisch zwingende Voraussetzung. Deshalb beschäftige man noch keine Lernenden, sagt eine Sprecherin. Im Schweizer Geschäft verfüge das Unternehmen nicht über die «nötige, verlangte Diversität», um mehrere Bereiche einer Lehre abzudecken. Im Ausland klappt das mit der Lehre bei Adecco offenbar besser. «International sind wir stolz, dass wir 2018 mehr als 11'000 Lernende und Praktikanten im eigenen Betrieb und in Zusammenarbeit mit unseren Kunden ausgebildet haben.»

Ein Sprecher von Swiss Life sagt, dass sich die Festlegung der Anzahl Lehrstellen «an den betrieblichen Möglichkeiten und am Bedarf der Geschäftsbereiche» orientiere. Die Anforderungen im Bereich der Vorsorge und Finanzen seien spezifischer als in anderen Branchen.

Auch der Rückversicherer Swiss Re hat eine unterdurchschnittliche Quote an Auszubildenden.«Wir beziehen unseren Nachwuchs nicht in erster Linie aus Lernenden, sondern eher von Universitäten», sagt eine Sprecherin. Durch die Komplexität des Geschäfts sei Swiss Re kein typischer Lehrbetrieb wie beispielsweise ein Detailhändler oder das klassische Bank- und Versicherungswesen. Einige Unternehmen, wie der Luxusgüterkonzern Richemont, wollten gar keine Angaben zur Zahl ihrer Lehrstellen machen.

Ausländische Chefs verstehen das Schweizer System nicht

Einer der besten Kenner der Schweizer Berufsbildungslandschaft ist der ehemalige Berner SP-Nationalrat und frühere Preisüberwacher Rudolf Strahm. Er war von 2008 bis 2015 Präsident des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung und kritisiert jene Firmen, die nur wenige Lehrstellen anbieten, scharf: «Ich finde das schäbig. Firmen, die wenig Lehrstellen anbieten, räumen den Arbeitsmarkt ab, ohne etwas dazu beizutragen. Eigentlich gilt: Wer ausbildet, ist top und hat eine langfristige Perspektive. Keine oder nur wenige Lehrlinge auszubilden, ist ein Symptom für kurzfristiges und kurzsichtiges Denken.»

Das Lehrstellenangebot ist je nach Beruf sehr unterschiedlich. Im Detailhandel haben Unternehmen Mühe, Jugendliche für eine Verkaufslehre zu begeistern. Viele Stellen bleiben unbesetzt. Bei anderen Tätigkeiten ist es genau umgekehrt.

«Im Bereich der Informatik gibt es zu wenig Lehrstellen», sagt Ursula Renold von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Im Allgemeinen engagierten sich Schweizer Firmen stark beim Angebot von Ausbildungsplätzen. «Es gibt aber schon grosse Schweizer Firmen, wo man sich fragt, wieso sie nicht mehr Lehrlinge ausbilden», so Renold.

Laut Stefan Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, könnten ausländische Chefs der Grund für ein niedriges Angebot an Ausbildungsplätzen sein. ­«Finanz- und Personalchefs, die nicht aus der Schweiz kommen, kennen unser Bildungssystem häufig nicht. Die sehen dann nur die Kosten und wenig Sinn in Lehrstellen.» Firmen, die anspruchsvolle Lehren anböten, akzeptierten bewusst kurzfristig höhere Kosten als Erträge. Sie sehen eine solche Ausbildung als eine langfristig lohnende Investition.

Dabei verfolgen Firmen bei der ­Rekrutierung von qualifizierten Arbeitskräften unterschiedliche Strategien. «Es gibt Unternehmen, die ihre Fachkräfte aus dem eigenen Nachwuchs gewinnen wollen. Andere setzen auf externes Personal», sagt Wolter.

Weniger Lehrstellen in der Romandie

Einen hohen Anteil Lehrlinge im Verhältnis zum Personal beschäftigen Sunrise, Coop und das Sanitärunternehmen Geberit. Sunrise sichere sich so den Nachwuchs an gut qualifizierten Mitarbeitenden mit Praxiswissen, sagt ein Sprecher des Telecom-Unternehmens. Der Grossverteiler Coop hat ähnliche Motive. «Wir besetzen über 75 Prozent unserer Kaderstellen intern.»

Bei einigen Unternehmen ist der Anteil an Auszubildenden in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. So liegt die Quote bei der Zurich Versicherung heute zwar immer noch bei überdurchschnittlichen 5,9 Prozent. Im Jahr 2009 waren es aber noch über 8 Prozent. Der Konzern begründet den Rückgang einerseits mit geburtenschwachen Jahrgängen. Andererseits interessierten sich ­Jugendliche heute stärker für eine Matura. Während die Zahl der Lehrstellen zurückgegangen sei, habe die Zurich deshalb heute mehr Praktikanten.

Beim Angebot an Lehrstellen gibt es auch eine Kluft zwischen den Sprachregionen. Während im Kanton Uri fast 8 Prozent der Beschäftigten Lernende sind, macht der Anteil im Kanton Genf gerade einmal 1,6 Prozent aus. In der Deutschschweiz ist eine Berufs­ausbildung viel stärker verbreitet als in der Romandie oder im Tessin. Laut Rudolf Strahm hat der Trend zur Akademisierung in diesen Regionen eine Kehrseite: Sowohl die Jugendarbeitslosigkeit als auch die Quote von Ungelernten liege in der Romandie und im Tessin deutlich höher als in der Deutschschweiz.



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Erstellt: 25.08.2019, 10:41 Uhr

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