Das Schweigen der Männer

Sie haben Ehefrauen, Schwestern, Mütter und Töchter – und doch reagieren viele Männer ­gereizt auf #MeToo. Weshalb so wenig Solidarität?

Männer sind beleidigt und sie sehen sich als Opfer: Solidarität sieht anders aus. Illustration: Luca Schenardi

Männer sind beleidigt und sie sehen sich als Opfer: Solidarität sieht anders aus. Illustration: Luca Schenardi

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Dass sich das kleine Gartenhag-Zeichen mit dem simplen Vermerk MeToo derart hartnäckig halten würde, hätte vor einem Jahr wohl niemand gedacht. Nach Harvey Weinstein fielen die Mächtigen und Berühmten aus Hollywood, Politik und Wirtschaft wegen ihres ungebührlichen oder gewalttätigen Verhaltens Frauen gegenüber mitunter wie Domino-Steine. Die mit Furor lancierte Debatte verpuffte nicht wie die meisten Hashtag-Aufregungen im digitalen Nirwana, sie erhielt vielmehr stets neuen Auftrieb, seit nunmehr 12 Monaten.

Was von Anfang an noch viel mehr verblüffte als die immer grösser werdende Zahl der immer gleich hässlichen Geschichten, war das ­ohrenbetäubende Schweigen aufseiten der Männer. An Podiumsveranstaltungen diskutierten Frauen mit Frauen, am Fernsehen sprachen Frauen mit Frauen, in Zeitungen befragten Frauen Frauen. Obschon #MeToo auf allen Kanälen war, handelte es sich dabei allem Anschein nach um ein «Frauenthema».

Männer müssen Verbündete werden

Eine der grössten öffentlichen Debatten der letzten Jahre, noch dazu eine mit internationaler Ausstrahlung und sehr konkreten Folgen, fand daher mehr oder weniger ohne jene statt, die doch eigentlich im Zentrum standen: die Männer. Ausgerechnet sie, die sonst selten verlegen sind, wenn es darum geht, die Welt zu erklären, verstummten; öffentlich mochte sich kaum einer dazu äussern, privat genauso wenig.

Je länger die Debatte andauerte, umso unverhohlener taten sie ihren Unmut kund. Kam das Gespräch in einer Runde früher oder später doch noch darauf, verdrehten sie genervt die Augen und winkten ab, Herrgott, nicht schon wieder! Das, was viele von ihnen wirklich dachten, entlud sich dafür in den Kommentarspalten oder in den sozialen Medien umso heftiger.

Und da dominiert eine enorme Gereiztheit. Die Männer sind beleidigt. Sie schmollen. Sie sehen sich als Opfer. Und sie sind wütend. Ihre Wut richtet sich indes meist nicht gegen die Weinsteins unter ihnen, sondern vielmehr gegen die Welt im Allgemeinen und häufig gegen die Frauen im Besonderen, die ja heute angeblich bestimmten, nach deren Pfeife die Männer zu tanzen hätten. Weil die Gesellschaft feministisch unterwandert und das Maskuline nichts mehr wert sei. Und natürlich kam es immer und immer wieder, das Lamento, wonach ein Mann mittlerweile nicht mehr mit einer Frau allein in den Lift steigen könne, ohne Gefahr zu laufen, mit einem Bein im Gefängnis zu stehen. Das wirkt bisweilen nicht nur weinerlich, Solidarität sieht in jedem Fall auch anders aus.


Bilder: Die #MeToo-Welle


Dabei haben doch fast alle Männer Frauen in ihrem Leben. Frauen, die sie lieben und um die sie sich sorgen und die sie unversehrt wissen möchten. Partnerinnen. Schwestern. Mütter. Töchter. Für sie müssten sich Väter doch nichts so sehr wünschen wie eine Welt, in der es keine Weinsteins gibt, keine Grabscher in der U-Bahn, keine Machos, die nach einer Abfuhr zudringlich werden, keine anzüglichen Chefs, keine Ewiggestrigen, die der Meinung sind, Frauen hätten ihnen zu Diensten zu sein.

Weshalb also dieses beinharte Schweigen? Wieso dieses Schmollen? Und vor allem: Warum diese ausbleibende Solidarität?

Die amerikanische Non-Profit-Organisation Catalyst widmet sich als Pionierin bereits seit den Sech­zigerjahren der Gleichstellung und berät Firmen wie Dell oder Procter & Gamble in Sachen Diver­sität. Man hat sich dort dieselbe Frage gestellt, weil man längst erkannte: Frauen, die mit Frauen das angebliche Frauenproblem erörtern, bringen die Sache nicht weiter – weil es sich nicht um ein Frauenproblem handelt und daher nicht isoliert betrachtet und schon gar nicht gelöst werden kann. Es gilt vielmehr, die Männer ins Boot zu holen. Aber eben: Wie?

Indem man sie zu Verbündeten macht und nicht zu Sündenböcken. Indem man ihnen nicht die Schuld gibt an den herrschenden Machtverhältnissen, sondern ihnen zuhört, sie nach ihrer Meinung fragt, überhaupt einmal zu Wort kommen lässt. Zum Beispiel in den Workshops, die Catalyst weltweit anbietet (und deren Nachfrage sich seit #MeToo verdreifacht hat), in denen es darum geht, wie Unternehmen eine bessere Durchmischung der Geschlechter anstreben können.

Die Angst, als Weichei und ­dressierter Sitzpinkler zu gelten

Da sitzen sie dann, die Manager der international tätigen Tech- und Konsumgütergiganten und wissen nicht so recht, was sie da sollen, weil sie, wie die meisten Männer, finden: Was habe ich damit zu tun?

Die Gleichgültigkeit, sagt Catalysts Europa-Vizepräsidentin Sandra Ondraschek-Norris, die beinahe wöchentlich solche Workshops in Rom, Madrid, Genf oder Toronto leitet, habe viel mit Angst zu tun. Angst, vor Kollegen blöd dazustehen, wenn man sich gegen einen groben, frauenfeindlichen Spruch wehre und einer Kollegin vor versammelter Runde zu Hilfe eile.

Angst, als Weichei und dressierter Sitzpinkler und Verräter zu gelten, der sich bei den Frauen anbiedern will und deshalb mit ihnen paktiert. Angst, in dieser aufgeheizten Stimmung etwas Falsches zu sagen, Angst vor den Folgen. Angst, sich eventuell selbst einmal nicht ganz anständig verhalten zu haben oder das zumindest nicht mit absoluter Sicherheit ausschliessen zu können.

Die Angst, gegen die erstarkenden Frauen zu verlieren, ist grösser als die Bereitschaft zur Solidarität.

Und vor allem Angst davor zu verlieren, weil immer noch viele Männer überzeugt sind: Frauenförderung bedeutet automatisch Männerbenachteiligung. Mehr Frauen gleich weniger Männer. Holen Frauen auf, bleiben Männer auf der Strecke. Wer dabei mithilft, schaufelt sein eigenes Grab, schafft sich eigenhändig ab. Zero-Sum-Denken heisst das in der Fachsprache.

Der Gedanke hält sich hartnäckig, es ist ihm offenbar fast nicht beizukommen. Da können unverdächtige Firmen wie die Credit Suisse oder McKinsey oder gar das WEF mit seinem jährlichen «Gender Gap Report» noch lange mittels knallharter Zahlen und nüchterner Tabellen nachweisen, dass eine Besserstellung der Frauen immer mit einer Besserstellung der ganzen Gesellschaft verknüpft ist, dass es sich nicht nur wirtschaftlich lohnt, sondern auch die Männer davon profitieren: Die Angst, gegen die erstarkenden Frauen zu verlieren, ist grösser als die Bereitschaft zur Solidarität. Etwas weniger nett formuliert: Den meisten Männern ist das Bewahren der alten Welt lieber als ein Engagement für eine neue Welt, in der ihre Töchter keine Weinsteins fürchten müssen.

Der tägliche Spiessrutenlauf der Teenager-Töchter

Wobei, stimmt nicht ganz. Man muss die Männer nur am richtigen Ort erwischen, konkret: an ihren ausgeprägten Sinn für Fairness appellieren. Die Catalyst-Workshops jedenfalls enden oft anders, als sich das die anfangs widerwilligen Teilnehmenden vorstellen.

Sandra Ondraschek-Norris berichtet von berührenden Momenten, wie etwa dann, wenn gestandene Manager, die das Pokerface in Verhandlungen beherrschen und sich das Ellbögeln gewohnt sind, am zweiten Kurstag um Fassung ringen. Weil sie sich am Abend zuvor mit den Frauen in ihren Familien unterhalten haben, über #MeToo und ihre Erfahrungen damit, zum ersten Mal überhaupt. Und wie sie erschüttert schildern, wie oft der Alltag für ihre Teenager-Töchter einem Spiessrutenlauf gleiche, wie oft sie angefasst, beschimpft oder bedrängt würden oder wie sehr es ­ihnen in Fleisch und Blut übergegangen sei, jeden Bahnsteig und jedes Zugabteil beim Betreten auf mögliche Gefahren von männ­licher Seite zu scannen.

Manchmal muss dann eine verstohlene Träne weggewischt werden. Und es dämmert dem einen oder anderen beschämt, dass die Furcht, allein mit dem anderen Geschlecht Lift zu fahren, mitnichten ein männerexklusives Problem ist – dass Frauen das nur zu gut kennen und darum lächelnd sagen: Welcome to our world. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.10.2018, 21:20 Uhr

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