Datenschützer kritisiert Swisscom heftig

Das digitale Klassenbuch Helloclass ist in mehreren Punkten nicht datenschutzkonform – das Urteil des Experten ist vernichtend.

Trotz Mängeln beim Datenschutz: Hunderte von Schulen nutzen «Helloclass». Foto: Getty Images

Trotz Mängeln beim Datenschutz: Hunderte von Schulen nutzen «Helloclass». Foto: Getty Images

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Das Programm für Schulklassen trägt den niedlichen Namen Helloclass. Anbieterin ist die Swisscom. Auf der digitalen Schulplattform können sich Lehrer mit Schülern und Eltern austauschen. Und sie tun das rege. An «Hunderten Schulen» in der Schweiz sei das webbasierte Programm bereits im Einsatz, schreibt die Swisscom in einer Mitteilung, täglich gebe es «Zehntausende Zugriffe». Ab nächstem Schuljahr wird das Programm auch in einer erweiterten Premium-Version vorliegen – App inklusive.

Bei der Lancierung 2014 warben amtliche Schulblätter der kantonalen Bildungsdepartemente für das digitale Klassenbuch. Inzwischen haben Lehrer in der Deutsch- und Westschweiz bereits 11'000 Accounts eingerichtet. Hier stellen sie ein, was an Hausaufgaben, Prüfungen und Terminen ansteht, Schüler und Eltern können über eine Chatfunktion Kommentare verfassen und Fragen stellen, die Lehrer helfen weiter. Der virtuelle Klassenraum ist von jedem Computer, Tablet oder Smartphone zugänglich. Kostenlos.

Mehrere Punkte, «die so nicht gehen»

Doch jetzt zeigt sich: Lehrer dürften die Onlineplattform gar nicht einsetzen. Datenschützer sehen darin einen Verstoss gegen geltende Bestimmungen.«Helloclass ist nicht datenschutzkonform», sagt Bruno Baeriswyl, Datenschutzbeauftragter des Kantons Zürich. «Wenn Schulen diesen Vertrag mit der Swisscom eingehen, verletzen sie die datenschutzrechtlichen Vorgaben.»

Baeriswyl ist Verfasser des Leitfadens «Datenschutzlexikon Volksschule» – ein Standardwerk, das auch dem Schweizer Lehrerverband (LCH) als Richtschnur dient. Bei Hello­class ortet er gleich mehrere Punkte, «die so nicht gehen». Das fängt schon bei Punkt 1 der Datenschutzbestimmungen an, die der Telecomkonzern für Helloclass aufgesetzt hat. Dort erklärt sich die Swisscom zur «Datenverantwortlichen». Das würde bedeuten: Sie kann über die Daten, die bei Helloclass erhoben werden, verfügen. «Das stimmt natürlich nicht», sagt Baeriswyl. «Für die Daten ist weiterhin die Schule verantwortlich, sie hat die Verarbeitung nur ausgelagert.»

Das Urteil von Baeriswyl fällt vernichtend aus

Wie es in den Richtlinien weiter heisst, verarbeitet die Swisscom nicht nur Daten wie Namen, IP-Adressen und E-Mail-Adressen, sondern wertet auch Informationen zur Nutzung aus: Datum, Uhrzeit, Dauer, Häufigkeit bis hin zu den Typen von Browsern und Betriebssystemen, die benutzt werden. Mit anderen Worten: Es werden Profile angelegt. Für den Zürcher Datenschützer ein No-go.

Das gilt auch für folgenden Punkt: Laut Helloclass-Datenschutzbestimmungen ist die Swisscom «berechtigt», die Klassendaten für das «Anbieten von Marketing- und Werbeinformationen gegenüber Schulen und/oder Lehrpersonen» zu nutzen. Und es geht noch weiter. Die Daten, hält die Swisscom fest, könnten auch «anderen Mitgliedern der Swisscom-Gruppe oder weiteren Dienstleistern» weitergegeben werden und bei einem Konkurs, einer Fusion, Akquisition oder Reorganisation sogar «verkauft werden».

Heikel ist für Datenschützer Baeriswyl auch, was das Unternehmen zur Speicherung der Daten festlegt. Diese würden derzeit auf Servern in der Schweiz gelagert, man behalte sich aber vor, die Datenspeicherung ins Ausland verlagern zu können, also auch in Länder, «wo Datenschutzgesetze einen geringeren Grad an Schutz bieten» als in der Schweiz.

Marketing ist nur einer der vielen Kritikpunkte

Das Urteil von Datenschützer Baeriswyl fällt vernichtend aus. «So, wie das aufgesetzt ist, können Schulen Helloclass nicht nutzen.» Konfrontiert mit der Kritik, will man bei der Swisscom «zu keinem Zeitpunkt» beabsichtigt haben, «eigene Marketingmassnahmen durchzuführen oder Kundendaten an Dritte weiterzugeben oder zu verkaufen», wie ein Firmensprecher festhält. Das werde man auch in Zukunft nicht tun. «Wir werden die Datenschutzbestimmungen umgehend anpassen und die Nutzer darüber informieren.» Diesen soll auch zugesichert werden, dass ihre Daten nie zu diesem Zweck verwendet worden seien.

Doch das Marketing ist nur einer der vielen Kritikpunkte des Datenschützers. Baeriswyl will jetzt das «Datenschutzlexikon Volksschule» ergänzen. Mit einem Kapitel über Helloclass. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.06.2018, 21:11 Uhr

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