Dem Migros-Regionalfürsten droht die Absetzung

Wegen mutmasslicher Bereicherung steht Damien Piller unter Druck. Die Chefsekretärin von Bundesrat Cassis tritt per sofort aus dem Verwaltungsrat zurück.

Damien Piller sitzt seit 27 Jahren in der Verwaltung der Migros Neuenburg-Freiburg. Foto: Béatrice Devènes/Lunax

Damien Piller sitzt seit 27 Jahren in der Verwaltung der Migros Neuenburg-Freiburg. Foto: Béatrice Devènes/Lunax

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Elena Wildi-Ballabio, seit zehn Jahren Mitglied der Verwaltung der Migros-Genossenschaft Neuenburg-Freiburg, verlässt das Strategie- und Aufsichtsorgan per sofort. «Ich habe am Freitag meinen Rücktritt erklärt», sagt Wildi-Ballabio, im Hauptberuf ­Direktionssekretärin von Aussenminister Ignazio Cassis.

Die Verwaltung der regionalen Genossenschaft – so heisst der Verwaltungsrat bei der Migros – steht im Zentrum eines wüsten Streits. Der Migros-Genossenschaftsbund reichte im Juli Strafanzeige gegen den Verwaltungspräsidenten der Regionalgenossenschaft, Damien Piller, ein. Ende Juli zog deren Geschäftsleitung mit einer Strafanzeige nach, wegen Verdachts auf ungetreue Geschäftsführung. Der Immobilienunternehmer Piller soll bei zwei Bauprojekten für Migros-Filialen von der Migros Zahlungen in Höhe von 1,6 Millionen Franken an eigene oder ihm nahestehende Unternehmen erwirkt haben, für die es keine Gegenleistungen gegeben habe.

Damien Piller weist alle Vorwürfe zurück. Ende August versuchte er, sich an einer Pressekonferenz in Freiburg zu entlasten. Ein von der Verwaltung mit einer Untersuchung beauftragter Rechtsanwalt sagte, es gebe keine Beweise dafür, dass Piller Geld unterschlagen und sich persönlich bereichert habe. Einen Interessenkonflikt wollte er jedoch nicht ausschliessen. Belege für eine Gegenleistung für die Zahlungen wurden nicht vorgelegt. Die Untersuchung sei noch nicht abgeschlossen, hiess es.

Ein beispielloser Vorgang in der Geschichte der Migros

Am Mittwoch eskalierte die Auseinandersetzung weiter. Der Genossenschaftsrat, die Vertretung der Genossenschafter, beschloss in einer Konsultativabstimmung an einer Sitzung in Neuenburg, Damien Piller und allen Mitgliedern der Verwaltung das Vertrauen zu entziehen. Mit 33 gegen 1 Gegenstimme, bei 1 Enthaltung, stimmten die Genossenschafts­räte dem Antrag zu, wie die «Schweiz am Wochenende» berichtete.

Der Vertrauensentzug hat keine rechtliche Wirkung. Aber der Vorgang ist in der 94-jährigen Geschichte der Migros beispiellos. Er ist der erste Schritt zur absehbaren Absetzung der Verwaltung. Die Befugnis zur Abberufung der Verwaltung und ihres Präsidenten haben die Genossenschafter. Der Genossenschaftsrat müsste gemäss Statuten bei der Verwaltung ein Begehren um Durchführung einer Urabstimmung unter den Genossenschaftern der Migros Neuenburg-Freiburg stellen. Das gibt Piller die Möglichkeit, das Verfahren zumindest zu verzögern.

«Abstimmung war regelrecht inszeniert»

Der Vertreter der Verwaltung, der Rechtsanwalt André Clerc, glaubt nicht, dass sich die Verwaltung einem Begehren des Genossenschaftsrats für eine Urabstimmung widersetzen könnte. Aber er will sich gegen die Konsultativabstimmung vom Mittwoch wehren: «Die Rücktrittsaufforderung liegt nicht in der Kompetenz des Genossenschaftsrats.»

Ausserdem seien die anwesenden Verwaltungsmitglieder nicht über die gegen sie erhobenen Vorwürfe informiert worden und hätten auch nicht Stellung nehmen können. «So geht das natürlich nicht», sagt Clerc, «wir haben nicht einmal ein vollständiges Sitzungsprotokoll erhalten.» Die Abstimmung sei vom Migros-Genossenschaftsbund und dessen Präsidentin, Ursula Nold, die ebenfalls anwesend war, «regelrecht inszeniert» worden.

Tatsächlich konnte Piller am Mittwoch nicht Stellung nehmen. Allerdings entsprach das Vorgehen den Statuten. Der Genossenschaftsrat hat die Aufgabe, zu wichtigen Fragen konsultativ Stellung zu nehmen. Sein Büro hatte die Konsultativabstimmung gemäss Entscheid des Genossenschaftsrats vom 28. August für die reguläre Sitzung vom 4. September traktandiert. Und an diesem 28. August hatte der Genossenschaftsrat auch alle Beteiligten angehört. Damien Piller, die Geschäftsleitung der Regionalgenossenschaft und der Migros-Genossenschaftsbund erhielten je eine Viertelstunde Gelegenheit, ihre Sicht darzulegen.

Wildi-Ballabio will zu ihrem Rücktritt keine weitere Erklärung abgeben. Der Entzug des Vertrauens durch den Genossenschaftsrat dürfte es für sie jedoch schwierig gemacht haben, ihre Verantwortung im Gremium wahrzunehmen.

Pillers Vizepräsident ist Revisor etlicher seiner Firmen

Piller sitzt seit 27 Jahren in der Verwaltung und amtet seit 22 Jahren als Präsident. Entsprechend stark dominiert er die Genossenschaft. Sein Vize Philippe Menoud ist schon 22 Jahre dabei und Direktor von Fiduconsult, die als Revisionsstelle in zahlreichen Piller-Firmen amtet. Marcelle Junod ist ebenfalls schon 20 Jahre in leitender Position in der Genossenschaft. Piller ernannte sie zur Geschäftsleiterin und holte sie 2017 in die Verwaltung. Das fünfte Mitglied ist vom Personal gewählt – ebenfalls keine Position, um dem Präsidenten Paroli zu bieten.

Bis Freitag wusste Piller noch die ganze Verwaltung hinter sich. Wildi-Ballabios Abgang ist ein Schlag für ihn, setzt sich doch damit ausgerechnet das einzige Mitglied ab, das als unabhängig vom mächtigen Regionalfürsten angesehen werden kann. Gemäss Clerc bleiben die anderen Mitglieder der Verwaltung im Amt und stehen weiter hinter ihrem Präsidenten.



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Erstellt: 07.09.2019, 21:51 Uhr

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