Der Anti-Vincenz räumt bei Raiffeisen auf

Interimspräsident Pascal Gantenbein darf sich keine Fehler erlauben.

Besonders an der Immobilienwirtschaft interessiert: Pascal Gantenbein. Foto: Daniel Winkler/13 Photo

Besonders an der Immobilienwirtschaft interessiert: Pascal Gantenbein. Foto: Daniel Winkler/13 Photo

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Er hatte das perfekte Leben. An der Universität wird er von Kollegen und Vorgesetzten geschätzt, bei den Studenten ist er wegen seiner praxisnahen Vorlesungen beliebt. Dazu hat er einige Beratungsmandate, um in der Wirtschaft vernetzt zu bleiben.

Dieses beschauliche Leben ist für Pascal Gantenbein seit einigen Wochen vorbei. Denn Anfang März ist der 47-Jährige als Übergangspräsident des Verwaltungsrats der krisengeschüttelten Raiffeisen Schweiz eingesprungen. Damit sitzt der Professor für Finanzmanagement der Uni Basel auf dem wohl heissesten Stuhl, den die Schweizer Finanzbranche derzeit zu vergeben hat.

Es brennt an allen Ecken und Enden: Seit zwei Monaten sitzt Ex-Chef Pierin Vincenz in Untersuchungshaft, ihm wird ungetreue Geschäftsbesorgung vorgeworfen. Er soll sich an Beteiligungen, die er als Bankchef für Raiffeisen einging, privat bereichert haben. Neben der Staatsanwaltschaft untersucht die Aufsicht Finma, ob bei den Beteiligungen alles sauber ablief. Der Abschlussbericht wird in wenigen Wochen erwartet.

Vom alten Gremium soll auch noch Olivier Roussy bleiben

Wegbegleiter beschreiben Gantenbein als eine Art Anti-Vincenz: «Er ist niemand, der von oben herab befiehlt», sagt Aleksander Berentsen, der als Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Basel Gantenbein seit rund zehn Jahren kennt. «Er ist ein guter Kommunikator und sucht den Konsens.»

An der Uni Basel hat Gantenbein seit Dezember 2007 den Lehrstuhl für Finanzmanagement inne, der vom ehemaligen Roche-Finanzchef Henri B. Meier mitfinanziert wird. In den Verwaltungsrat bei Raiffeisen Schweiz kam der polyglotte Professor über einen Headhunter, der einen Finanz- und Risikomanagement-Experten für das Raiffeisen-Toporgan suchte. Gantenbein wird als gewissenhafter Arbeiter beschrieben, der dossierfest sei. Mehr Praktiker als Wissenschaftler. In seiner neuen Funktion übt sich Gantenbein in der Pose des Aufklärers und Erneuerers. Gleich nach Amtsantritt lancierte er eine eigene interne Untersuchung unter der Leitung des Ex-Swiss-Life-Präsidenten Bruno Gehrig. Er soll bis Ende des Jahres mithilfe der Experten der Kanzlei Homburger die über 100 Deals untersuchen, die Vincenz in seiner Ära abgeschlossen hatte.

Ende der Woche kündigte Raiffeisen zudem an, binnen den nächsten zwei Jahren fast den kompletten Verwaltungsrat auszutauschen. Das alte Gremium hat seine Glaubwürdigkeit verspielt, weil es Vincenz über all die Jahre hat gewähren lassen. Ausser Gantenbein soll nur noch Olivier Roussy von der alten Mannschaft übrig bleiben. Wie es aus dem Umfeld des Verwaltungsrats heisst, gab es dabei Diskussionen, wer wie schnell seinen Platz räumen muss.

«Das war nicht glücklich aber ist kein Grund, ihm das Vertrauen zu entziehen.»Thomas Lehner, Leiter Aargauer Raiffeisenverband

An der Basis der genossenschaftlichen Bankengruppe kommt Gantenbeins Arbeit bisher gut an. «Er tritt sehr professionell und zielgerichtet auf», urteilt zum Beispiel Thomas Lehner, der den Aargauer Raiffeisenverband leitet.

Weniger gut kam an, dass Gantenbein im Schweizer Fernsehen die kräftige Gehaltserhöhung des Verwaltungsrats um 40 Prozent verteidigte. «Das war nicht glücklich», sagt Lehner, «aber ist kein Grund, ihm das Vertrauen zu entziehen.»

Eignung als neuer Präsident ist umstritten

Intern gibt es andere kritische Stimmen. «Für die nötigen Aufräumarbeiten ist er sicher der richtige Mann», heisst es von einem Insider. «Aber es stellt sich die Frage, ob er auf lange Sicht auch in der Lage ist, die Bank strategisch zu führen und dem Management von Patrik Gisel Paroli zu bieten.»

Besonders interessiert Gantenbein die Immobilienwirtschaft. Er zählt zu den Gründungsvätern des Center for Urban & Real Estate Management (Curem) der Uni Zürich, das den Managementnachwuchs der Bau- und Immobilienwirtschaft ausbildet. Dieses Interesse am Immobiliensektor «ist bei Akademikern nicht selbstverständlich», sagt Curem-Geschäftsführer Andreas Loepfe.

Rückkehr an die Uni Basel möglich

Bei Raiffeisen muss Gantenbein nun vor allem die Regionalverbände bei der Stange halten. Sie tolerieren nicht mehr länger, dass sich Raiffeisen Schweiz als befehlsgebende Mutter geriert. Auch das Lohnthema dürfte ihm erhalten bleiben. «Ich kann mir aufgrund der Anträge der Regionalverbände vorstellen, dass an der kommenden Delegiertenversammlung beschlossen wird, ein neues Entschädigungsmodell erarbeiten zu lassen», sagt Thomas Lehner vom Aargauer Raiffeisenverband.

Ob Gantenbein als Präsident weitermachen will, lässt er auf Nachfrage explizit offen. Ein Selbstläufer dürfte seine Kandidatur nicht werden. Sie sei eine Möglichkeit, «mehr nicht», meint ein Vertreter der Regionalverbände.

Laut Dekan Berentsen hält sich Gantenbein die Option, an die Uni Basel in Vollzeit zurückzukehren, «wirklich offen». (SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.04.2018, 11:03 Uhr

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