Der Iran enttäuscht Hoffnungen der Schweizer KMU

Die Euphorie nach der Aufhebung der Sanktionen hat sich in Ernüchterung verwandelt.

Wenig durchschaubarer Markt: Für Firmen, die im Iran Fuss fassen wollen, ist das Land eine Knacknuss. Foto: Getty Images

Wenig durchschaubarer Markt: Für Firmen, die im Iran Fuss fassen wollen, ist das Land eine Knacknuss. Foto: Getty Images

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Über 80 Millionen Einwohner und ein hungriger Markt: Der Iran bietet potenziellen Handelspartnern verlockende Aussichten. «Das Land hat nach der jahrelangen Abschottung einen enormen Nachholbedarf», sagt Pia Stebler, Geschäftsleiterin der Handelskammer Schweiz-Iran. Grosse Investitionen stehen an in der Öl- und Gasindustrie, im Verkehr und in der Luftfahrt, bei den erneuerbaren Energien, im Tourismus und im Gesundheitswesen.

Die Schweiz, als Nummer acht der Importpartner bereits in guter Ausgangslage, möchte daran möglichst partizipieren. Entsprechend keimten Hoffnungen auf, als 2016 die internationalen Sanktionen gegen den Iran aufgehoben wurden. Zusätzlich beflügelt wurden sie vom bilateralen Handelsabkommen zwischen der Schweiz und dem Iran, das im März 2017 in Kraft trat.

Seco führt Infoveranstaltungen durch

Um die Geschäfte der Schweizer Firmen anzukurbeln, wurden verschiedene Organisationen aktiv. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) führte viele Informationsveranstaltungen durch. Die Exportförderorganisation Swiss Global Enterprise (SGE) war im Quartalstakt mit einem Schweizer Pavillon an Messen in Teheran. Konzerne wie ABB, Kühne + ­Nagel, Novartis und Swiss Re drängten sich im letzten Herbst ans 4. Europäische Iran-Forum im Dolder Grand in Zürich, derweil KMU-Vertreter mit dem Swiss Economic Forum den Mittleren Osten bereisten. Sämtliche Veranstaltungen waren stets ausgebucht.

Die Max Zeller AG aus Romanshorn, die pflanzliche Arzneimittel herstellt, versuchte an der Gesundheitsmesse in der iranischen Hauptstadt lokale Partner zu finden. Die IMDvista aus Brügg BE präsentierte im gleichen Rahmen ihre Prüfsysteme für die Verpackungs- und Kunststoffindustrie. Diese erweckten derart grosses Interesse, dass der Markteinstieg nur noch Formsache schien. Die Räber AG aus Küssnacht wollte an der Iran Food 2016 mindestens einen iranischen Importeur für ihre Nahrungsmittel gewinnen. Der Auftritt war so vielversprechend, dass Exportchef Heinz Umschlag danach von «vertieften Kontakten» sprach.

Eine Knacknuss für Neueinsteiger

Heute jedoch meint er ernüchtert: «Wir unterhalten derzeit mit dem Iran keine aktive Geschäftsbeziehung.» Ähnlich tönt es bei Georg Boonen, Konzernchef von Max Zeller, der sagt: «Wir sind nicht auf dem iranischen Markt aktiv.» Auch für die IMDvista scheint das Kapitel Iran inzwischen definitiv abgeschlossen zu sein. Managing Director Matthias Hermle will sich gegenüber den Medien dazu gar nicht mehr äussern. Die Iran-­Euphorie hat sich rundum in Enttäuschung verwandelt, wie die ­Beispiele zeigen. Auch wenn eine Sprecherin von SGE von Firmen zu berichten weiss, die dank den Messeauftritten im Iran hätten Fuss fassen können. Namen will sie jedoch keine nennen.

Tatsache ist, dass sich das Land im Mittleren Osten vor allem für Neueinsteiger als grosse Knacknuss erweist. Das bestätigt Phi­lippe Welti, Ex-Botschafter und Präsident der Wirtschaftskammer Schweiz-Iran. Zudem plädiert er für Verständnis dafür, dass jene wenigen Firmen, die den Markteinstieg doch geschafft haben, das nicht an die grosse Glocke hängen. «Es geht dabei in keinem Fall um illegale Geschäfte, sondern lediglich um den Schutz kommerzieller Interessen in anderen Welt­gegenden, insbesondere in Nordamerika», sagt er. Damit verweist er auf den eigentlichen Bremsfaktor, das Drohszenario der USA: Präsident Donald Trump sagt immer wieder, er wolle das Abkommen aufkündigen, das zum Ende der Iran-Sanktionen führte. Das ist denn auch der Grund, warum die Schweizer Banken weiterhin auf Geschäfte mit dem Iran verzichten – aus Angst, das amerikanische Business zu gefährden. Und es ­erschwert natürlich den Zahlungsverkehr mit dem Iran.

Die Grossen halten sich bedeckt

Die Firmen sehen sich folglich gezwungen, sich alternativer Zahlungskanäle zu bedienen. Das geschieht etwa über jene dünn gesäten Banken in der EU, die nicht mit den USA geschäften und somit im Fall eines Iran-Engagements keine Retourkutsche zu befürchten haben. Oder mithilfe der in London ansässigen Finanzboutique Arjan Capital. Deren Chef Andreas Schweitzer lässt allerdings durchblicken, dass sich Geschäfte mit dem Iran nur ab einer gewissen Grösse lohnen. «Für kleinere KMU ist der Aufwand wegen des umständlichen Zahlungsverkehrs zu teuer», sagt er.

Schon seit Jahren im Iran tätig sind Firmen wie ABB, Bühler, Nestlé und Novartis. Auf ihr Konto geht denn auch, dass die Schweizer Ausfuhren in den Iran, hauptsächlich Medikamente und Maschinen, seit 2016 zweistellig gewachsen sind. Allerdings haben im selben Zeitraum andere europäische Länder wie Deutschland oder Frankreich deutlich stärker zu­gelegt. Betreffend ihren genauen Aktivitäten halten sich auch die erfolgreichen Grossen mindestens so bedeckt wie die KMU.

«Das Risiko einer Retourkutsche der USA hängt eben ganz von der Art des Iran-Geschäfts ab.»Pia Stebler, Handelskammer-Chefin

«Wir tätigen unser Geschäft im Iran in Übereinstimmung mit den geltenden Sanktionen», sagt kurz angebunden ABB-Sprecher Domenico Truncellito. Novartis lässt im Iran die Medikamente über einen lokalen Partner produzieren. Schätzungen gehen davon aus, dass der Pharmariese für rund 50 Millionen Euro Medikamente im Land herstellt und für noch mehr Geld von der Schweiz importiert.

Etwas offener kommuniziert Nestlé. Der Konzern macht kein Geheimnis daraus, dass er im letzten Jahr unter eigener Flagge in Qazvin eine weitere Fabrik eröffnet hat, seither an zwei Standorten produziert und über 800 Mitarbeiter beschäftigt. So viel Transparenz kann sich offenbar nur ein Unternehmen leisten, dessen Palette über jeden Verdacht erhaben ist, etwa für Raketen oder für ein Atomprogramm missbraucht werden zu können. «Das Risiko einer amerikanischen Retourkutsche hängt eben ganz von der Art des Iran-Geschäfts ab», sagt Handelskammer-Chefin Pia Stebler.

Autoneum bestückt Geländewagen in Mashad

Erschwerend kommt hinzu, dass sich die politischen und wirtschaftlichen Vorzeichen in jüngster Zeit wieder deutlich verschlechtert ­haben – noch bevor die Geschäfte für die Schweizer KMU so richtig in Gang gekommen sind. Nicht nur, weil US-Präsident Trump die Atomdebatte anheizt. Sondern auch, weil die innenpolitische Lage im Iran ein Risikofaktor bleibt, wie die jüngsten Unruhen gezeigt ­haben. «Wenn sich die wirtschaftliche Situation für einen grossen Teil der iranischen Bevölkerung in nächster Zeit nicht massiv ver­bessert, könnte es zu weiteren ­Aufständen kommen», befürchtet Pia Stebler.

Problematisch ist auch der nach westlichem Verständnis wenig durchschaubare Markt. Der Staat beherrscht vier Fünftel der Industrie sowie den Banken-, Transport-, Kommunikations- und Energiesektor. Will eine Firma aus dem Westen nicht plötzlich mit religiösen Stiftungen oder den kommerziellen Einheiten der Revolutionsgarden im selben Boot sitzen, tut sie gut daran, den potenziellen Geschäftspartner zuerst intensiv zu durchleuchten. Hohe Einfuhrzölle und Korruption sind weitere Hürden.

«Die Iraner wissen sehr wohl zwischen der Schweiz, dem übrigen Europa und den USA zu unterscheiden.»Pia Stebler, Handelskammer-Chefin

Es gibt also viele Stolpersteine im Geschäft mit dem Iran, aber auch vereinzelte Hoffnungsschimmer. So baut der Autozulieferer Autoneum derzeit eine industrielle Produktion auf, und zwar über einen iranischen Lizenzpartner. Der erste mit Autoneum-Komponenten ausgestattete Geländewagen soll ab 2019 in Mashad vom Band ­laufen. Zur Frage einer möglichen Retourkutsche auf dem für Autoneum wichtigen US-Markt meint Firmensprecher Anahid Rickmann: «Die mit unserem iranischen Partner abgeschlossene Vereinbarung ist konform mit den bestehenden US-Sanktionen.»

Für Pia Stebler von der schweizerisch-iranischen Handelskammer ist der Erfolg von Autoneum ein Zeichen dafür, dass der iranische Markt für hiesige Unternehmen – auch für KMU – trotz allem nach wie vor grosse Chancen bietet. «Unser Land geniesst ein hohes Vertrauen, da die Iraner sehr wohl zwischen der Schweiz, dem übrigen Europa und den USA zu unterscheiden wissen.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.02.2018, 17:59 Uhr

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