Der Männerstrich – Sexarbeit im Verborgenen

Ist die Rede von Prostitution, geht es stets um Frauen. Dabei ist die Schweiz für Stricher sehr lukrativ. Wie ergeht es Männern, die ihren Körper verkaufen?

«Zu viel Sex ruiniert den Sex»: Tarek, 40, im Predigerhof in der Zürcher Altstadt. Bild: Reto Oeschger

«Zu viel Sex ruiniert den Sex»: Tarek, 40, im Predigerhof in der Zürcher Altstadt. Bild: Reto Oeschger

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Tarek war der Mann, den die Männer wollten. Für ein paar Stunden, eine Nacht, für immer. Die Heiratsanträge lehnte er ab, nur sie. Tarek ist 40 Jahre alt und hat zehn Jahre seines Lebens als Escort gearbeitet, hat seinen muskulösen, makellosen Körper verkauft. Schon eine Weile sitzt er da, auf einem Holzstuhl, der unter ihm zum Stühlchen wird, und sagt, wie er ins Gewerbe rutschte, erzählt vom Russen und dem Lexus, vom kuwaitischen Prinz. Aber jetzt hat er auch eine Frage: «Können wir darüber sprechen, was es mit dir macht, wenn du mit Menschen schläfst, obwohl du es nicht willst?»

Es ist die Frage, die kaum jemand stellt – nicht, wenn es um Männer geht. Diesen Sommer forderte die Zürcher Frauenzentrale eine «Schweiz ohne Freier», die Kommentare waren heftig. Stets im Fokus: die Frauen. Unerwähnt blieb, dass sich auch Männer anbieten (und Frauen für Sex bezahlen). Doch die Frage, ob käuflicher Sex menschenwürdig ist, gilt auch für Männer, selbst wenn sie nicht ins Opferschema passen, schon gar nicht einer wie Tarek.

Nur die Aids-Hilfen setzen sich öffentlich für Stricher ein

Ist das Stigma des Strichers kleiner als jenes der Hure? Im Gegenteil, sagt Oliver Vrankovic: «Männliche Prostitution ist ein grösseres Tabu als weibliche.» Er leitet das Projekt Herrmann, ein Angebot des Checkpoint Zürich für Männer im Sexgewerbe. «Weibliche Prostituierte haben eine Lobby. Nebst Frauenverbänden solidarisieren sich viele Frauen aus der Bevölkerung. Männlichen Prostituierten fehlt dieser gesellschaftliche Rückhalt.» Sie hätten keine öffentliche Stimme, abgesehen von den Aids-Hilfen.

Vrankovics Büro liegt wenige Schritte entfernt vom Zürcher Sihlquai, früher standen dort die Mädchen am Strassenrand. Vor fünf Jahren hat die Stadt sie auf den Strichplatz umquartiert, für 2,4 Millionen Franken Steuergelder. Die Stricher – Vrankovic spricht von «Male Sexworkers» – können nirgends offiziell arbeiten, bestenfalls sind sie geduldet. Eine nationale Studie ging 2015 von jährlich bis zu 20'000 Frauen aus, die im Erotikgewerbe tätig sind. Der Schwulenstrich ist viel kleiner und nur in Zürich, Genf und Lausanne sichtbar.

Während Vrankovic für Zürich mit ungefähr 700 Strichern rechnet, nennt die Fachstelle in Genf eine Schätzung von 200 Männern. Es könnten auch gut sehr viel mehr sein: Männliche Prostitution findet im Verborgenen statt. Klassische Bordelle gibt es nicht, lediglich Schwulensaunas und einige Bars – etwa den Predigerhof im Zürcher Niederdorf –, wo Stricher toleriert werden. Darum werben viele auf Gay-Onlineportalen an.

«Soll ich in die Details gehen?»

So wie Tarek, bis vor fünf Jahren, als er seinen letzten Freund kennen lernte. Fragt man ihn nach seinem ersten Freier, erzählt er von einer nicht unangenehmen Begegnung. Tarek hat den Körper eines Türstehers und stammt aus dem Libanon, solide Mittelschicht. In Wahrheit heisst er anders. Sein erster Freier, das kam so: Während des Studiums in den USA sprach ihn auf der Strasse jemand an. Er würde bestimmt einen guten Escort abgeben, sagte der Mann, ein Russe, ohne Sex von ihm zu wollen. Tarek zuckt die Schultern, «ich sah halt gut aus».

Tarek ist einer jener Menschen, nach denen man sich umdreht, wenn sie einen Raum betreten, und er weiss das. Also probierte er es aus. Sein erster Freier war ein Mann um die 70, Harvard-Absolvent, er holte ihn mit dem Lexus ab. «Soll ich in die Details gehen?», fragt Tarek. Bitte. Der Gentleman wünschte, dass Tarek sich auszog, dann stellte er sich hinter ihn und rieb sich an ihm bis zum Höhepunkt. Dafür zahlte er 200 Dollar plus 50 Dollar Trinkgeld.

Immer auf Viagra, oft auf Drogen

Tarek machte weiter, erst in den USA, später in Deutschland und der Schweiz. Er warb auf Gay-Websites, liess sich für 100 Dollar die Füsse lecken oder verbrachte für 1000 Dollar die Nacht beim Kunden. Sagte oft Ja, manchmal Nein. Etwa, als ein Kunde wünschte, dass er ihm ein Stück Arm abbeisse. Vorarephilie nennt sich der Fetisch, wenn jemand sexuell erregt wird durch die Vorstellung, verschlungen zu werden. Auch jene Kunden wies er zurück, das kam ab und zu vor, die auf ihn koten wollten. Urinieren ja, koten nein.

«Es ging ums Ego, um Whiskey und Koks, um einen Lifestyle eben.»Tarek, ehemaliger Sexworker

Seine Freier waren Singlemänner, Familienväter, heimliche Schwule. Einmal habe ihn ein Prinz aus Kuwait Businessclass nach Genf einfliegen lassen, 2000 Franken die Nacht, «er wollte gefickt werden». Immer war Tarek auf Viagra, oft auf Drogen. Weil er nicht ablehnen wollte, wenn Kunden eine Linie anboten, und ja, manchmal hätte er es ohne nicht ausgehalten.

Immer wieder fallen Tarek neue, absonderliche Anekdoten ein, über die er so pragmatisch spricht, wie man eben über eine Zeit sprechen kann, in der man Menschen intimste sexuelle Fantasien erfüllt, sich aber Tage später nicht an ihre Gesichter erinnern kann. Tareks Familie – nur die Schwester weiss, dass er schwul ist – unterstützte ihn finanziell, ausserdem blieb die Sexarbeit stets Nebenjob. Warum also? «Es ging ums Ego, um Whiskey und Koks, um einen Lifestyle eben», sagt Tarek.

Wie zerstörend es ist, realisierte er nur langsam. Je länger er gegen Geld mit Fremden schlief, desto mehr verlor er die Lust privat. «Zu viel Sex ruiniert den Sex», sagt Tarek. Ihn, der auswärts immer konnte, immer können musste, verliess zu Hause seine Manneskraft, seine Partner wurden zu Kunden. Von all den Escorts, die er kenne, sagt Tarek, schaffe es nur eine Handvoll, längere Zeit im Sexgewerbe zu arbeiten, ohne psychisch Schaden zu nehmen. Andere kommen von den Drogen nicht los – Crystal Meth, GBL, Ecstasy –, sie schlafen nicht mehr, haben Depressionen, auch Anabolika sind verbreitet.

Blowjobs ab 20 Franken

Dabei war Tarek privilegiert, konnte sich seine Kunden auslesen. Er sagte sich, er tue es freiwillig. Nicht wie die Strichjungen, die Oliver Vrankovics Team in der Zürcher Altstadt besucht. Sie verkaufen sich aus Geldnot, einige sind nicht einmal homosexuell. «Junge Roma erzählen uns, dass sie zu Hause Frau und Kinder haben», sagt Vrankovic.

Der Zürcher Schwulenstrich folgt einem klaren Gefüge: Latinos werben online, Roma und Asiaten teilen sich Schwulensaunas und Bars auf. Die meisten kommen mit Touristenvisa und reisen nach ein paar Wochen weiter: nach Berlin, London, Paris. In der Szene ist bekannt, dass sich die Zürcher Stadtpolizei – auch wenn sie dies nicht explizit bestätigen will – mit gefälschten Profilen auf Schwulenforen tummelt, um etwa Verstösse gegen das Ausländergesetz aufzudecken. Die Schweiz ist für Escorts lukrativ, ihre Dichte vergleichsweise hoch. Wobei wie überall in der Branche die Preise fallen: Ein Blowjob ist heute schon ab 20 Franken zu haben.

Klassische Zuhälter kennt der Männerstrich nicht. Vrankovic sagt: «Oft gibt aber eine Art Stammesältester, ein Silberrücken, Infos weiter: wo man Zimmer und Kondome findet, wie die Gesundheitsversorgung funktioniert.» Sind Stricher also weniger von Menschenhandel und Ausbeutung betroffen? Nur bedingt, sagt Vrankovic. Einerseits seien viele auf Zimmer zu Wucherpreisen angewiesen. Andererseits seien jene, die sich im Internet anbieten würden, zwar unabhängiger, ohne den Schutz der Community aber auch verletzlicher, etwa wenn ein Freier gewalttätig werde.

Weibliche Prostituierte sind ihren Freiern schon rein körperlich unterlegen. Im Homosexuellen-Milieu ist das Machtgefüge komplexer, es gibt auch Berichte über gewalttätige Stricher. Im Buch «Männer kaufen» des Journalisten Oliver Demont über den Zürcher Schwulenstrich sagt ein Freier: «Im Heterobereich ist das Gefälle ja meist klar: da die Hure, das Loch, das Objekt. Anders bei den Strichern. Gerade für den heterosexuellen Stricher kann es ein Kick sein, wenn das arme, schwule Würstchen bereit ist, Geld zu zahlen, nur damit er ihm einen blasen darf.»

Gebrauchte Socken? Macht 15 Franken

Auf einem der Gay-Portale, auf Planetromeo.ch, finden wir David, wie er sich nennt. Sein Profilbild zeigt ihn nackt, von hinten. Er streicht gerade eine Dachschräge türkisblau. Das ist sein Geschäftsmodell: Handwerkerarbeiten ausführen. Und dabei nackt sein. David ist 28 und äusserlich das Gegenstück zu Tarek: schmächtige Brust, lange blonde Haare. Er hat eine Jugend in der süddeutschen Provinz und eine Malerlehre hinter sich.

Vor ein paar Jahren fragte ihn ein Kunde, ob er die Wand auch nackt streichen würde, für 25 Euro. «Also hab ich den Gürtel geöffnet und die Hose fallen gelassen», sagt David, seine Handwerkerhände auf dem Tisch. Seither macht er das regelmässig, irgendwo gibts immer eine Wand zu streichen. In Deutschland lief das Geschäft gut, manchmal verdiente er 1500 Euro Sackgeld im Monat. Der Schweizer sei vorsichtiger, warte erst mal ab.

Davids Kunden sind eher gesetzte Herren, schwul oder hetero. Da gab es den Villenbesitzer nahe Zürich, der das ganze Haus neu streichen liess, oder den Herrn aus Luzern, der sich als Schriftsteller Herbert vorstellte und eine nackte Muse wünschte. Den ganzen Tag bewegte sich David ohne Kleider frei im Haus, holte sich ab und an einen Kaffee, das war dem Herrn 300 Franken wert. Ein Kunde kaufte ihm die gebrauchten Socken ab, 15 Franken.

Beginnt Prostitution schon beim Trophy Boy?

Warum tut er das? David, der sich als bisexuell bezeichnet und meist Beziehungen zu Frauen hat, zuckt die Schultern. «Weil ich gern nackt bin, das fühlt sich so frei an.» FKK mag er auch. Keine Ahnung, woher das komme, von zu Hause nicht, die Eltern seien verklemmt. Fast immer fragen ihn die Kunden, ob ein bisschen mehr drinliege, fast immer lehnt er ab. Kein Sex, kein Blowjob. Er wisse, sagt David, dass er psychisch nicht stabil genug sei, um als «echter» Escort zu arbeiten. «Es würde mich kaputtmachen.»

Ein Verbot der Prostitution ist in der Schweiz trotz der neuerlichen Debatte nicht absehbar. Und die Männer bleiben im Schatten. Dabei sind sie, obwohl ihren Freiern körperlich ebenbürtig, genauso verletzlich wie Frauen. Tarek, heute in der Sozialen Arbeit tätig, meldet sich einen Tag nach dem Treffen per SMS: Vielleicht beginne käuflicher Sex schon beim Sugar Daddy mit seinem Trophy Boy und ende bei der Vergewaltigung, denn als das könne man Prostitution auch betrachten: als legale Vergewaltigung. «Sex ist eine wunderbare Sache, die nicht mit Geld beschmutzt werden sollte.» Mit seinem letzten Freier ist er heute gut befreundet. Es soll sein allerletzter Freier bleiben. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.09.2018, 20:45 Uhr

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