Der Missstand ist zügig zu beheben

Man setzt darauf, dass die alten Leute sterben, bevor sie zu ihrem Recht kommen. Das ist schlicht zynisch.

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Zuerst das Positive: Wir dürfen immer älter werden und sind immer länger gesund. Die steigende Lebenserwartung aller Bevölkerungsschichtenist eine der grossen Errungenschaften der letzten 100 Jahre. Alleine in den letzten 50 Jahren stieg sie von gut 70 Jahren auf über 83 Jahre. Der Ausbau von AHV, Ergänzungsleistungen und Pensionskassen hat auch dazu geführt, dass die meisten Menschen in der Schweiz in Würde altern können. Die früher weit verbreitete Altersarmut ist zwar nicht verschwunden, aber selten geworden.

Positiv ist auch, dass dank der Medizin die Gebrechen im Alter heute viel später auftreten als früher. Zudem ist das ausgebaute Angebot der Spitex ein Segen. Darum können Rentnerinnen und Rentner auch viel länger zu Hause bleiben als noch vor 20 Jahren. Das klassische Altersheim, das viele fürchteten, hat darum vielerorts ausgedient. Allerdings – irgendwann kommt bei jeder und jedem der Augenblick, wo es zum Autofahren nicht mehr reicht, wo das Einkaufen immer mehr zur Qual wird und der Geist nicht mehr alles mitmacht. Dann stellt sich die Frage, ob man ins Pflegeheim soll. Und dann wird es richtig teuer. Nicht weil die Heime zu luxuriös wären, sondern weil die Betreuung sehr personalintensiv ist.

«Man setzt einfach darauf, dass die Betroffenen müde sind und sich nicht mehr wehren können.»

Die Frage ist nun, wer das bezahlt. Sind es die Patienten selber, dann wirkt das wie eine vorgezogene Erbschaftssteuer, und auch Rentnerinnen und Rentner aus dem Mittelstand werden schnell mittellos. Doch genau das passiert in vielen Fällen. Im letzten Frühjahr hat unser Recherchedesk die Daten aller 1552 Alters- und Pflegeheime analysiert und gezeigt, dass bei 587 Heimen, welche in der Pflege rote Zahlen schrieben, den Patienten einfach höhere Unterbringungskosten verrechnet wurden. Wir haben das bereits damals als stossend kritisiert. Dass es auch unzulässig ist, hat das Bundesgericht Mitte August entschieden. Der Kanton oder die Gemeinde haben die ungedeckten Kosten eines Altersheims für die Pflege seiner Bewohner vollumfänglich zu übernehmen, heisst es im Urteil unmissverständlich.

Jetzt gilt es, das umzusetzen. Es geht um viel Geld. Die alten Leute haben jährlich konkret für die Hotellerie 346 Millionen Franken mehr bezahlt als nötig. Die Hälfte dieser 346 Millionen Franken aus dem eigenen Sack, die Hälfte über Ergänzungsleistungen. Der Missstand ist rasch zu beseitigen. Wenn jetzt wieder in jedem Fall die Gerichte angerufen werden, ist das Vorgehen der Behörden schlicht zynisch, denn dann setzt man einfach darauf, dass die Betroffenen müde sind und sich nicht mehr wehren können – oder schlicht sterben, bevor sie zu ihrem Recht kommen. Das haben sie nicht verdient.


(SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.10.2018, 20:23 Uhr

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