Der Trip ins Altersheim

Rund 20’000 Ex-Junkies kommen in die Jahre – ihr körperlicher Zerfall macht die Pflege anspruchsvoll.

Die offene Drogenszene 1994 beim ehemaligen Bahnhof Letten in Zürich: 40-jährige Ex-Junkies gleichen 70-jährigen Senioren. Bild: Martin Ruetschi/Keystone

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Der tägliche Schluck Wodka muss sein, daran ändert auch nichts, dass heute Besuch da ist. Um 10 Uhr soll die Reporterin Herrn Fischer treffen. Mal schauen, ob er da sei, heisst es, Herr ­Fischer* pflege jeden Morgen beim Türken um die Ecke einzukehren, und das könne dauern. Doch kurz darauf rollt Herr Fischer gut gelaunt in die Stube seiner Wohngemeinschaft im Basler Sternenhof. Seit einem Sturz sitzt er im Rollstuhl, das Gehen macht Mühe. Wacher Blick, schwere Zunge; wenn er lacht, kommen schwarze Zahnstummel zum Vorschein. Andere Leute trinken um diese Uhrzeit den ersten Kaffee, Herr Fischer hat intus: zwei Fläschlein Wodka, ein kleines Bier, ausserdem Methadon und Ritalin. Am Mittag werden drei Fläschlein Wodka hinzukommen, dann legt sich Herr Fischer hin, abends nochmals Methadon und Ritalin.

Andreas Fischer ist gläubiger Christ, aus gutem Basler Hause, schwerstsüchtig. Er hat nicht gezögert, bevor er ins Treffen einwilligte, «für meine Geschichte schäme ich mich nicht». Seine Geschichte, die spielte hauptsächlich in den Gassen von Basel und Zürich, auf dem Platzspitz und am Letten, im Prolog ein abgebrochenes Studium und Hilfsjobs, in der Hauptrolle die Drogen. Herr Fischer reckt den linken Unterarm vor, «bäm!», und sticht mit rechts eine imaginäre Spritze hinein. Seit vier Jahren wohnt der 58-Jährige in einer Wohngemeinschaft im Basler Sternenhof. Hier finden ältere Männer und Frauen ein Zuhause, wo ihre Sucht akzeptiert wird: Fast alle trinken, viele rauchen und kiffen, sind süchtig nach Beruhigungsmitteln, einige nehmen Methadon.

Von den Drogen gezeichnet: Seine Freiheit sei ihm das Wichtigste, sagt Herr Fischer. Foto: Stefan Bohrer

Gerade Letztere, die Junkies von gestern, kommen ins Alter. Es sind die Überlebenden der Platzspitzgeneration; die meisten sind, sofern die Sucht nicht überwunden ist, in einer sogenannten substitutionsgestützten Behandlung: Rund 18'000 Menschen in der Schweiz nehmen Methadon oder andere Opioide, weitere 1600 erhalten pharmazeutisch hergestelltes Heroin in einer der Abgabestellen.

Gemäss Nationaler Substitutionsstatistik waren 2016 mehr als zwei Drittel der Klienten in Methadonprogrammen 40-jährig oder älter – fast doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Ähnlich sieht es bei jenen aus, die kontrolliert Heroin konsumieren. «Obwohl sie noch keine 50 sind, erinnern sie teilweise an 70-jährige Senioren», sagt Hannes Strasser. Er ist ärztlicher Leiter am Zentrum für heroingestützte Behandlung der Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel, wo rund 160 Süchtige ihr pharmazeutisches Heroin erhalten. «Einige gehen langsam und gebückt, haben Bluthochdruck und Herzprobleme, chronische Infektionskrankheiten oder kommen ohne Lift fast nicht in den 1. Stock.»

Ex-Junkies und ihre Gassensprache

Bei anderen hat der jahrzehntelange Drogenkonsum zusammen mit schweren Infektionskrankheiten wie HIV das Gehirn geschädigt, sie werden vergesslich oder zeigen früh Anzeichen von Demenz – Letzteres liegt oft auch am Alkohol. Ohnehin sind es meist nicht die Drogen an sich, sondern die Begleitumstände, die kaputt machen: das Leben in der Illegalität, Geldmangel, schlechte Ernährung, schmutzige Spritzen, Strassenheroin, Alkohol. Die körperlichen Beschwerden erschwerten die ambulante Behandlung, sagt Strasser: «Die Leute gehen weniger raus und isolieren sich – dabei ist unser Ziel, sie so lange wie möglich in der Gesellschaft zu halten.»

Künftig braucht es deshalb mehr Pflegeplätze für ältere Langzeitsüchtige. «Doch diese Menschen kann man unmöglich in ein normales Alters- oder Pflegeheim stecken», sagt Käthy Pabst. Sie ist für mehrere Wohngruppen im Basler Sternenhof zuständig, wo auch Herr Fischer wohnt, und bringt ­regelmässig ältere Süchtige unter, mit denen das Altersheimpersonal nicht zurechtkommt. Denn wie soll ein Mensch, der jahrelang am Rande der Gesellschaft gelebt hat, ohne Regeln und Strukturen, sich plötzlich in ein Heim einfügen, in dem Eigenwilligkeiten keinen Platz haben und feste Essenszeiten gelten?

Schliessung des «Needle Park» von Zürich

Das beginne schon bei der Sprache, sagt Pabst: «Ehemalige Junkies haben nun mal eine Gassensprache, da wirft einer dem anderen rasch ein ‹Saucheib› an den Kopf.» Auch die Toleranzgrenze sei niedriger. «Fragt einer nach einer Zigarette, will er sie sofort und nicht erst in fünf Minuten, sonst kann er ausfällig werden.» Abmachungen sind schwierig: Jemand verspricht, heute weniger zu trinken, dreht sich um – vergessen ists. «Das darf man als Pfleger nicht persönlich nehmen», sagt Pabst. Hinzu kommen die schweren psychischen Probleme, an denen viele Drogensüchtige leiden: Depressionen, Angststörungen, manchmal Schizophrenien. Nicht alle haben solch ein gutes Verhältnis zur Familie wie Herr Fischer, der regelmässigen Kontakt zu seinen Geschwistern pflegt.

Seine Freiheit, das wiederholt er mehrmals, sei ihm am wichtigsten. Deshalb lebe er gerne im Sternenhof: «Man akzeptiert mich, und es besteht keine Abhängigkeit zwischen Bewohnern und Pflegern.» Wer sonst hätte Verständnis, wenn seine ID kaputt ist, weil er sie benutzt, um seine Ritalin-Linien zu ziehen, die er täglich als Kokainersatz schnupft? Wo bekäme er ­jeden Abend um 22.30 Uhr noch ein Nachtessen, weil das halt seinem Rhythmus entspricht? Wobei, wendet Herr Fischer ein, «manchmal ist es auch streng hier»: So kontrollieren die Betreuer regelmässig, ob er frische Unterhosen angezogen hat. Die Bewohner sollen beim Kochen und Einkaufen helfen, es gibt einen freiwilligen Wochenplan, Jassen am Mittwoch, Gymnastik am Donnerstag.

Er spritzte sich Heroin, die Pflegerin betete

Thilo Beck, Chefarzt Psychiatrie der Zürcher Arud-Zentren für Suchtmedizin, wehrt sich gegen das verbreitete Klischee, Süchtige mit Junkies gleichzusetzen: «Ich wünsche mir, dass wir es als Gesellschaft schaffen, diese Menschen zu integrieren und nicht zu ghettoisieren.» Viele Heime hätten jedoch grösste Hemmungen gegenüber Drogensüchtigen: «Alkohol als Droge kennen sie – aber bei Heroin kommen sie ins Rotieren.»

Hannes Strasser vom Basler Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen erinnert sich an einen Patienten im Unispital, der sich vor mehreren Jahren pharmazeutisches Heroin spritzte. «Die Pflegerin sass daneben und betete.» Seither sei die Toleranz zwar gewachsen, doch es blieben ungeklärte Fragen: Darf etwa die Spitex Heroin lagern? Was, wenn sich ein Süchtiger den Stoff nicht mehr selber spritzen kann? Phar­mazeutisches Heroin kann auch als Tablette eingenommen werden – allerdings fällt dann der ersehnte Flash weg. Bedarf gibt es auch in der Forschung, wie Frank Zobel von Sucht Schweiz sagt. Es mangle an Langzeitstudien über Heroinkonsumenten: «Wir haben zwar die grosse Krise der Neunzigerjahre überwunden, aber ihre Erbschaft verwalten wir heute noch.» Doch beim Bund habe das Thema Drogen nicht mehr höchste Priorität.

Schliessung der Drogenszene Letten 1995 Video: SRF/Youtube

Mehrere Städte bauen deshalb das Pflegeangebot für ältere Süchtige bereits aus. In Zürich etwa soll das Betreute Wohnen City für Süchtige und psychisch Angeschlagene um vorerst acht Plätze wachsen. Doch das werde nicht reichen, sagt Kaspar Niederberger, Geschäftsbereichsleiter Wohnen und Obdach: «In den nächsten Jahren werden unseren Schätzungen zufolge mehrere Hundert Menschen mit kombinierter Sucht- und psychischer Erkrankung in Zürich intensivere Betreuung benötigen – damit sie in Würde altern und nicht verwahrlosen.» Zudem steht die Gründung einer speziellen Wohngruppe zur Diskussion, wo Abhängige auch gepflegt werden. Und seit Anfang Jahr gibt es einen runden Tisch, an dem Fälle von Süchtigen besprochen werden, die vom Betreuten Wohnen City in ein Pflegeheim wechseln müssen. Im Kanton Aargau ist ein Ausbau entsprechender Pflegeplätze geplant.

Wo er am liebsten leben möchte, wenn er alt sei, wird Herr Fischer zum Schluss gefragt. Er scheint erstaunt: «Warum? Ich bin ja schon alt.»

* Name geändert. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 21.05.2018, 21:23 Uhr

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