Der Wikinger will seine Unschuld beweisen

Erwin Sperisen, der Ex-Polizeichef Guatemalas, fordert vom Kanton Genf über eine Million Schadenersatz.

Herbst 2017: Der Angeklagte Sperisen hofft in Genf auf einen Freispruch. Bild: Lundi13/Fred Merz

Herbst 2017: Der Angeklagte Sperisen hofft in Genf auf einen Freispruch. Bild: Lundi13/Fred Merz

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Genf An der Wand in Erwin Sperisens Wohnung hängt ein Plakat mit grossen Buchstaben: «Papa, willkommen zuhause». Am Boden neben dem kleinen Stubentisch stapeln sich fünf Bundesordner mit Gerichtsunterlagen und Notizen, die der 47-Jährige in fünf Jahren und einem Monat Einzelhaft verfasst hat. Sperisen nimmt ein Blatt Papier mit einer Strichliste hervor. Jedes Mal, wenn ihn seine Frau ­Elizabeth im Genfer Gefängnis Champ-Dollon besuchte, hat er einen Strich gemacht. 423 Striche waren es am Schluss.

Zweimal verurteilte die Genfer Justiz den guatemaltekisch-schweizerischen Doppelbürger wegen mehrfachen Mordes zu lebenslanger Haft. Sperisen wird beschuldigt, in seiner Zeit als Polizeichef Guatemalas bei der Hinrichtung von insgesamt zehn Häftlingen beteiligt gewesen zu sein. Ende Juni hat das Bundesgericht das Urteil aufgehoben. Es wirft dem Genfer Gericht teilweise Willkür und Missachtung von Sperisens Rechten als Angeklagter vor. Dieses muss den Fall neu beurteilen. Später hat das Bundesgericht auch die Haftentlassung angeordnet.

Jetzt trägt Sperisen eine Fussfessel. Mit seiner Frau Elizabeth und den drei Kindern wohnt er in einer kleinen Dreizimmerwohnung ganz in der Nähe des Genfer Gerichtsgebäudes. Er darf seine Wohnung von 9.30 bis 11 Uhr und von 14.30 bis 16.30 Uhr verlassen. Seine Stunden ausserhalb der Wohnung nutzt er für Spaziergänge mit seiner Frau.

Sonnenbrille, Waffen und eine Harley-Davidson

Der angebliche Mehrfachmörder ist im Gespräch betont freundlich. Mit einem Lächeln erzählt er alte Abenteuergeschichten, wie er Gewehrkugeln auswich oder Meutereien im Polizeikorps bekämpfte. Sein Spitzname war «El Vikingo» – der Wikinger. Er posierte mit Sonnenbrille, Waffen und auch mal mit einer Harley-Davidson. Heute noch trinkt er seinen Tee aus einer Harley-Davidson-Tasse. Ansonsten versucht der ehemalige Häftling, so aktiv wie möglich zu sein. «Das hilft mir, nicht ständig an den Prozess zu denken.»

Ende November wird die Genfer Justiz zum dritten Mal über Erwin Sperisen richten. Noch einmal wird sie aufrollen, weshalb 2005 im Gefängnis El Infiernito und 2006 in der Haftanstalt Pavón zehn Häftlinge erschossen wurden und welche Rolle dabei der damalige Polizeichef Sperisen spielte.

Anklage sagt, Sperisen habe Hinrichtungen geplant

Vor allem die Geschehnisse in ­«Pavón» sind umstritten. In der Operation Pfau (pavo real) drangen über 3000 Sicherheitskräfte in das teilweise selbst verwaltete ­Gefängnis ein, um es wieder unter staatliche Kontrolle zu bringen. Sieben Häftlinge starben dabei. Die Anklage ist überzeugt, dass die Opfer gezielt und aus nächster Nähe erschossen wurden. Um die Hinrichtungen zu vertuschen, sollen Sperisens Männer die Leichen umplatziert und ihnen Waffen in die Hände gelegt haben. Sperisen soll, zusammen mit seinem damaligen Vorgesetzten Carlos Vielmann und seinem Mitarbeiter Javier Figueroa die Aktion geplant und die Befehle erteilt haben. Er bestreitet das.

Unbestritten ist, dass Sperisen bei der Operation vor Ort war. Er selber sagt, er habe sich vor dem Haupteingang aufgehalten. Die Schiessereien hätten auf der anderen Seite des Gefängnisses stattgefunden. «Ich habe sie nicht gesehen», sagt er. Man könne sich die Zustände im Pavón in der Schweiz gar nicht vorstellen. «Die Häftlinge hatten Bars, Waffen, Autos und eigene Häuser mit Jacuzzi.» Verbrechen in Guatemala müsse man anders bekämpfen als in der Schweiz, sagt Sperisen. «In Guatemala habe ich gegen Drogen-­Könige gekämpft. Sie schossen auf mich, bewarfen meinen Helikopter mit Granaten. Sie drohten, meine Frau umzubringen und meinen Sohn zu entführen», das sei «eine ganz andere Dynamik».

Erwin Sperisens Chancen für einen Freispruch sind gestiegen. Da ist zum einen das Bundes­gerichtsurteil. Und da sind zum anderen die Freisprüche für Sperisens angebliche Mittäter Vielmann und Figueroa in Prozessen in Spanien und Österreich. Die Genfer Justiz ist unter Druck geraten.

Anwalt: «Grösster Justizirrtum in den Annalen der Schweiz»

Sperisens Anwälte Giorgio Campá und Florian Baier haben längst in den Angriffsmodus geschaltet. Vom «grössten Justizirrtum in den Annalen der Schweiz», sprach Campá nach Sperisens Freilassung. Sie haben den Antrag gestellt, die Richterin auszuwechseln. Vor ­allem aber wollen sie für ihren Mandanten eine Kompensation für erlittenes Unrecht. «Wir werden vom Kanton Genf einen Schadenersatz von mehr als einer Million Franken fordern», sagt Baier bei einem Treffen in seiner Kanzlei. Und «selbstverständlich» würde man den Fall, falls nötig, bis an den Europäischen Gerichtshof in Strassburg weiterziehen.

Zu «80 bis 90 Prozent» habe das Bundesgericht das Genfer Urteil widerlegt, sagt Baier. Er ortet ein grundsätzliches Problem in der Rhonestadt: «Es gibt in der Genfer Justiz den Wunsch, der ganzen Welt Lektionen zu erteilen. Das muss nicht zwingend schlecht sein. Es ist aber Zurückhaltung ­geboten. Diese fehlt hier völlig.»

Der verantwortliche Staats­anwalt Yves Bertossa war für die SonntagsZeitung nicht zu sprechen. Er interpretiert das Bundesgerichtsurteil aber offensichtlich anders als Baier. Das höchste ­Gericht habe die Verantwortung von Sperisen festgehalten, sagte er dem Westschweizer Fernsehen. Jetzt gelte es zu definieren, welche Rolle Sperisen genau gespielt habe.

285 Bücher im Gefängnis gelesen

Für den Prozess, sagt Baier, habe das Genfer Gericht zwei neue Zeugen aus Guatemala angekündigt, die im Gefängnis Pavón inhaftiert waren. Einer habe unterdessen bekannt gegeben, dass er nicht aussagen wolle. Ein anderer sei erschossen worden.

Im Gefängnis hat Erwin Sperisen 285 Bücher gelesen. Alles von Shakespeare, die Biografie von Mandela, die Bibel – jeden Tag. Auch hat er begonnen, seine Memoiren zu schreiben. 800 Seiten seien fertig. Bevor er sie beendet, will er das Urteil abwarten.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 22.10.2017, 08:17 Uhr

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