Der erzwungene Abgang von Rüegg-Stürm

Der Raiffeisen-Präsident wollte Pierin Vincenz eine verdeckte Abgangsentschädigung von 2,5 Millionen Franken zahlen – die Genossenschafter wehrten sich.

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Es war kein schöner Abgang für den Mann, der seit 2011 an der Spitze der Raiffeisen stand: Am Donnerstagabend ­teilte die Bank mit, dass ihr Verwaltungsratspräsident Johannes ­Rüegg-Stürm per sofort sein Amt niederlege.

Doch bereits Ende vergangenen Jahres – nachdem bekannt geworden war, dass gegen Raiffeisen und ihren langjährigen Chef Pierin Vincenz ein Verfahren der Finanzmarktaufsicht läuft – regte sich gegen Rüegg-Stürm erster Widerstand. Das zeigte sich an einem Treffen der Vorsitzenden der Regionalverbände der Raiffeisen-Genossenschaften, dem sogenannten RV-Rat.

Image der Bank beschädigt

Dieser ist wichtig in der Ge­nossenschaftsstruktur der Bank. Die Raiffeisenbanken sind in 21 Regionalverbänden zusammengeschlossen. Sie nehmen laut Statuten eine «Bindegliedfunktion» zwischen der Zentrale und den ­einzelnen Raiffeisenbanken wahr. Zu den Aufgaben der Regional­verbände gehört die Organisation der Wahl der Delegierten für die ­Delegiertenversammlung von Raiffeisen Schweiz, welche wiederum den Verwaltungsrat wählen kann. Wenn die Delegierten den Präsidenten nicht zur Wiederwahl empfehlen, ist er chancenlos.

Die Stimmung im RV-Rat war gedrückt, der Skandal bei ihrer Bank war den Bankern unan­genehm. Die Meldungen über die mutmassliche Bereicherung durch Pierin Vincenz und die offenkundige Führungsschwäche von Johannes Rüegg-Stürm beschädigten das Image der Bank.

Genossenschafter forderten den raschen Rücktritt

Stimmen wurden laut, es könne so nicht weitergehen, es brauche eine Veränderung an der Spitze des Verwaltungsrats. Rüegg-Stürm selbst wollte sich an der Generalversammlung im Frühling 2018 noch einmal für eine Amtsdauer von zwei Jahren zum Präsidenten wählen lassen. Dagegen regte sich an der Sitzung des RV-Rats breiter Widerstand. Eine Fraktion wollte schon damals, dass der Präsident auf die Generalversammlung hin sein Amt niederlege, andere sahen 2019 als den richtigen Zeitpunkt. Bis dann, so hofften sie, sei der Sturm vorbei, und Rüegg-Stürm hätte Zeit, einen Nachfolger zu ­finden. Der ebenfalls umstrittene Patrik Gisel, Chef der Bank und Nachfolger von Vincenz, wurde an der Konferenz gestützt. Die ­Begründung lautete, er mache seine Arbeit gut. Und es lägen keine Beweise vor, dass er an den Machenschaften von Vincenz beteiligt war und mitprofitiert hätte.

Im Februar, als nichts geschah, bekräftigte der RV-Rat seine Position und sandte dem Verwaltungsrat einen Brief, in dem er den Rücktritt von Rüegg-Stürm forderte. Doch dieser wollte nichts hören, im Gegenteil: Noch vergangenen Sonntag gab er sich in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» kampfeslustig und gab bekannt, er wolle bis 2020 bleiben. Darauf brach Hektik aus, wie mehrere Beteiligte übereinstimmend berichteten. Es gab ein weiteres Mail aus dem RV-Rat an die Verwaltungsräte, in dem erneut Rüegg-Stürms Rücktritt gefordert wurde.

Rüegg-Stürm musste Sitzung verlassen

Am Montag kam es zu einer ersten ausserordentlichen Verwaltungsratssitzung. An dieser wollte sich Rüegg-Stürm als Aufklärer in Szene setzen. Doch er hatte offensichtlich seine Lage falsch eingeschätzt. Denn er wurde gebeten, den Raum zu verlassen, damit die übrigen Verwaltungsräte in Ruhe über ihn diskutieren konnten. Der Tenor war eindeutig: Rüegg-Stürm sei nicht zu halten. Zu eng war sein Verhältnis mit Vincenz, zu viele Führungsfehler wurden ihm vorgeworfen.

Und es kam die Rede auf einen Vorfall, der sich vor gut zwei Jahren ereignete: Damals, als Vincenz seinen Abgang vorbereitete, wurde heftig über eine Abgangsentschädigung gestritten. Ursprünglich hatte er einen CEO-Vertrag, der festlegte, dass er nach seinem Abgang 5 Millionen Franken erhalten würde. Doch seit der Annahme der Minder-Initiative 2013 sind Abgangsentschädigungen verboten. Und es gilt eine verschärfte Offenlegungspflicht.

Verwaltungsrat lehnte Vincenz’ Beratervertrag ab

Also musste eine neue Regelung her. Als klar wurde, dass Vincenz im Herbst 2015 zurücktreten ­wollte, gelangte Rüegg-Stürm mit der gemeinsam mit Vincenz entwickelten Idee an den Verwaltungsrat, man könnte einen Beratervertrag aufsetzen. Während fünf weiteren Jahren wäre demnach Vincenz von Raiffeisen jährlich mit einer ­halben Million Franken bezahlt gewesen. In der Rechtsabteilung der Bank regte sich gegen diese verdeckte Abgangsentschädigung von 2,5 Millionen Franken Widerstand. Diesen konnte auch Chefjuristin Nadja Ceregato, Vincenz’ Ehefrau, nicht unterbinden.

Letztlich sagte der Verwaltungsrat nach längerer Diskussion Nein zum Beratervertrag. Vincenz musste also ohne «goldenen Fallschirm» abtreten.

Rüegg-Stürms Abgang wurde in Bern besiegelt

Darben musste er dennoch nicht. Denn kaum endete seine Zeit bei Raiffeisen, sicherte er sich seine finanzielle Grundlage in Form einer Verwaltungsratskarriere. Er übernahm das Präsidium beim ­Versicherer Helvetia, an dem Raiffeisen beteiligt war. Es folgten der ­Finanzdienstleister Leonteq, wo Raiffeisen grösster Aktionär ist, und der Energieriese Repower. ­Vincenz’ Fixierung auf das Monetäre zeigte sich auch bei diesen Mandaten. Kaum war er bei Leonteq im Amt, schoss das Präsidentenhonorar auf 750'000 Franken hoch, was mehr als einer Verdoppelung gegenüber dem Vorgänger entsprach. Als Leonteq kurz ­darauf ins Strudeln kam, musste er eine Kürzung in Kauf nehmen. Bei Helvetia verdiente er im vergangenen Jahr gut eine Million Franken.

Für Johannes Rüegg-Stürm endete das Machtspiel ungut: Nach der Sitzung vom vergangenen Montag wurde für Donnerstag eine zweite Sitzung angesetzt. Diesmal im Hotel Bellevue in Bern. Dort war auch eine Delegation der RV-Präsidenten anwesend. An dieser Sitzung wurde Rüegg-Stürms Abgang besiegelt und Pascal Gantenbein als Nachfolger eingesetzt.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.03.2018, 20:31 Uhr

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