Der gefährlichste Ort der Schweiz

Das Färmeltal kann im Winter zur Todesfalle werden. Fast alle 59 Häuser liegen im höchsten Gefahrenbereich.

Schon früher stellten Lawinen im Färmeltal eine Gefahr dar. Foto: Keystone

Schon früher stellten Lawinen im Färmeltal eine Gefahr dar. Foto: Keystone

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Das Färmeltal im Berner Oberland ist vermutlich einer der gefährlichsten Orte der Schweiz. Das zeigt eine Datenanalyse der kantonalen Gefahrenkarten. Fast das gesamte Tal, das zur Gemeinde St. Stephan gehört, liegt im roten Lawinen-Gefahrenbereich. Das heisst: Die Lawinen können so mächtig werden, dass sie Gebäude unter sich begraben.

Katastrophen gab es einige – so zum Beispiel 1739. In einer Chronik heisst es: «Im Jahr 1739 den 20. Januar zwüschen 10 und 11 Uhr hatte sich in dieser Gemeind St. Stephan und sonderlich in der Bürt Färmel nachfolgender casus zugetragen. Es kam nämlich eine entsetzliche Schnee Lauwene und bedrückte und riss hinweg 3 Häüser, 3 Scheunen und ein Speicher. In dem einten Haus war Peter Trachsel, dem seine Hausfrau samt 4 Töchteren getödet wurden.»

Lawinenopfer: Aus dem Bett in den Schnee geworfen

Besonders schlimm war auch eine Lawine 1954, ein Augenzeuge erinnert sich: «Um 11 Uhr nachts ein mächtiger Luftstoss, und wir wussten: Jetzt ist die Blutliggraben-­Lawine gekommen, die wir schon von früheren Jahren kannten. Es war schwarze Nacht und ich öffnete ein Fenster, es war zuerst still, doch plötzlich hörte ich die Stimme des Hans Grünenwald, der so nach Luft oder Atem schnappte. Er war aus dem Bett in den Schnee hinausgeworfen worden.»

Trotz der vielen Katastrophen hat sich die gefährliche Gegend über all die Jahre nicht entvölkert. Nicht weniger als 59 Gebäude stehen bis heute im Tal – bei den meisten handelt es sich um Bauernhäuser. Und 80 Menschen leben permanent im Färmel, wie die Einheimischen sagen. Wenn die Feriengäste mitgezählt werden, sind es 100.

Tatsächlich haben die Gemeinde und die Einwohner gelernt, mit den Gefahren umzugehen. In einem aktuellen Merkblatt der Behörden ist detailliert aufgelistet, wie sich die Bewohner des Färmeltals zu verhalten haben. Vor Winterbeginn sollen sie beispielsweise im Keller einen Schutzraum einrichten, Notvorräte anlegen sowie vorübergehende Wohnmöglichkeiten ausserhalb des Tals organisieren. Wird die Lawinengefahr gross, müssen die Bewohner die Fensterläden bergseits schliessen, offene Feuer löschen sowie eine Evakuierung vorbereiten. Zudem dürfen sie dann die Häuser nicht mehr verlassen.

Chronisten behaupten, in der Stadt sei es gefährlicher

Insofern ist gut möglich, dass das Leben im Färmeltal heute gefahrloser ist als noch bis vor wenigen Jahren. Zumal heute ein Grossteil der Häuser speziell gegen Lawinen geschützt ist – zum Beispiel mit Betonmauern oder Keilen. Für die Autoren der Chronik «Im Färmeltal» jedenfalls steht fest: «Man lebt heute im Färmel sicherer, als wenn man täglich die Simmentalstrasse befährt, und wer in einer Grossstadt lebt, hat sich mehr gefährliche Orte zu merken als die Bewohner des Färmels im tiefsten Winter.»

Erstellt: 20.01.2019, 12:05 Uhr

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