Detailhändler wittern Geschäft mit E-Zigaretten

Coop und Valora nehmen elektronische Zigaretten ins Sortiment auf – eine Gesetzeslücke lässt Handel und Industrie viel Freiheit.

Käsekuchenaroma als Verkaufsrenner: Die elektronische Alternative zu Tabakprodukten verspricht hohe Wachstumsraten. Bild: Keystone

Käsekuchenaroma als Verkaufsrenner: Die elektronische Alternative zu Tabakprodukten verspricht hohe Wachstumsraten. Bild: Keystone

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Was darf es sein: Wassermelone, Kirsche oder Apfel? Die Frage stellt sich nicht nur auf dem Früchtemarkt, sondern mitunter auch am Kiosk. Der Detailhändler Valora baut sein Angebot an elektronischen Zigaretten in der Schweiz stark aus. Die für die Verdampfung notwendigen Flüssigkeiten sind in den verschiedensten Geschmacksrichtungen erhältlich. Erst seit April sind in der Schweiz nikotinhaltige Flüssigkeiten erlaubt. Dies nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts. Gestützt auf das Cassis-de-Dijon-Prinzip sind in der EU zugelassene Produkte auch in der Schweiz legal.

Bisher waren vor allem kleinere Anbieter im Geschäft mit E-Zigaretten aktiv. Nikotinzusätze für die Flüssigkeiten gab es im ausländischen Onlineshop oder unter der Ladentheke. Mit der neuen Rechtslage kommen nun auch grosse Händler auf den Geschmack. «Wir planen, elektronische Zigaretten und Flüssigkeiten mit Nikotingehalt ins Sortiment aufzunehmen», sagt eine Sprecherin von Coop. Denner bietet derzeit keine E-Zigaretten an, beobachtet aber den Markt und prüft laut eigenen Angaben eine Sortimentserweiterung.

Käsekuchenaroma als Verkaufsrenner

Valora hat im Juni die Produkte des Schweizer Anbieters Insmoke ins Sortiment ihrer Kioske aufgenommen und erweitert noch diesen Monat das Angebot. «Wir gehen davon aus, dass sich E-Zigaretten mit der Zeit einen respektablen Anteil am Nikotinmarkt erarbeiten werden», sagt eine Sprecherin. In den Läden in Deutschland, in denen Valora schon länger E-Zigaretten verkauft, verzeichnet das Unternehmen bereits eine hohe Nachfrage. In der Schweiz sei es für eine Zwischenbilanz noch zu früh. Die Erfahrungen aus dem Nachbarland kann Valora wohl nur beschränkt auf die Schweiz übertragen, zumindest was die Aromen betrifft: Die beliebtesten Geschmacksrichtungen der deutschen Dampfer sind After Eight und Käsekuchen.

Im Gegensatz zu Tabakprodukten, bei denen die Verkaufszahlen zurückgehen, verspricht die elektronische Alternative hohe Wachstumsraten. Laut Suchtmonitoring Schweiz konsumieren lediglich 0,7 Prozent der Schweizer wöchentlich E-Zigaretten. Zum Vergleich: Rund ein Viertel der Schweizer rauchen Tabak. Wohin sich der Markt bewegen könnte, zeigt Grossbritannien. Dort rauchen gegen 6 Prozent der Bevölkerung E-Zigaretten. Die Industrie profitiert von Empfehlungen der britischen Gesundheitsbehörde. Diese rät Rauchern eindringlich, auf das Dampfen umzusteigen, weil das deutlich weniger schädlich sei als herkömmliche Zigaretten. Die Behörde forderte sogar E-Zigaretten-Shops in Spitälern, um den Rauchern die schädlicheren Zigaretten abzugewöhnen.


Video: E-Zigaretten und ihre Risiken

Vertreiber von E-Ziggis nehmen Stellung und geben über mögliche Risiken Auskunft. Video. Vizzr/ViralHog


In der Schweiz sind Experten kritischer. Es gebe keine aussagekräftigen Langzeitstudien über die negativen Auswirkungen von ­E-Zigaretten auf die Gesundheit, sagt Thomas Beutler von Tabakprävention Schweiz. Zudem glaubt er den Beteuerungen der Industrie, nur Tabakraucher als Zielgruppe anzusprechen, nicht: «E-Zigaretten mit süssen Aromastoffen zielen auf Jugendliche ab.» Dies auch, wenn sie Nichtraucher sind. Der Erfolg der Produkte hänge von den Werbebudgets der Unternehmen ab. «Wenn Händler oder Anbieter viel Geld fürs Marketing in die Hand nehmen, könnten die Verkaufszahlen rasch steigen.»

Keine Werbeeinschränkungen

Der Schweizer Hersteller In­smoke freut sich bereits über ein deutliches Umsatzplus. «Wir müssen Produktion und Lager ausbauen», sagt Unternehmenschef Stefan Meile. Er hatte gegen das bis vor kurzem herrschende Verbot geklagt und recht bekommen. In-smoke ist mit weiteren Detailhändlern für den Verkauf der Produkte in Gesprächen. Meile rechnet mit zunehmender Konkurrenz. «Die grossen Tabakfirmen werden ihre E-Zigaretten bald auch auf den Schweizer Markt bringen – mit entsprechend hohem Marketingbudget.» Kurz vor der Lancierung steht Japan Tobacco International. Der Konzern, zu dem Marken wie Camel und Winston gehören, will im Sommer seine E-Zigaretten in der Schweiz auf den Markt bringen, wie aus dem Unternehmen verlautet. «Wir arbeiten mit Hochdruck daran», sagt eine Sprecherin.

Dabei können Hersteller und Handel in der Schweiz kräftig die Werbetrommel rühren. Gesetz­liche Einschränkungen wie bei Tabak gibt es nicht. Denn mit der Aufhebung des Verbots hat sich für E-Zigaretten eine Gesetzeslücke aufgetan. Die Produkte fallen unter das Lebensmittelgesetz. Mit dem neuen Tabakproduktegesetz sollen E-Zigaretten zwar den Tabakprodukten gleichgestellt werden. Doch es tritt erst 2022 in Kraft. «Bei der Abgabe von E-Zigaretten ist weder das Abgabealter geregelt noch bestehen Werbeeinschränkungen», schreibt das Bundesamt für Veterinärwesen und Lebensmittelsicherheit. Branchenvertreter und Behörden trafen sich deshalb vor einer Woche an einem runden Tisch, um «die bestehende Gesetzeslücke im Bereich Jugendschutz zu schliessen» – ohne konkretes Ergebnis. Man will sich im September wieder treffen, um sich auf einen Kodex in Sachen Jugendschutz und Werbeeinschränkungen zu einigen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.07.2018, 23:20 Uhr

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