«Die AfD schürt Angst – grausam und übelst»

Herbert Grönemeyer im Gespräch über die Stimmung in Deutschland, alberne «Männer» und den Humor der Schweizer.

«Rockmusik muss nerven und provozieren»: Herbert Grönemeyer, 62. Bilder: Antoine Melis

«Rockmusik muss nerven und provozieren»: Herbert Grönemeyer, 62. Bilder: Antoine Melis

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In einem Zimmer des vornehmen Berliner Hotels «Das Stue» empfängt ein bestens gelaunter Herbert Grönemeyer. Der 62-Jährige lacht im Gespräch mehrmals schallend. Von der Melancholie, die viele seiner Alben durchzieht, ist wenig zu spüren. Die vereinbarte Zeit überzieht er bei weitem. Das Gespräch wird erst beendet, als der Manager darauf aufmerksam macht, dass das Zimmer nicht den ganzen Tag reserviert ist.

Sie sagten einmal, ihre Alben würden widerspiegeln, wo Sie als Mensch stehen. Was sagt «Tumult», ihr neustes, über Herbert Grönemeyer im Jahr 2018 aus?
Ich bin besorgt. Wir müssen sehen, wie wir uns als Gesellschaft neu sortieren können.

Inwiefern?
Wir stehen in Deutschland vor drei grossen Herausforderungen. Erstens die Frage, wie wir mit den Flüchtlingen umgehen und ihnen Schutz gewähren. Zweitens die Tatsache, dass Menschen mit Migrationshintergrund, die seit vielen Jahren in Deutschland leben, sich hier nicht mehr wohlfühlen. Und drittens die Wiedervereinigung des Landes, die nie vollzogen wurde. Ein Thema, das in Deutschland unter den Teppich gekehrt wird.

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, die Wiedervereinigung sei nie vollzogen worden?
Wir haben den Menschen aus der früheren DDR einfach ein neues System aufgezwungen. Ein westliches System, das sie gar nicht kannten. Man dachte wohl, übertrieben gesagt, es würde reichen, Geld in den Osten zu schicken und die Strassen zu sanieren. Die kulturellen Unterschiede zwischen Ost und West waren nie ein Thema. Es hiess einfach: «Wir sprechen beide Deutsch, das reicht. Fertig.»

Wie unterscheiden sich denn die Menschen im Osten von jenen in Westdeutschland?
Die ältere Generation war an ein klar sortiertes System gewohnt. Die verdienten teilweise genau gleich, hatten eine klar vorgezeichnete Perspektive. Nach der Wende kamen sie plötzlich in eine Welt, die vom Konkurrenzkampf geprägt war. Ein hierarchisches System, mit einer Kluft zwischen arm und reich, in dem man sich selber behaupten muss. Das war ein Kulturschock. Die Menschen im Osten waren auch gewohnt, anders miteinander zu kommunizieren und miteinander umzugehen.


«Der Tischler arbeitet mit Holz, Künstler denken über die Stimmung in der Gesellschaft nach. Ich mache das nicht, damit die Leute nachher sagen: ‹Boah, ist der klug.› Nein, es ist meine Aufgabe.»

Zum Beispiel?
In der ehemaligen DDR sprachen die Menschen immer auf der gleichen Ebene zueinander. Da gab es kein «Frau Professor». Im Restaurant setzte man sich gerne zu den anderen Menschen hin, selbst wenn alle anderen Tische daneben frei waren. Die waren gewohnt, sich zu unterhalten. Ein Westler sagt da schon eher mal: «Kannst du dich nicht da hinten hinsetzen? Ich will mich doch jetzt nicht mit dir unterhalten.»

Was hätte konkret geschehen müssen?
Die Politiker hätten von Anfang an sagen müssen: «Ihr habt eure Geschichte, wir haben unsere. Wir müssen jetzt zwei Kulturen zusammenbringen.» Das wurde aber nie gemacht. Im Westen hiess es eher: «Wir haben euch befreit, wir geben euch Geld, jetzt seid mal dankbar.» Das ist für eine Ehe nicht besonders gut. Irgendwann sagt die Braut oder der Bräutigam: Das höre ich mir jetzt nicht noch länger an. Das nervt. Das ist genau das, was sich jetzt niederschlägt: Die Menschen im Osten fühlen sich nicht ernstgenommen.

Ein Politikversagen?
Ganz klar. Dabei sind sowohl Angela Merkel als auch Joachim Gauck in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Sie wären prädestiniert, um den Menschen im Westen zu erklären, wie sie im Osten denken. Das haben sie aber nie gemacht. Es hat all die Jahre ein Repräsentant des Ostens gefehlt.

Auf dem Lied «Unser Land» schrieben Sie 2014 die Textzeile: «Schwarz, rot – stimulierend wie Knäckebrot». Freuen sie sich, dass die Ära Merkel zu Ende geht?
Nein, mit Sicherheit ist es nicht gut, dass die Regierung wackelt. In Deutschland gibt es aber auch die Tendenz, alles auf die Politik zu schieben. Eine Gesellschaft ist als Einheit auch für sich selbst verantwortlich. Jetzt sind wir gefordert, zu sagen: Wir wollen diesen Rechtsruck und dieses Gepöbel auf den Strassen nicht. Wir wollen, dass sich Menschen, die hier leben, sicher fühlen.

Was dachten Sie, als Sie die Bilder aus Chemnitz gesehen haben, wo Bürger mit Neo-Nazis mitgelaufen sind?
Das hat mich erschreckt. Aber es ist ein Ausdruck dieses «Es kümmert sich keiner um uns, und das zeigen wir hier.» Ich sehe diese Entwicklung nicht nur als Zeichen der Verfehlungen von Angela Merkel. Ich bin ja weiss Gott kein Merkel-Fan. Aber die Sozialdemokraten haben aufgehört, sich um die Sorgen der Menschen zu kümmern. Die sind zu etabliert, zu saturiert. Früher haben sie noch verstanden, wie es einem Arbeiter ging, der 1500 Mark pro Monat verdiente. Das ist heute vorbei. Die Sozialdemokratie hat an Leidenschaft und Präzision verloren.

Ist die SPD zu intellektuell geworden?
Richtig. Den heutigen Linksliberalen oder Sozialdemokraten sind die Sorgen der bodenständigen Menschen unangenehm, lästig. Sie haben sich eingeredet, sie würden sich um die Arbeiter kümmern. Aber das tun sie schon lange nicht mehr.

Um die Arbeiter kümmert sich jetzt die AfD.
Indem Sie Angst schürt. Grausam und übelst. Sie schürt Ängste mit ihrer Ausländerfeindlichkeit. Und dann denken die Leute, die Angst vor ihrer Zukunft haben: «Die verstehen unsere Ängste.» Das ist ein ganz billiges Idiotenprinzip. Die AfD versteht aber nicht, was die Menschen umtreibt. Sie versteht einzig, dass die Menschen Angst haben.

Und jetzt kommt der privilegierte Millionär Herbert Grönemeyer und sagt den kleinen Leuten, was sie denken sollen.
Diese Kritik mag teilweise berechtigt sein. Ich gehe nicht in die Fabrik und rackere mich da ab. Aber ich artikuliere, was viele Menschen im Alltag denken. Wir Künstler sind dafür da, zu trommeln. Auch der Umbruch in der DDR ist zum grössten Teil von Künstlern ausgegangen. Der Tischler arbeitet mit Holz, Künstler denken über die Stimmung in der Gesellschaft nach. Ich mache das nicht, damit die Leute nachher sagen: «Boah, ist der klug.» Nein, es ist meine Aufgabe.

Suchen Sie auch das Gespräch mit Politikern?
Nein, das halte ich für falsch. Politiker haben nur das Interesse, einen auszuhorchen und kampflos zu machen. Kultur hat die Aufgabe, ein Gegengewicht zu bilden, gefährlich zu bleiben. Sie ist nicht dafür da, sich auf die Schultern klopfen zu lassen und sich einen Orden abzuholen. Das ist auch ganz speziell die Aufgabe von Rockmusik: zu nerven, zu provozieren, Dinge zu überziehen.

Sie singen auf «Tumult» – natürlich – auch über die Liebe. Hat die Diskussion um #MeToo Ihre Art, Liebeslieder zu schreiben, verändert?
Es wäre jetzt übertrieben, zu sagen, die #MeToo»-Debatte wäre präsent gewesen bei der Platte. Aber bei gewissen Zeilen hatte ich sie im Hinterkopf. Es gibt auf dem Album die Zeile: «Ich mach dich mir zum Lebensstrahl.» Als ich den Text schrieb, habe ich mich gefragt: «Ich mach dich mir . . .»: Geht das noch, oder bin ich da schon übergriffig? Aber ich glaube, man muss aufpassen, dass man sich nicht in seiner verspielten Männlichkeit latent infrage stellt. Das ist ja auch Quatsch.

Sie haben ja schon 1984 in einem Ihrer grössten Hits, «Männer», die männlichen Defizite thematisiert. Der Text scheint aktueller denn je.
Diesen Songtext fand ich schon albern, als ich ihn geschrieben habe. Und heute spiele ich die Nummer nicht mehr besonders gern. Die Debatte, die jetzt angestossen wurde, begrüsse ich aber. Ich finde es richtig, dass Frauen anprangern, wenn Männer ihre Macht ausnützen.

Gibt es Songs, für die Sie sich schämen?
«Schämen» ist etwas hart. Aber ich habe Songs geschrieben, die einfach schwach sind.

Zum Beispiel?
«Ich geb nichts mehr» vom Album «Chaos». Oder «Freunde» vom Album «Luxus». Es gibt überall auf meinen Platten Songs, die ziemlich dünn sind. Ich setze mir bei jedem Album ein Zeitlimit. Ich sage mir: Bis dann kommt die Platte raus, und dann ist es fertig, aus. Da gibt es halt einen oder zwei Songs, die mir entgleiten.

Ist sexuelle Belästigung im Musikgeschäft ein Thema?
Ich habe das selber nie mitgekriegt. Die Musikindustrie ist aber eine klare Männerdomäne. Das Problem dürfte ähnlich stark ausgeprägt sein wie in der Filmindustrie, wo die Debatte ja ihren Anfang genommen hat.

Was löst das eigentlich bei Ihnen aus, wenn 30 000 Menschen bei Livekonzerten Ihre Refrains mitsingen?
Es tut mir schon sehr gut. Und ich bin immer wieder verblüfft. Es ist ja nicht so, dass ich vor einem Konzert oder einem neuen Album denke: «Klar finden die mich toll. Ich bin ja eh der Grösste.»

Haben Sie Selbstzweifel, bevor Sie ein neues Album veröffentlichen?
Bei der Musik nicht ganz so stark, weil ich einen Heidenspass am Komponieren habe. Das übertüncht die Selbstzweifel. Bei den Texten bin ich aber sehr unsicher. Ich frage mich da ständig: «Bringe ich das rüber, was ich will? Ist das rockig genug? Ist das jetzt oberlehrerhaft?» Ich bin da schon unsicher.

Die Selbstzweifel haben mit dem Alter nicht abgenommen?
Sie sind eher grösser geworden.

Sind Sie auch vor Konzerten unsicher?
Ich frage mich vor einer neuen Tournee schon: «Mögen die mich noch? Habe ich noch was zu erzählen? Bin ich noch dynamisch genug?» Und wenn einem die Begeisterung entgegenschlägt und die Menschen mitziehen, gibt mir das ein grosses Glücksgefühl. Weil es nicht selbstverständlich ist. Ich gehe vor den Konzerten gerne in die Hallen, in denen wir spielen, und wundere mich, dass die danach voll sind.

Das klingt jetzt fast zu bescheiden. Sie wirken auf der Bühne selbstbewusst.
Klar, auf der Bühne stelle ich das dar. Aber letztlich bin ich in meinem Selbstverständnis schon wackelig und auch nervös. Das kenne ich auch vom Theater. Auch die erfahrensten Schauspieler, die ich kenne, zweifeln dauernd an sich. Ich kämpfe in jedem Konzert um Zuneigung und freue mich, wenn ich sie bekomme.

Und wie gehts Ihnen nach dem Konzert?
Es ist ein Absacken. Bei den Konzerten kriege ich einen wahnsinnigen Adrenalinschub. Da bin ich auf einem anderen Euphorie-Level, das fühlt sich an wie auf Droge. Dann gehe ich zurück ins Hotel und frage mich: «Wo ist jetzt mein Applaus, wo ist mein Adrenalin?» Diese Leere nach den Konzerten handzuhaben, ist nicht einfach.

Was tun Sie also?

Nach einem Konzert kann ich unmöglich schlafen. Meistens sitze im Hotelzimmer und frage mich: «Und jetzt?» Ich versuche nach wie vor, rauszugehen. Aber das geschieht nicht mehr so oft wie früher. Da war ich jeden Morgen bis 6, 7 Uhr morgens in Discos und habe zu Technomusik getanzt. Reden musste ich zum Glück nicht, weil die Musik so laut war.

Stört es Sie, wenn Leute im Publikum ein Konzert mit dem Smartphone aufnehmen?
Die meisten machen ja zum Glück mit und haben Spass. Aber die, die das ganze Konzert auf dem Smartphone aufnehmen, irritieren. Das Smartphone zu zücken für ein paar Fotos, ist ja okay. Aber wenn man alles nur filmt oder einen Face­time-Anruf macht, damit der Freund, der nicht dabei ist, das sehen kann, stört das. Man ist da immer durch ein Gerät gefiltert. Und natürlich will ich die volle Aufmerksamkeit für mich (lacht).

Sie spielen im März im Zürcher Hallenstadion. Wann waren Sie das letzte Mal in der Schweiz?
Ich bin oft in der Schweiz. In Zürich habe ich viele langjährige Freunde. Ich hatte ja lange Zeit auch eine Beziehung mit einer Schweizerin. Ich mag die Schweizer, sie haben einen guten Humor.

Humor ist jetzt nicht das Erste, das man mit Schweizern verbindet.
Man kann mit den Schweizern unheimlich gut über sich selber blödeln. Ihr habt da eine fast schon britische Ruhe, die den Deutschen abgeht. Wir Deutschen haben schon auch Humor, aber Selbstironie wie die Schweizer haben wir nicht. Mir gefällt auch, dass Freundschaften mit Schweizern immer so liebevoll gleichmässig sind.

Was meinen Sie damit?
Ich war mal in Marokko und bin übers Atlasgebirge gefahren. Da fragte ich den Fahrer, ob er lieber Österreicher, Deutsche oder Schweizer chauffiert. Er sagte: die Schweizer. Das Charmante an den Schweizern sei, man würde sie treffen, hole sie ab, und am nächsten Tag seien die genauso wie am Tag vorher. Wenn er Deutsche fahre, seien die auch sehr nett, aber am nächsten Tag würde man wieder von vorne anfangen. Da ginge es wieder eine Stunde, bis man zurück auf eine freundschaftliche Ebene komme. Das ist auch meine Erfahrung mit den Schweizern: So, wie die am Abend vorher waren, so sind sie am nächsten Morgen auch wieder.

Bob Dylan ist 77 Jahre alt und spielt immer noch live. Könnten Sie sich das auch vorstellen?
Ja, klar. Bob Dylan sieht man jetzt die Freude nicht immer unbedingt an, wenn er auf der Bühne steht. Ich habe drei sehr unterschiedliche Konzerte von ihm gesehen. Natürlich überlege ich mir, wie ich auf der Bühne in Würde altern kann. Aber nur weil ich alt werde, heisst das nicht, dass ich nicht in der Lage bin, noch einen Abend zu bestreiten. Ich hoffe, dass ich mit 90 auch noch auf der Bühne stehe. Ob da noch einer kommt, weiss ich nicht.

* Dieser Artikel erschien am 11. November 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.11.2018, 14:39 Uhr

«Tumult», Grönemeyers 15. Album

Herbert Grönemeyer ist einer der populärsten zeitgenössischen Künstler Deutschlands. Bevor er 1984 mit dem Album «4630 Bochum» den Durchbruch schaffte, war er Schauspieler und spielte unter anderem im Film «Das Boot» mit. Sein Album «Mensch» (2002), auf dem er den Tod seiner Frau und seines Bruders verarbeitet, ist mit 3,7 Millionen verkauften Exemplaren das erfolgreichste Album der deutschen Rock-Geschichte. Vorgestern erschien «Tumult», Grönemeyers 15. Album. Der 62-Jährige wohnt in Berlin. Er wird am 17. März im Zürcher Hallenstadion auftreten.

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