«Die Bevölkerung lebt in furchtbarer Angst»

In Idlib zeichnet sich die letzte Schlacht in Syrien ab. Adrian Zimmermann vom IKRK befürchtet einen Giftgaseinsatz und kritisiert, dass Kriegsparteien humanitäre Hilfe instrumentalisieren.

Menschen in Idlib machen sich bereit für die Flucht. Foto: AFP

Menschen in Idlib machen sich bereit für die Flucht. Foto: AFP

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Seit Tagen greifen russische Kampfjets die nordsyrische Region Idlib an. Syrische Truppen haben das Gebiet umzingelt und können jederzeit eine verheerende Bodenoffensive starten. Die letzte grosse Schlacht im siebenjährigen Bürgerkrieg in Syrien zeichnet sich ab. Experten befürchten für die drei Millionen Menschen, die in der Region eingeschlossen sind, das Schlimmste. Adrian Zimmermann, stellvertretender Delegationsleiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Syrien, spricht über die schwierige Arbeit.

Die UNO warnt, in Idlib drohe eine der schlimmsten humanitären Katastrophen des 21. Jahrhunderts. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Es drohen tatsächlich gravierende humanitäre Konsequenzen. Möglich ist ein langer Krieg, der Hunderttausende in die Flucht zwingt.

Befürchten Sie, dass das syrische Regime Giftgas einsetzen wird?
Es gibt entsprechende Gerüchte, die uns grosse Sorge bereiten. Wir haben allen Kriegsparteien mitgeteilt, dass der Einsatz von chemischen Waffen illegal ist.

Wie geht es den Menschen vor Ort?
Die Bevölkerung lebt in furchtbarer Angst. Etwa die Hälfte der Menschen in der Grossregion ist aus anderen Städten in das vermeintlich sichere Idlib geflüchtet. Teilweise wurden sie schon mehrfach vertrieben. Nach sieben Jahren Konflikt in Syrien wissen leider sehr viele, was auf sie zukommen wird. Sie richten sich darauf ein, bald fliehen zu müssen.

Wohin können diese Leute überhaupt fliehen?
In die Berge, Richtung Türkei, oder in Gebiete der Grossregion Idlib, die nicht unmittelbar angegriffen werden. Es gibt aber keine offensichtlichen und sicheren Fluchtwege. Das bereitet uns grosse Sorgen.

Ist das IKRK aktuell in Idlib präsent?
Leider nicht. Wir bräuchten dafür das Einverständnis von allen Konfliktparteien: sowohl von der Assad-Regierung als auch von den diversen Rebellengruppen, die extrem zersplittert sind.


Bildstrecke: Rebellen bereiten sich auf Offensive vor


Ist es das Regime oder sind es die diversen Rebellengruppen, die Ihnen die Einreise verwehren?
Es gibt Widerstände von beiden Seiten. Die syrische Regierung will zum Teil nicht, dass wir vor Ort helfen. Und bei gewissen Rebellengruppen ist es schon schwierig, sie überhaupt zu kontaktieren.

Ist es aussergewöhnlich, dass das IKRK in dieser Form an seiner Arbeit gehindert wird?
Nein, das passiert bedauerlicherweise auch andernorts. Idlib ist ein aktuelles Beispiel dafür, wie Konfliktparteien die humanitäre Hilfe zu politisieren und instrumentalisieren versuchen.

Was meinen Sie damit?
Kriegsparteien machen angebliche Sicherheitsbedenken geltend, um dem IKRK den Zugang zu einem Gebiet zu verwehren. Sie sagen, an gewissen Orten gebe es ausschliesslich Terroristen, denen man nicht helfen dürfe. Natürlich leben in den entsprechenden Gebieten in Wahrheit auch Zivilisten, die auf unsere Unterstützung angewiesen wären.

Wie kann das IKRK denn überhaupt seiner Arbeit nachgehen?
Wir unterstützen Programme des Syrischen Roten Halbmondes, der in Idlib eine Zweigstelle hat. Unsere zentrale Aufgabe ist es aber, dafür zu sorgen, dass militärische Aktionen mit dem Kriegsvölkerrecht konform sind.

Was ist darunter zu verstehen?
Die Genfer Konventionen gehen nicht per se davon aus, dass Kriege schlecht sind. Die Idealvorstellung ist ein möglichst kurzer Krieg, in dem ausschliesslich Soldaten gegeneinander kämpfen und die Zivilbevölkerung verschont wird.

Und die Konfliktparteien nehmen das ernst?
In den persönlichen Gesprächen werden die Genfer Konventionen respektiert. Aber natürlich halten sich die Kriegsparteien in der Praxis nicht immer daran. In Syrien mussten wir oft beobachten, dass die Kriegsparteien Zivilisten und zivile Einrichtungen angegriffen haben, um den Gegner militärisch zu schädigen.

Sie waren früher auch schon im Irak oder im Südsudan stationiert. Wie ist die Arbeit in Syrien im Vergleich zu anderen Krisenregionen?
Die politische Lage ist kompliziert, was die Arbeit erschwert. Es gibt wahnsinnig viele Akteure, auch internationale, mit denen wir verhandeln müssen. Und die Situation in Syrien selber geht mir nahe.

Inwiefern?
Syrien wurde in einem unglaublichen Masse zerstört, vor allem an Orten wie Aleppo oder Homs. Es ist furchtbar. Das IKRK hat sein Hauptbüro in Damaskus. Dort scheint das Leben an der Oberfläche relativ normal zu sein. Aber wenn Sie ein paar Kilometer rausgehen, sehen Sie Quartiere, die völlig verwüstet sind. Ganze Strassenzüge, in denen kein Haus unbeschädigt ist. Es ist schwierig, diesen Gegensatz zu verstehen.

Wie gehen Sie damit um?
Für mich ist es wichtig, dass ich zwischen den Einsätzen, die in der Regel eineinhalb bis zwei Jahre dauern, längere Pausen machen kann. Ich kehre in die Schweiz zurück und geniesse die Normalität. Aber es gibt Dinge, die können Sie einfach nicht abschütteln.

Zum Beispiel?
Ich mag den 1. August nicht mehr. Der Knall der Feuerwerke erinnert mich an den Krieg. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.09.2018, 23:27 Uhr

Adrian Zimmermann

Stellvertretender Delegationsleiter des IKRK.

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