Die Digitalisierung schafft unter dem Strich mehr Jobs

Erstmals untersuchten Forscher, wie sich die digitale Revolution auf den Schweizer Arbeitsmarkt auswirkt. Allerdings profitieren vorwiegend Hochqualifizierte.

Arbeitnehmende sind gefordert: Sie müssen sich an neue Technologien wie 3-D-Druck anpassen. Foto: Getty Images

Arbeitnehmende sind gefordert: Sie müssen sich an neue Technologien wie 3-D-Druck anpassen. Foto: Getty Images

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Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Artikel in ein paar Jahrzehnten von einem Roboter geschrieben wird, beträgt 11 Prozent – damit kommen Journalisten, ­zumindest gemäss der Website «Will Robots Take My Job?», glimpflich davon. Anders als Taxifahrer: «Sie sind verdammt», lautet das Urteil. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann ein Roboter statt ein Mensch Fahrgäste durch die Gegend kutschiert, betrage mehr als 90 Prozent.

Auf der Website kann jeder seinen Beruf eingeben und schauen, wie gross die Konkurrenz durch Maschinen und digitale Technologien ist. Die Rechnung stützt sich auf die Ergebnisse einer breit ­zitierten Studie der Universität Oxford von 2013. Sie untersuchte, wie viele Jobs durch die zunehmende Digitalisierung und Automatisierung gefährdet werden. Rund die Hälfte aller Jobs in den USA werde vernichtet, lautete das Ergebnis. Dies bereitete Arbeitnehmern weltweit Sorgen – auch in der Schweiz.

1,6 neue Arbeitsplätze pro 100'000 investierte Franken

Doch wie eine neue Studie der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich und der Universität Luxemburg zeigt, ist es doch nicht ganz so schlimm. Im Gegenteil: Unter dem Strich kommen sogar neue Stellen hinzu.

Die Studie hat mit zwei Datensätzen gearbeitet, die aus Befragungen von Schweizer Unternehmen zu ihrer Innovationskraft und ihren Digitalisierungsfähigkeiten hervorgingen. Ziel war, zu untersuchen, ob und wie Investitionen in neue Technologien zu einer Zu- oder Abnahme der Arbeitsplätze in den untersuchten Unternehmen führten.

Klar ist: Die Beschäftigung wird durch die Digitalisierung beeinflusst. Doch, und das haben die Forscher erstmals für die Schweiz herausgefunden: Der Effekt kann sogar positiv sein. Die Zahl der Stellen steigt. In Zahlen ausgedrückt: Pro 100'000 in die Digitalisierung investierte Franken wurden 1,6 Jobs geschaffen.

Ungleichheit innerhalb der Bevölkerung könnte zunehmen

Die Schlussfolgerung der Autoren lautet: Die Digitalisierung ist eine Chance für die Schweizer Unternehmen. «Wir sehen, dass sie im Durchschnitt in den letzten Jahren Arbeitsplätze geschaffen hat», sagt Studienautor und ETH-Professor Martin Wörter. Allerdings profitieren nicht alle Arbeitnehmer gleichermassen. Denn im Durchschnitt entstanden in einer Firma bei der investierten Summe zwar mehr Stellen für hoch qualifizierte Angestellte, die Anzahl der Stellen für mittel bis gering qualifizierte Arbeitnehmer hingegen sank.

Die Autoren sehen darum eine Gefahr, dass die Ungleichheit innerhalb der Bevölkerung weiter zunehmen könnte. Unternehmen müssten gegensteuern, indem sie weniger qualifizierte Arbeitnehmer unterstützen, zum Beispiel durch Weiterbildungsangebote. «Es ist auch im Interesse des Unternehmens, die langjährigen Mitarbeiter weiterzubilden», sagt Wörter. Doch auch die Angestellten selbst müssten sich darum kümmern, nicht auf der Strecke zu bleiben. «Es bedarf Anstrengungen auf beiden Seiten.»

Bildungsangebot in der Schweiz besser als anderswo

Grundsätzlich sei die Schweiz aber gut aufgestellt, um von den neuen Gegebenheiten zu profitieren. «Das gute Ausbildungsniveau der Schweizer Bevölkerung und die hohe Qualität der Hochschulen und des Berufsbildungssystems sind gute Rahmenbedingungen.»

Dieses hohe Niveau werde von zwei Standbeinen getragen. Zum einen seien die Hochschulen in Forschung und Ausbildung gut, und sie versorgten die Unternehmen mit qualifizierten Fachkräften. Zum anderen sei die Berufsbildung dynamisch gestaltet. Lehrpläne liessen sich schneller an­passen als anderswo, und die Ausbildung berücksichtige neue Entwicklungen am Arbeitsmarkt.

Das erklärt auch, warum die Ergebnisse für ähnliche Unter­suchungen in den USA so anders ausfallen: Das Bildungssystem der Vereinigten Staaten ist mit dem der Schweiz nicht vergleichbar, auch der Zugang zu Bildung ist dort schlechter.

Beim Staatssekretariat für Wirtschaft ist man optimistisch, was das Thema Weiterbildung der weniger qualifizierten Arbeitskräfte angeht. «Als kleine, stark international vernetzte und technologisch hoch entwickelte Volkswirtschaft ist die Anpassung an neue Anforderungen eine Daueraufgabe», sagt Sprecher Fabian Maienfisch. Verschiedene Studien hätten gezeigt, dass die Schweiz über die vergangenen Jahre gut gewappnet gewesen sei, um strukturelle Veränderungen zu meistern. Ein grosser Teil der Arbeitnehmenden sei in der Lage, gut auf veränderte Qualifikationsanforderungen zu reagieren.



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Erstellt: 05.05.2019, 14:08 Uhr

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