Die Geheimnisse unseres Hinterns

Der Po-Doc Martin Wilhelmi hat ein Buch über eine Körperregion geschrieben, die vielen Menschen peinlich ist.

Fetischobjekt wie zu Aphrodites Zeiten: Der Hintern von Kim Kardashian. Foto: Getty Images

Fetischobjekt wie zu Aphrodites Zeiten: Der Hintern von Kim Kardashian. Foto: Getty Images

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«Sie sollten Ihren Po annehmen, lieben und pflegen. Er wird es Ihnen danken.» So lautet das Fazit eines neuen Buchs, das sich mit dem wohl schambehaftetsten menschlichen Körperteil befasst, unserem Hintern. Der in Zürich praktizierende Gastroenterologe Martin Wilhelmi hat das Buch verfasst. Sein Ziel ist es, Po, Anus, Darm sowie zahlreiche Phäno­mene, Krankheiten und Sexualpraktiken darum herum zu ent­tabuisieren. Entstanden ist ein kurzweiliges und lehrreiches Werk, das tatsächlich kein Tabu auslässt – und dem Leser manchmal die Schamröte ins Gesicht treibt. «Das Buch ist nicht ganz jugendfrei», bestätigt der Arzt.

Doch zunächst stellt sich ein grundsätzliches Problem: Wo liest man dieses Buch? Beim Frühstück eher nicht. Die Einsicht in Analfalten oder Wurmerkrankungen verträgt sich nicht wirklich mit dem Nutellabrötchen. Angebracht wäre, darin auf dem Klo zu schmökern. Aber genau das wird nicht empfohlen, denn dort sollte man nicht viel Zeit verbringen, lernt der Leser. Wenige Minuten sollten für die Darmentleerung reichen, ständiges Drücken ist nicht ratsam. Von Feuchttüchern hält der Magen-Darm-Arzt übrigens gar nichts, zu viele Hautreizungen hat er schon gesehen: «Wasser und weiches Toi­lettenpapier reichen.» Auch Stringtangas stossen aus medizinischer Sicht auf Unverständnis: Sie seien «wie Zahnseide» in der Po-Ritze, formuliert es Wilhelmi. Seine Empfehlung ist die gute alte Baumwollunterhose. Ja, es gibt auch viele praktische Tipps.

Dunkle Zellen am «Eingang in die Unterwelt»

Geeignet wäre dieses sehr spezielle Sachbuch vielleicht als Strandlektüre. Da kann man auch gleich Ausschau halten, ob in den letzten Jahren die Fokussierung auf die «erotische Funktion des Pos» wieder zugenommen hat. Nachdem die alten Griechen bereits Aphrodite den Beinamen «die mit dem schönen Hintern» verpassten, sei derzeit ein Boom zu beobachten, das weibliche Gesäss wieder vermehrt als «Fetischobjekt» zu betrachten, schreibt Wilhelmi. Jennifer Lopez und Kim Kardashian lassen grüssen.

Eine verblüffende Erklärung, warum der Frauenhintern in der Regel ausladender ist – oder einladender, je nach Betrachtungs­weise –, sei der erhöhte Fettanteil im Vergleich zum Pendant des Mannes. Bei der Frau könnten die üppigen Pobacken als «Energie­depot» dienen – und damit die ­gleiche Funktion haben, wie die Höcker eines Kamels, mutmassen Forscher.

Die äussere Betrachtung des Hinterns ist das eine, der Po-Doc richtet den Blick aber auch ungehemmt auf Regionen, «wo die Sonne niemals hinscheint»: den Anus, das Loch in der Füdlispalte, den «Eingang in die Unterwelt». Überraschenderweise haben Erwachsene – trotz anhaltender Dunkelheit – um den Anus herum dunkel gefärbte, hormonsensible Pigmentzellen. Die Färbung tritt mit der Pubertät ein.

Fragwürdiges Pornoschönheitsideal

Darum horchte der Arzt auf, als eine junge Patientin wünschte, sich die Anusregion zu bleichen, weil der Freund ihre «zu dunkel» fand. Sie solle ihren Partner zu seinem Pornokonsum befragen, riet Wilhelmi. Von dort kommt der Trend, den Anus hell wie bei Kindern zu färben. Vom fragwürdigen Pornoschönheitsideal einmal abgesehen, können Bleichmittel generell zu Schmerzen, Brennen und Rötungen führen, warnt der Arzt.

Gefährlicher ist, dass die Pigmentzellen, die Melanozyten, auch am Anus zu schwarzem Hautkrebs entarten können. Die meisten Flecken am Anus seien aber harmlos, beruhigt Wilhelmi. Auch bei anderen Krebsarten wie dem Gebärmutterhalskrebs sollten Gynäkologen den Darmausgang berücksichtigen, betont der Magen-Darm-Spezialist. Die verantwortlichen Humanen Papillomaviren (HPV) können sich nämlich auch in der Schleimhaut im Enddarm ansiedeln.

Der Mediziner rät generell zu einer gewissen Neugierde am eigenen Hinterteil – nicht nur aus medizinischen Gründen. Wilhelmi empfiehlt, mit dem Finger den Anus zu erforschen und so beispielsweise die beiden Schliessmuskeln zu ertasten. Auch eine Anusmassage wie sie etwa in der Lehre des indischen Tantra beschrieben ist, sei eine Option und helfe vielleicht auch, neue ero­gene Zonen zu entdecken. Während der äussere und der innere Schliessmuskel den Darmausgang jeweils wie eine Tür absperren, sind es die Hämorrhoiden, welche die Feindichtung übernehmen. Das Geflecht aus blutgefüllten Venen und Bindegewebe verhindert, dass etwa beim Schwimmen Wasser in den After dringt – oder bei einem Festbankett ein ungewollter Furz nach aussen gelangt.

Bei Patienten, die wegen Problemen mit Hämorrhoiden den Arzt aufsuchen, sind wie bei Krampfadern die Gewebestrukturen der Feindichtung erschlafft. Die Hämorrhoiden können aus dem Enddarm herausschauen. Schätzungsweise leidet jeder Mensch einmal in seinem Leben an diesen «Knoten im Anusbereich», schreibt Wilhelmi. Gefährlich sind sie nicht. Risikofaktoren sind Übergewicht, Schwangerschaft oder zu vieles Sitzen. Zur Vorbeugung empfiehlt der Magen-Darm-Experte Bewegung, eine ballaststoffreiche Ernährung und viel trinken, damit es nicht zu Verstopfungen und damit zu heftigem Stuhlpressen kommt. Quasi als «Wundermittel» preist Wilhelmi Flohsamenschalen gegen Verstopfungen an.

Beckenbodentraining für besseren Sex

Neben den äusseren Gesässmuskeln sollten auch die Beckenboden­muskeln trainiert werden, rät der Arzt. Sie liegen wie eine Acht um die Geschlechtsorgane und um den Schliessmuskel des Anus. Der Beckenboden hält wie eine Hängematte die Organe. Bei Übergewichtigen oder Frauen nach mehreren Geburten ist er oft ausgeleiert. Durch das Trainieren dieser Muskeln lasse sich einer Inkontinenz vorbeugen. Zudem helfe ein straffer Beckenboden, den Orgasmus beim Sex besser zu spüren, betont Wilhelmi, weshalb er diese Muskeln «Super Acht» nennt. Generell gibt der Mediziner einige Anregungen, wie auch der Anus beim Sex berücksichtigt werden kann. Schliesslich bildet die Region von den Geschlechtsorganen über den Damm bis zum After eine grosse erogene Zone.

Über manch ein Thema möchte man als Leser allerdings nicht so genau Bescheid wissen, und obwohl flott und witzig geschrieben, gibt es den einen oder anderen Kalauer. Dennoch ist das Sachbuch eine lesenswerte Fundgrube – etwa für jene, die Scham empfinden, nach speziellen Sexualpraktiken zu fragen, oder die sich bei Krankheiten rund um das Loch in der Po-Ritze nicht trauen, einen Arzt aufzusuchen. Sie sollten einfach mal reinschauen – also in das Buch.

Martin Wilhelmi: Der Po-Doc, Trias-Verlag, 336 S., ca.27 Fr.


Bildstrecke: Pokultur



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Erstellt: 21.07.2019, 09:23 Uhr

Gasförmige Grüsse vom Darm

Natürlich darf im Buch vom Po-Doc Martin Wilhelmi ein Kapitel über Fürze nicht fehlen. Die Gase, die wir in Gesellschaft höflich unterdrücken, sind ganz natürlich. Irgendwo muss die Luft ja hin, die wir beim Sprechen und Essen schlucken und die unsere Darmbakterien fleissig freisetzen. Einige Gase gelangen durch Aufstossen wieder nach oben, andere dringen durch die Darmwand ins Blut - und der Rest kommt unten raus.

In der Regel stinkt das Luftablassen über den Hintern nicht, da es sich in der Regel um geruchlose Gase handelt: Stickstoff, Kohlendioxid und in geringeren Mengen auch Sauerstoff, Wasserstoff und Methan. Fies sind hingegen die von den Darmmikroben freigesetzten Verbindungen. Vor allem, wenn sie Proteine abbauen, können stinkende Schwefelwasserstoffe entstehen und die müffeln bestialisch - selbst in kleinen Mengen.

Darüber, wie viel und wie oft Menschen furzen, variieren die Zahlen zwischen 700 Millilitern bis zu zwei Litern - pro Tag, verteilt auf 10 bis 20 Darmwinde. Wer genauer wissen will, was bei einmal Drücken rauskommt: Das Gas-Volumen eines Furzes entspricht in etwa dem Inhalt eines Eierbechers, schreibt Wilhelmi. Der Gastroenterologe hat auch schon Patienten weiter helfen müssen, denen die eigenen Furz-Gerüche so unangenehm waren, dass sie ärztlichen Rat suchten.

Wenn es sich nicht um eine krankhafte Verdauungsstörung handelt, die eine Nahrungsumstellung erfordert, empfiehlt Wilhelmi auch mal unkonventionelle Hilfe: “Anti-Stink-Unterwäsche”, die es tatsächlich gibt. Dabei ist ein Aktivkohlefilter an den verdächtigen Stellen in die Unterhosen eingenäht. In dem Filter sollen die Stinkesubstanzen hängen bleiben.

Wohl nicht ganz ernst gemeint ist ein aussergewöhnliches Präparat zum Einnehmen: Pillen, die angeblich dafür sorgen, dass statt des typischen Furz-Buketts aus dem Po Rosen- oder Lilienduft strömt. Das klingt nach einer Marktlücke. Die Weihnachtsedition der Pillen versprach übrigens Schoggiduft.

Generell treiben die bunten Geschichten rund um die Darmwinde oft merkwürdige Blüten. Dass die Lautstärke eines Furzes mit dem Druck zusammenhängt, mit dem er herausgepresst wird, ist klar. Ob es aber tatsächlich Menschen gibt, die nachts wegen ihrer lauten Darmwinde erwachen, weniger.

Offenbar bieten Pupse sogar berufliche Betätigungsfelder an. Unklar ist jedoch, was von der chinesischen Profession des “Furzriechers” zu halten ist. Menschen mit diesem Beruf versuchen, anhand von Geruch und Volumen von Fürzen Krankheiten zu diagnostizieren. Wissenschaftliche Literatur gebe es aber nicht zu dem Thema, betont der Po-Doc.

Sogar im Kulturbereich sind einschlägige Experten einsatzbereit, zum Beispiel als “Kunstfurzer”. Legendär war der Franzose Joseph Pujols, der etwa dank einer Intonation der Marseillaise sein Publikum im Moulin Rouge Ende des 19. Jahrhundert zum Toben brachte. (afo)

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