Die Migros kann eben doch kaputtgehen

Ein Machtkampf erschüttert die Migros. Ernsthafte Reformen sind dringend nötig.

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Vorweg ein Geständnis. «Der berühmte Dutti-Geist hat aus der Migros ein Unternehmen gemacht, das durch Managementfehler kaum kaputtzumachen ist», habe ich vor 20 Jahren geschrieben. Ich war reichlich naiv.

Als im letzten Jahr Medien über Abbau- und Sparpläne berichteten, welche die Migros lieber geheim gehalten hätte, setzte der Migros-Genossenschafts-Bund (MGB) unverzüglich alle Hebel in Bewegung, um das Leck ausfindig zu machen. Langjährige Mitarbeiter wurden verdächtigt und mussten ihr Handy untersuchen lassen.

Seit November 2017 weiss der MGB vom Verdacht auf ungetreue Geschäftsbesorgung durch den Präsidenten der Genossenschaft Migros Neuenburg-Freiburg. Sie brauchte ein Jahr bis zur ersten Befragung des Verdächtigten, sie konnte in Neuenburg keine Daten, Computer oder E-Mails sichern.

Die Anekdote illustriert nicht nur eine seltsame Prioritätensetzung, sondern auch die sonderbare Organisationsform der Migros. Der MGB legt die Strategie fest und erbringt zentrale Dienstleistungen für die Regionalgenossenschaften. Aber diese sind gleichzeitig Besitzer des MGB. Ihre Chefs sitzen im Verwaltungsrat und kontrollieren sich indirekt selbst. Nur acht von 22 Mitgliedern sind unabhängig von der Migros.

Die Migros gehört den Leuten!

Die Führungsstrukturen des grössten privaten Arbeitgebers entsprechen nicht den modernen Grundsätzen der Unternehmensführung. Die Regionen lassen sich von der Zentrale nicht wirklich kontrollieren.

In der Migros haben Interessenkonflikte System. Ein Präsident einer Genossenschaft kann Jahrzehnte schalten und walten. Wenn er keine Amtszeitbeschränkung will, gibts auch keine. Die Regionalfürsten setzen ihre Leute an die wichtigen Posten im Konzern: In die Geschäftsleitung des MGB oder in die Gottlieb-und-Adele-Duttweiler-Stiftung.

Von all den Personen, die in die jüngste Affäre um möglicherweise unberechtigte Zahlungen an einen Genossenschaftspräsidenten in Neuenburg involviert sind, lässt niemand sein Mandat bis zum Abschluss der Untersuchungen ruhen, damit alle Zweifel ausgeräumt werden können. Stattdessen bleiben sie im Amt und behalten die Fäden in der Hand. Sie treten bei den sie selber betreffenden Traktanden in den Ausstand, das ist alles. Das gibts nur in der Migros.

Der Gründer Gottlieb Duttweiler hat die Migros nach dem Vorbild der Eidgenossenschaft aufgebaut, mit ähnlichen demokratischen Regeln und Gremien. Aber die Migros-Demokratie lebt nur in den Hochglanzbroschüren. In Grossgenossenschaften wie Migros, Coop oder Raiffeisen fehlt der Souverän, das Volk. Es gibt keine echten Wahlen für die regionalen Genossenschaftsräte und die Delegiertenversammlung des MGB. Die Delegierten haben praktisch keinen Einfluss auf die Geschäftstätigkeit. Je grösser die Genossenschaften, desto schwächer die Kontrolle.

«Die Migros gehört den Leuten» heisst die neue Werbekampagne. Angesichts der aktuellen Ereignisse kommt «Die Migros gehört den Chefs» der Sache näher.



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Erstellt: 14.07.2019, 08:36 Uhr

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