Die Migros-Familie ist heillos zerstritten

Ein interner Bericht erhebt schwere Vorwürfe gegen einen Regionalfürsten – der Streit deckt Interessenkonflikte auf.

Soll der Genossenschaft Neuenburg-Freiburg angeblich einen Schaden in der Höhe  von 1,6 Millionen Franken ­zugefügt  haben: Damien Piller Foto: Béatrice Devènes/Lunax

Soll der Genossenschaft Neuenburg-Freiburg angeblich einen Schaden in der Höhe von 1,6 Millionen Franken ­zugefügt haben: Damien Piller Foto: Béatrice Devènes/Lunax

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Beim grössten privaten Arbeitgeber der Schweiz tobt ein Machtkampf, wie ihn das Land noch nicht gesehen hat. Der Migros-Genossenschafts-Bund (MGB), Zentrale und Dienstleister für die zehn regionalen Genossenschaften, und die Verwaltung der Genossenschaft Neuenburg-Freiburg (GMNF) decken sich gegenseitig mit juristischen Klagen ein. Alle Schlichtungsversuche sind gescheitert. Jetzt sind die Gerichte am Zug.

Der MGB verdächtigt den Präsidenten der GMNF, Damien Piller, einer vorsätzlichen Schädigung der Genossenschaft in Höhe von 1,6 Millionen Franken im Zusammenhang mit zwei Ausbauprojekten für neue Migros-Läden in den freiburgischen Gemeinden Belfaux und La Roche. Es gebe keine Gegenleistung für die Zahlungen an zwei Piller gehörende oder ihm nahestehende Unternehmen. Der MGB hat letzte Woche Strafanzeige eingereicht.

Piller, einflussreicher Unternehmer und Immobilienentwickler in Freiburg, weist sämtliche Vorwürfe zurück. Die Mitglieder der Verwaltung – so heisst der Verwaltungsrat in der Migros – stehen hinter ihm, darunter der Vize Philippe Menoud, Verwaltungsrat und Direktor der Revisionsfirma Fiduconsult, und Elena Wildi-Ballabio, die Direktionssekretärin von Aussenminister Ignazio Cassis.

Widerspruch gegen Vorgesetzte «heikel»

Dagegen hat sich aber die Direktion der Regionalgenossenschaft auf die Seite des MGB gestellt. Sie hat die Forderungen der Regionalgenossenschaft als mutmasslich Geschädigte an den MGB abgetreten. Damit stehen sich auch die Führungsorgane innerhalb der GMNF feindlich gegenüber.

Einen Streit vergleichbaren Ausmasses gab es noch nie in der 94-jährigen Geschichte der Migros. Wie zerrüttet das Verhältnis ist, zeigen das Gespräch mit dem Vertreter der Verwaltung der GMNF, dem Freiburger Rechtsanwalt André Clerc, und der Untersuchungsbericht des Strafrechtlers und Korruptionsexperten Mark Livschitz, den dieser im Auftrag des MGB erstellt hat und der der SonntagsZeitung vorliegt.

Der Bericht kritisiert personelle Verflechtungen, fehlende formale Entscheidungsprozesse und falsche Anreize. «Ganz offensichtlich scheinen in der GMNF gewisse Nachrückungs-Mechanismen regelmässig zu spielen.» Es herrsche ein «Drehtürprinzip», und Widerspruch gegenüber Vorgesetzten sei offenbar «heikel». Es scheine in der GMNF an einer gesunden «Speak-up»-Kultur zu fehlen.

Auch die Gottlieb und Adele Duttweiler-Stiftung intervenierte

Den Stein ins Rollen gebracht hatte denn auch erst das Schreiben eines Whistleblowers vom 6. November 2017 an Andrea Broggini, den damaligen Präsidenten der MGB-Verwaltung. Darin äusserte der Tippgeber den Verdacht auf ungerechtfertigte Zahlungen zugunsten von Damien Piller. Das löste eine Untersuchung durch die Rechts- und Comp­liance-Abteilung des MGB aus. Die ­Migros-Revisionsgesellschaft Mitreva untersuchte Zahlungen und Buchungen, der Tippgeber wurde interviewt. Am 12. Dezember wurde erstmals Damien Piller zu den Vorgängen befragt.

Wie ernst die Lage eingeschätzt wurde, zeigen die Optionen, die der Bericht auflistet. Er empfiehlt zwar, «prioritär eine konsensuale Auseinandersetzung zu versuchen». Aber: «Untätig bleiben ist angesichts des reputationsschädigenden Potenzials des Vorfalls keine empfehlenswerte Option.» Sollte Piller nicht innert nützlicher Frist einlenken, sei gar zu erwägen, die GMNF-Verwaltung «durch Aussetzung zentraler Dienstleistungen zum Einlenken zu bewegen». Die Verweigerung von Logistik- oder Einkaufsleistungen bis hin zur Kündigung der Lizenz für die Marke Migros sind als allerletzte Massnahmen in den Verträgen vorgesehen.

Ex-MGB-Präsident Broggini versuchte in den letzten Monaten persönlich, eine Einigung zu erzielen, und reiste mehrfach in die Romandie – ohne Erfolg. Damien Piller bestreitet die Kompetenz des MGB, überhaupt eine solche Untersuchung durchführen zu dürfen. Diese sei zudem fehlerhaft gewesen, er habe keine Akteneinsicht erhalten, die Auditregeln seien verletzt worden.

Strafanzeige gegen Piller ist eingereicht

Die Gottlieb und Adele Duttweiler-Stiftung schlug eine zweite Untersuchung vor. «Laut Stiftungsreglement sind wir verpflichtet, zu vermitteln, wenn regionale Genossenschaften mit dem Mutterhaus im Konflikt sind. Wir haben deshalb im Juni einen Schlichtungsversuch gemacht, leider erfolglos», sagt Peter Birrer, Präsident der Stiftung. Der Vorschlag liege auf Eis.

Pikant: Im Stiftungsrat sitzt Marcelle Junod, frühere Chefin der GMNF und unter Piller Verwaltungsmitglied. Sie war direkt involviert in die fraglichen Zahlungen. Laut Peter Birrer trat sie beim Thema GMNF in den Ausstand.

Der MGB akzeptierte den Vorschlag der Stiftung nicht. Im April reichte er Zivilklage ein und forderte die 1,6 Millionen zurück. Piller ging in die Gegenoffensive und reichte im Juni Strafanzeige wegen Ehrverletzung ein. Zudem liess er dem MGB mit einer superprovisorischen Verfügung verbieten, zum Fall Auskunft zu geben.

An der zweitägigen Verwaltungssitzung vom 27. und 28. Juni beschloss die MGB-Verwaltung, Strafanzeige gegen Piller wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung einzureichen. Es war die letzte Sitzung unter Broggini. Piller hatte sich stark für dessen Nachfolgerin, Ursula Nold, und gegen die offizielle Kandidatin der MGB-Verwaltung eingesetzt. Auch der aktuelle Chef der MGB-Direktion, Fabrice Zumbrunnen, gilt als Ziehsohn Pillers.

Resultate werden bis Ende August erwartet

Am 2. Juli brachte die Pendlerzeitung «20 Minutes», die wie die SonntagsZeitung von der Tamedia AG herausgegeben wird, den Fall an die Öffentlichkeit. Das Verhältnis zwischen den regionalen Genossenschaften und der Zentrale ist kompliziert. Die Genossenschaften sind Eigentümer des MGB und gemäss ihren Statuten autonom. Rechte und Pflichten sind in Verträgen zwischen dem MGB und den Genossenschaften von 1984 festgehalten und offensichtlich nicht mehr zeitgemäss.

Seit über 20 Jahren scheiterten alle Anläufe, die Führungsstrukturen modernen Grundsätzen der Unternehmensführung anzupassen. Nach wie vor sitzen die Chefs der Regionalgenossenschaften in der MGB-Verwaltung und kontrollieren sich indirekt selbst. Nur 8 von 22 Mitgliedern sind von der Migros unabhängige Personen.

Für Andrea Broggini war die Verbesserung der Corporate Governance ein Hauptanliegen. Durchgebracht hat er lediglich eine Amtszeitbeschränkung auf 16 Jahre für den Präsidenten und die externen Verwaltungsmitglieder. Mittlerweile haben die Genossenschaften die Amtszeitbeschränkung eingeführt oder deren Einführung geplant – alle bis auf die GMNF. Das erstaunt nicht: Damien Piller, seit 23 Jahren Präsident, müsste sonst abtreten.

Er hat nun mit der Verwaltung der GMNF ein eigenes Audit gestartet. «Die Verwaltung der GMNF hat vier unabhängige Personen mit einer Untersuchung der Vorgänge beauftragt, zwei Wirtschaftsanwälte und zwei Buchprüfer. Bis Ende August soll das Resultat vorliegen», sagt André Clerc.



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Erstellt: 14.07.2019, 09:40 Uhr

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