Die Rabattschlacht im Internet hat gerade erst begonnen

Das Aus von Siroop zeigt: Der Kampf wird nicht mehr im Laden, sondern in Onlineshops geführt.

Hurra, ein Schnäppchen: Onlineshopper sind besonders preisbewusst, der Dauerausverkauf hat sich ins Internet verlagertFoto: Getty Images

Hurra, ein Schnäppchen: Onlineshopper sind besonders preisbewusst, der Dauerausverkauf hat sich ins Internet verlagertFoto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es entbehrt nicht einer ­gewissen Ironie: Ausgerechnet in der Woche, in der Coop das Ende seines Online-Marktplatzes Siroop bekannt gab, vermeldete Erzfeind Digitec Galaxus einen Durchbruch. Die Migros-Tochter reisst die Shoppingbarrieren zum Ausland ein. Dank eines Logistikzentrums im süddeutschen Weil am Rhein und entsprechender Software können die Galaxus-Kunden Waren künftig problemlos und ohne nachträgliche Gebühren im EU-Raum kaufen – so wie sie das von Zalando gewohnt sind.

Damit öffnet Galaxus das Tor für ausländische Händler auf seiner Plattform. Und man rüstet sich für den kompletten Markteintritt von US-Konkurrent Amazon. Im Online-Duell von Migros und Coop heisst es: eins zu null für den orangen Riesen.

Bei Siroop leckt man sich nun die Wunden. Der Finanzchef hat das Unternehmen bereits verlassen, wie Coop bestätigt. Ein weiterer Exodus im Management ist wahrscheinlich, jetzt, da der Betrieb Ende Jahr eingestellt wird. Das Scheitern des Projekts überrascht Branchenkenner nicht, höchstens das frühe Aus. Bei Siroop habe vieles nicht gestimmt, heisst es. Der späte Zeitpunkt der Lancierung, das Marketing, der Name.

«Digitec Galaxus machte uns stets einen dynamischeren Eindruck, die Präsentation der Ware ist deutlich besser», sagt ein Siroop-Händler. Seine Firma hatte den Ausstieg bei Siroop intern bereits beschlossen. Die Marke ist offenbar auch bei den Konsumenten durchgefallen. Die Werbespots mit Menschen, die mit klebriger Flüssigkeit übergossen wurden, generierten nicht genügend Verkehr auf dem Portal.

Im Modebereich sieht es weiterhin düster aus

Noch etwas anderes wurde Siroop zum Verhängnis: der Preiskampf, der zurzeit im Netz tobt. Längst sind nicht mehr die Sale-Plakate in den Läden das Problem, sondern der Dauerausverkauf, der online stattfindet. Vor allem im Modebereich herrscht gnadenloser Verdrängungswettbewerb.

Soeben hat das Marktforschungsinstitut GFK Switzerland die Zahlen fürs erste Quartal publiziert: Während der gesamte Detailhandel um 1,6 Prozent zulegte, sieht es im Modebereich weiterhin düster aus. Das Umsatzminus wird nicht separat ausgewiesen, dürfte aber nach Schätzung von Marktkennern bei rund 10 Prozent liegen. Kein Wunder, locken die Anbieter mit Megarabatten.

«Vor allem die reinen Versandhäuser müssen in der jetzigen angespannten Situation im Modemarkt mit Aktionen auf sich aufmerksam machen», sagt Thomas Hochreutener, Chef Handel bei GFK Switzerland. Tatsächlich gewähren etwa La Redoute oder Heine immer wieder Rabatte von bis zu 40 Prozent im Netz und bombardieren die Kundschaft mit News­lettern. La Redoute warb im April mit einem Outlet – ein weiteres Schnäppchenparadies für Surfer. Aber auch grosse stationäre Händler wie H & M oder Vögele Shoes nutzen den Onlinekanal für aggressive Preistaucher: «Jetzt zugreifen, nur noch 6 Stunden» – mit Deadlines wird Druck auf die Kunden gemacht.

Viele Kleine führen zu ­Sortimentsüberschneidungen

«Es gibt vermehrt Aktionen im Onlinehandel», bestätigt Patrick Kessler, Präsident des Schweizerischen Versandhändlerverbands. Der gesamte Schweizer Onlinemarkt ist letztes Jahr um 800 Millionen auf 8,6 Milliarden Franken gewachsen. Doch die Umsätze fliessen vor allem zu den Grossen wie Zalando oder Amazon, die in der Schweiz zusammen schon rund 1,1 Milliarden Franken umsetzen. «Wir sind in einer Konsolidierungsphase», sagt Kessler. Bei 10'000 bis 15'000 Onlineshops in der Schweiz habe es zu viele Sortimentsüberschneidungen.

Auch Globus-Chef Thomas Herbert prophezeit eine Konzentration infolge eines Überangebots. «Vor vier, fünf Jahren hat jeder gemeint, er müsse auch einen eigenen Onlineshop anbieten. Doch das rechnet sich für kleine Anbieter nicht. Das ganze Handling und die Logistik sind teuer.»

Wenn sich künftig auch Amazon dank der Zusammenarbeit mit der Post so richtig ausbreitet in der Schweiz, dürfte mancher kleinere Player die Segel streichen und die Kooperation mit grossen Plattformen wie Galaxus, Ricardo (die wie Tagesanzeiger.ch/Newsnet zu Tamedia gehört) oder eben Amazon suchen.

Die Rabatte aber werden auch nach einer Bereinigung nicht verschwinden. Onlineshopper sind generell preisaffiner. «Entweder punktet man im Netz mit der Sortimentsbreite oder mit dem Preis», sagt Steve Schennach, Marketingchef der Dosenbach-Ochsner-Gruppe. Mit einem «Sunday Deal» etwa heizt der grösste Schuhhändler der Schweiz jeweils gezielt den Sonntagsverkauf an – mit Erfolg.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.05.2018, 12:03 Uhr

Artikel zum Thema

Der ­Schnäppchen-Terror im Internet ist kontraproduktiv

Kommentar Durch die immer aggressiveren Aktionen der Onlineshops entsteht bei den Konsumenten eine neue Art von Stress. Mehr...

Coop stellt Internet-Warenhaus Siroop ein

Der Detailhändler will künftig auf das etablierte Online-Format Microspot setzen. Von der Schliessung von Siroop sind 180 Mitarbeiter betroffen. Mehr...

Der geplatzte Traum einer Schweizer Amazon-Alternative

Swisscom hat ihre Beteiligung an Coops Onlineshop Siroop verkauft. Recherchen zeigen: Siroop hat die vereinbarten Zwischenziele nicht erreicht. Mehr...

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...