Die Regenwald-Feuer bedrohen uns alle

Die Brände im grössten tropischen Waldgebiet der Erde haben verheerende Folgen für das weltweite Klima.

Mehr als nur eine lokale Katastrophe: Die Flächenbrände wurden von Menschen gelegt. Foto: laif

Mehr als nur eine lokale Katastrophe: Die Flächenbrände wurden von Menschen gelegt. Foto: laif

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In Brasilien brennt der Regenwald. Das ist für die Jahreszeit nicht aussergewöhnlich, weil gerade Trockenzeit herrscht. Doch die diesjährigen Feuer sind keine natürlich entstandenen Brände da und dort, sondern grösstenteils von Menschen gelegte Flächenbrände. Die Rodungen haben in Brasilien dieses Jahr im Vergleich zu 2018 um 85 Prozent zugenommen, rund 75'000 aktive Feuer verzeichnete das Institute for Space Research am Freitag. Das hat diese Woche zu einem weltweiten Aufschrei geführt, zuerst auf Social Media, dann auch in den klassischen Medien und in der Weltpolitik.

Der Amazonas spielt für das Weltklima eine sehr wichtige Rolle. Deshalb sind die grossflächigen Waldbrände, die zurzeit wüten, nicht nur lokal eine Katastrophe. Sie könnten weltweit dramatische Auswirkungen auf das Klima haben und die globale Erwärmung massiv beschleunigen. Der im Norden Südamerikas gelegene, knapp sechs Millionen Quadratkilometer umfassende Amazonas-Regenwald ist das grösste zusammenhängende tropische Waldgebiet der Erde, und er arbeitet als eine Art Kühlungssystem für den Planeten. Das hat verschiedene Gründe:

Der dichte Regenwald ist ein riesiger Kohlenstoffspeicher. «Im Amazonas-Regenwald sind rund zehn Prozent des Kohlenstoffvorrats aller Ökosysteme der Welt gespeichert», sagt Andreas Fischlin, Vizepräsident der Arbeitsgruppe II im Weltklimarat IPCC und emeritierter Professor für Systemökologie an der ETH Zürich.

Schrumpft der Wald, kann er weniger Kohlenstoff binden

Wenn Bäume wachsen, binden sie CO2 aus der Atmosphäre. Man schätzt, dass der Amazonas-Regenwald pro Jahr rund 400 Millionen Tonnen Kohlenstoff aufnimmt und so die Treibhausgase reduziert. Das geschieht durch Fotosynthese. Die Blätter holen Kohlendioxid aus der Luft und wandeln es mit Wasser in organische Verbindungen um. Diese werden dann – zumindest zum Teil – im Holz gespeichert. Grundsätzlich betreiben alle Pflanzen Fotosynthese, den Löwenanteil davon verrichten jedoch Bäume.

Der Regenwald am Amazonas ist für diesen Prozess nicht nur wegen seiner Grösse so wichtig, sondern auch, weil er noch über grosse Strecken ein undurchdringlicher Urwald ist. «Je dichter und wilder ein Wald ist, umso grössere Mengen Kohlenstoffdioxid kann er speichern», sagt Daniella Maria Schweizer, Forscherin am Institut für Ökosystemmanagement der ETH Zürich. Vor allem im Wachstum ziehen die Bäume besonders viel Kohlenstoff aus der Atmosphäre. Brennt nun aber der Wald, wird alles CO2, das die Bäume während des Wachsens gespeichert haben, in die Atmosphäre freigesetzt. Je nach Grösse kann ein einzelner Baum mehrere Tonnen Kohlenstoff enthalten. Gleichzeitig kann ein schrumpfender Wald immer weniger Kohlenstoff aus der Atmosphäre holen. Das läuft allen momentanen Anstrengungen, das CO2 wegen der Klimaerwärmung möglichst zu reduzieren, entgegen.

Die Bäume speichern nicht nur Kohlendioxid, sie geben ausserdem lebenswichtigen Sauerstoff ab. Rund 20 Prozent unseres Sauerstoffs produziert der Tropenwald am Amazonas. Auch hier gilt: Je weniger Waldfläche, desto kleiner ist die Menge des produzierten Sauerstoffs. Die Trockenheit, ausgelöst durch die Erderwärmung, verschlimmert das Ganze. «Waldbrände haben in den letzten Jahren wegen des Klimawandels global zugenommen, wie wir dies schon lange vorhersagen», sagt Fischlin. Der Klimaforscher ist seit 1992 für den Weltklimarat IPCC tätig und war hauptverantwortlicher Autor des Berichts 2007, der diese Gefahren klar beschrieb.

Die Bäume wirken als Klimabefeuchter

In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu verheerenden Waldbränden, beispielsweise in Kalifornien, Schweden, Kanada, Portugal, Griechenland, Australien und Russland. Am Amazonas kommt nun dazu, dass die Regierung Viehzüchtern wieder erlaubt, Feuer absichtlich zu legen. Sie gewinnen so Weideland und können mehr Fleisch exportieren.

«Die Bemühungen zur Eindämmung solcher Rodungen in den letzten 15 Jahren drohen jetzt zunichtegemacht zu werden», sagt Fischlin. Industrieländer wie Norwegen zahlten dabei beträchtliche Summen für Projekte, die der Bevölkerung ein Einkommen ermöglichten, ohne den Wald zu ­plündern. Nach dem Regierungswechsel in Brasilien haben wichtige ­Geldgeber begonnen, ihre Zahlungen einzustellen. Rund ein Viertel der Treibhausgasemissionen, für die der Mensch verantwortlich ist, stammt laut Weltklimarat aus der Landnutzung. Zählt man auch Düngerproduktion und Transport dazu, steigt diese Zahl sogar auf ein Drittel.

Bäume haben noch weitere Funktionen für das Klima. So regulieren sie auch den Wasserkreislauf. Im Regenwald herrscht ein tropisches, feuchtes Klima mit hohen Niederschlägen. Bei starker Sonneneinstrahlung kann ein einziger Baum bis zu 1000 Liter Wasser pro Tag in die Atmosphäre abgeben. So entstehen riesige Wolkenfelder, die ebenfalls einen kühlenden Effekt haben. Im Englischen spricht man von «Flying Rivers». Südlich des Amazonas verursachen diese Wolken starke Niederschläge, was zu sehr fruchtbaren Böden führt. Ohne Bäume bricht dieser Kreislauf zusammen.

Die Waldbrände sind nicht nur eine Bedrohung für das Erdklima, sondern auch für die Flora und Fauna in den Wäldern selbst. Der Regenwald gilt als ein Ort immenser Artenvielfalt und beherbergt Abertausende von Tieren und Pflanzen. Diese sind an Feuer nicht angepasst: Im Regenwald brennt es für gewöhnlich nicht. Viele Tier- und Pflanzenarten drohen daher den Feuern zum Opfer zu fallen und für immer verloren zu gehen. «Brasilien mag vielen weit weg scheinen», sagt Schweizer, «doch wir leben alle auf einem Planeten.» Was in einer Region geschehe, beeinflusse über die globale Zirkulation auch weit entfernt liegende Orte.



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Erstellt: 24.08.2019, 22:32 Uhr

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