Die Schlacht ums Fleisch

Wenn es um vegane Ernährung geht, kochen die Emotionen hoch – erst recht, wenn die Karte im Speisewagen Thema ist.

Drastische Bilder, angriffige Sprache: Im Kampf um die Moral auf dem Teller sind die Befürworter von fleischloser Kost nicht zimperlich. Foto: Reuters

Drastische Bilder, angriffige Sprache: Im Kampf um die Moral auf dem Teller sind die Befürworter von fleischloser Kost nicht zimperlich. Foto: Reuters

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Die SBB haben ein neues Hauptgericht auf der Speisekarte: Ghackets mit Hörnli. Tönt banal, ist aber bahnbrechend, denn beides ist vegan; es gibt also erstmals fix ein pflanzenbasiertes Menü im Zugrestaurant. «Wir wollen damit auf die Bedürfnisse unserer Fahrgäste reagieren», heisst es bei den SBB. Nichts deutet auf den energischen Kampf im Vorfeld hin.

«Trotz mehrfacher Aufforderung und Nachfragen von Swissveg sind die SBB nicht bereit, ein veganes Menü auf ihre Speisekarte im Zug aufzunehmen», postete Swissveg, der Verein vegetarisch und vegan lebender Menschen, im Mai bei Instagram. «Nur weil eure Art des Fortbewegens umweltschonender ist als andere, bedeutet das nicht, dass ihr den ökologischen Fussabdruck mit einem Fleisch-, Milch-, und Eier-lastigen Angebot kompensieren müsst.» Dazu Hashtags wie #superlame oder #umweltschädlich und in roten Grossbuchstaben ein 1-Wort-Kommentar im Trump-Stil: «FAIL».

Bis zu 11'000 Gäste am Tag

Der Ton ist überraschend scharf für Schweizer Verhältnisse. Die Kommentarschreibenden waren sich einig: Geht gar nicht, so was! Bloss meinten die einen das Verhalten der SBB («Ja, das ist skandalös!») und die anderen die Aktion von Swissveg («Veganer sind amigs solche Mongos.») Neutrale Töne? Muss man in Diskussionen zwischen Veganern und Fleischessern suchen, und zwar auf beiden Seiten. Das Geschrei ist oft auffallend laut, erst recht angesichts des tiefen einstelligen Prozentsatzes jener, die konsequent auf tierische Produkte verzichten. Das zeigt auch der Fall einer Restaurantbesucherin, die kürzlich in einer Bündner Beiz die Zucchettipiccata wollte, allerdings eine vegane, was jedoch nicht möglich war, weil ohne die tierischen Produkte kein vollständiges Gericht mehr übrig geblieben wäre. Die drei veganen Alternativen passten ihr nicht; sie wollte einen Gemüse­teller, den wiederum der Wirt nicht servieren mochte («weder ausgewogen noch originell»).

Der Begleiter der Frau strafte die Beiz daraufhin mit 1 von 5 Sternen ab, der Wirt wehrte sich. Zudem unterstellte er der Frau, eine «Tagesveganerin» zu sein. «Wenn man diese Tageslaune einem Restaurant aufdrückt, das nicht auf vegane Küche spezialisiert ist, und noch erwartet, dass einem sämtliche Extrawünsche zum Normalpreis erfüllt werden, finde ich das absolut nicht in Ordnung.» Das liess die Frau nicht auf sich sitzen. Sie gab zwar indirekt zu, keine echte Veganerin zu sein, aber: «Ich kann als Gast sehr gut selbst entscheiden, was ich für gesund halte, und weiss selbst am besten, was ich essen kann und was nicht.»

Der wortreiche Facebook-Schlagabtausch verbreitete sich ebenso rasch im Netz wie die Instagram-Attacke von Swissveg. Täuscht der Eindruck, oder sind Verfechter der veganen Ernährung besonders fordernd, etwa im Vergleich zu Allergikern und Vegetariern? Die SBB antworten diplomatisch: «Wir bedienen jeden Tag bis zu 11'000 Gäste mit unterschiedlichsten Bedürfnissen und Geschmäckern. Dass sich Interessengruppen für ihre spezifischen Interessen einsetzen, ist klar.»

«Wir kommunizieren bewusst in scharfem Ton»

Daniel Borner, Direktor von Gastro Suisse, hat ebenfalls Verständnis für die Bedürfnisse von Veganern. «Unsere Mitgliederbetriebe haben aber keinen Volksverpflegungsauftrag. Sie entscheiden selbst, wie weit sie einer Nachfrage oder einem Modetrend nachkommen wollen.» Dass Gastronomiebetriebe ihr Angebot nicht auf einzelne Nachfragen ausrichteten, sei nachvollziehbar.

Ist es nicht auch für die Sache kontraproduktiv, derart forsch aufzutreten? Danielle Cotten, Medienverantwortliche von Swissveg, spricht offen über das Thema und gibt zu: «Wir kommunizieren bewusst in scharfem Ton, um Aufmerksamkeit zu generieren.» Ziel sei es, dass öffentlich über das Thema diskutiert werde und den Leuten bewusst werde, dass Produkte tierischen Ursprungs gesundheitsschädlich seien, die Umwelt belasteten und Tieren schadeten.

Damit zielt Danielle Cotten auf den wunden Punkt der ganzen Diskussion: die Moral. «Die ist nun mal auf der Seite der Veganer. Das wissen auch die Fleischesser, wenn sie ehrlich sind. Deswegen wird es schnell emotional und persönlich.» Einen scharfen Ton schlägt Cotten aber nur auf öffentlicher Ebene an, privat möchte sie Fleischesser lieber inspirieren statt sie zu attackieren. «Ich fühle mich zwar ohnmächtig, wenn andere bedenkenlos tierische Produkte konsumieren und Leid verursachen, aber ich will nicht überall negativ auffallen oder Konflikte starten.»

Fleischesser suchen bei Veganern nach Fehlern

Verhindern kann sie das trotzdem nicht. «Ich esse seit 17 Jahren kein Fleisch, was nie ein Thema war. Seitdem ich komplett auf tierische Produkte verzichte, werde ich oft persönlich angegriffen», erzählt Danielle Cotten. Warum bist du mit dem Flugzeug in die Ferien geflogen? Du verzichtest aus ethischen und ökologischen Gründen auf Fleisch, nimmst aber in Kauf, dass mit dem Anbau von Soja Lebensräume für Tiere vernichtet werden? «Fleischesser suchen bei uns nach Fehlern, um vom eigenen Fehlverhalten abzulenken.»

Das Problem ist, dass sich vor allem Neuveganer erklären müssen, die am schlechtesten informiert sind. Und wenn diese dann Dummheiten verbreiten wie die temporäre Nationalratskandidatin Tamy Glauser, die Ende Mai behauptete, das Blut von Veganern könne Krebszellen töten, ist das erst recht fatal für das Image jener, die sich pflanzenbasiert ernähren.

Für Lifestyle- oder Tagesveganer hat Cotten trotzdem Verständnis. «Man muss nicht im jedem Bereich des Lebens perfekt sein. Für mich zählt die gute Absicht.» Sie sei aber lange nicht mit allem einverstanden, was sich einige Veganer unter dem Deckmantel der Moral herausnehmen würden. Sie selber melde im Restaurant etwa immer vorgängig an, dass sie gerne vegan essen möchte, um nicht unnötig für Unmut zu sorgen – auch zum eigenen Schutz. Und zum neuen Gericht der SBB verfasste sie wieder einen Instagram-Post – inklusive 1-Wort-Kommentar: «Yaaaay!»



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Erstellt: 25.08.2019, 12:32 Uhr

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