Die Schweiz und ihre Oligarchen

In der Heimat verdienten sie Milliarden. Mit westlichen Gegebenheiten tun sich die Russen und Ukrainer bei uns aber schwer.

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Zürich Sie tauchen plötzlich auf – irgendwo in der Schweiz, zumeist in den Wirtschaftsmetropolen Zürich, Genf oder Zug, aber auch auf dem Land, in Engelberg OW oder an der Luzerner Riviera Weggis. Die Neureichen aus Russland, der Ukraine und anderen Ex-Sowjetstaaten schaffen es immer wieder in die hiesigen Medien. Neben der Tatsache, dass die sogenannten Oligarchen unvorstellbar viel Geld besitzen, haftet ihnen aus Sicht der Öffentlichkeit immer auch etwas Mysteriöses, Sagenumwobenes an. Denn sie kommen aus Staaten, in denen der Kapitalismus direkt den Kommunismus ablöste, während Korruption und fehlende demokratische Strukturen ein Wirtschaften nach hiesigen Grundsätzen verunmöglichen.

Der nun von den US-Sanktionen betroffene Viktor Vekselberg ist so etwas wie der Ur-Oligarch in der Schweiz. Der 62-Jährige, der 2004 von Russland in die Schweiz übersiedelte, verdiente seine Milliarden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Metallhandel. Der studierte Mathematiker erwarb in den Sowjetstaaten günstig Altmetalle und verkaufte diese im Westen zu viel höheren Preisen. Den Gewinn investierte er ins Rohstoffgeschäft.

Andere Oligarchen sorgen mit Prunk und teuren Hobbys für Schlagzeilen. Der nach London gezogene Roman Abramowitsch etwa mit seiner Milliardenjacht und dem Kauf des FC Chelsea. Vekselberg dagegen hält sich im Hintergrund. Trotzdem sorgt der diskrete Russe immer mal wieder für Schlagzeilen. Zum Beispiel 2010, als er seinen Wohnsitz nach Zug verlegte, nachdem Zürich die Pauschalbesteuerung abgeschafft hatte.

Vekselberg wird keine grosse Nähe zu Russlands Präsident Wladimir Putin nachgesagt. Gegenüber Russland zeigt er sich aber immer wieder erkenntlich. So kaufte er die goldenen Eier von Peter Carl Fabergé, dem früheren Hofjuwelier des Zaren. Das russische Kulturgut ist heute in einem Museum in St. Petersburg zu bestaunen. Auch Vekselbergs Beteiligungen mit seiner Renova-Gruppe an den Schweizer Firmen Sulzer, Schmolz+Bickenbach und OC Oerlikon gelten als Investitionen im Sinn des Kreml. Die Idee dahinter: Vom Knowhow der Schweizer Konzerne soll auch der Industriestandort Russland profitieren. Dem Land fehlen qualifizierte Arbeitsplätze für die vielen eigenen Hochschulabsolventen. Putin schaut deshalb genau, was die im Ausland operierenden Oligarchen mit ihrem Geld machen.

Rohstoffhandelsplätze Zug und Genf im Fokus

Neben Vekselberg ist auch der sanktionierte Oligarch Oleg Deripaska mit seinen Firmen in der Schweiz verankert. Deripaska steht hinter Rusal, dem weltweit zweitgrössten Aluminiumhersteller mit Sitz in Moskau. Er besitzt seit vergangenem Jahr den zypriotischen Pass. Mehrere Tochterfirmen des Alu-Königs sind im Kanton Zug gemeldet.

Deripaska ist geschäftlich eng verbandelt mit Glencore-Chef Ivan Glasenberg. Dieser sass bis vor wenigen Tagen im Rusal-Verwaltungsrat. Glasenberg gab das Mandat wegen den US-Sanktionen per sofort ab. Rusal verlor diese Woche an der Börse in Moskau mehr als 50 Prozent an Wert. Weil Glencore über eine Holding zu 8,75 Prozent an Rusal beteiligt ist, wurde auch der Baarer Rohstoffkonzern in den Sanktionsstrudel gezogen. Glencore gab umgehend bekannt, dass seit längerem geplante Aktientransaktionen mit Rusal nun nicht stattfinden werden.

Suleiman Kerimov ist der dritte in der Schweiz tätige Oligarch, der auf der US-Sanktionsliste zu finden ist. Er verdiente seine Milliarden mit Finanzgeschäften und Beteiligungen. Geschäftspartner von Kerimov sind die Luzerner Brüder Alexander und Philipp Studhalter. Beide sitzen im Stiftungsrat der Kerimov Foundation mit Sitz in Luzern, Alexander Studhalter ist deren Präsident. Mehrere hiesige Organisationen erhalten von der Stiftung Geld – darunter das Filmfestival Zürich, die Frauenmannschaft des FC Luzern und Luzern Tourismus. Philipp Studhalter kennt man in der Öffentlichkeit als Präsident des FC Luzern.

Im November wurde Kerimov in Nizza wegen Verdachts der Geldwäscherei und des Steuerbetrugs verhaftet. Hintergrund ist der Kauf einer Villa in Südfrankreich. Alexander Studhalter sass wegen seiner Tätigkeit für den Oligarchen Anfang Jahr in Frankreich sieben Wochen in Untersuchungshaft. Nach seiner Entlassung sagte er gegenüber der «Zentralschweiz am Sonntag»: «Suleiman Kerimov ist und bleibt ein Freund und Geschäftspartner.» Er weist alle Vorwürfe zurück, ein Strohmann Kerimovs bei dessen Geschäften gewesen zu sein und ihm bei der Steuerhinterziehung geholfen zu haben. Laut Studhalter hätten die US-Sanktionen gegen ihren russischen Geschäftspartner «keinerlei Zusammenhang zum Verfahren in Frankreich».

Alle Oligarchen auf der «Forbes»-Liste sind gefährdet

Von den weiteren in der Schweiz wohnhaften oder prominent tätigen Oligarchen ist keiner auf der jüngsten US-Sanktionsliste vertreten. Sie werden aber wohl trotzdem aufhorchen und ihre Anwälte und Berater konsultieren. Es muss damit gerechnet werden, dass die US-Regierung mit einer erweiterten Sanktionsliste neue Oligarchen einschliessen. Aufschrecken lässt diese auch die Tatsache, dass die Amerikaner bereits im Januar die Namen der knapp 200 reichsten russischen Wirtschaftsführer sowie der bedeutendsten Politiker und Beamten zusammentrugen.

Grundlage für die Liste der US-Regierung war das Wirtschaftsmagazin «Forbes» mit ihrer Ausgabe «Die reichsten Menschen der Welt». Was für allgemeine Belustigung in der Öffentlichkeit sorgte, ist für die «Reichsten» weniger lustig. Denn seither weiss jeder, der auf der «Forbes»-Liste steht, dass er potenziell gefährdet ist, auch durch die USA sanktioniert zu werden.

Kreditkartentransaktionen sind nicht mehr möglich

Für die Betroffenen kann sich das schöne Leben in der Schweiz, an der Côte d’Azur oder in der Penthouse-Wohnung in London damit schlagartig ändern. Denn der finanzielle und gesellschaftliche Handlungsspielraum ist augenblicklich eingeschränkt. Die USA sperren Dollar-Konti, und Kreditkartentransaktionen sind nicht mehr möglich. Durch die Abkehr von Geschäftspartnern, die ebenfalls fürchten, in die Fängen der US-Justiz zu geraten, drohen weitere Verluste.

Auch die Einreise in die USA wird für sanktionierte Personen zum Problem – selbst für jemanden wie Viktor Vekselberg, der Mitarbeiter in Amerika beschäftigt und selber eine US-Aufenthaltsbewilligung besitzt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2018, 18:25 Uhr

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