Die Welt ist besser geworden

Armut gesenkt, Tierarten gerettet, neue Planeten erkundet – die 2010er-Jahre waren eine Phase der grossen Fortschritte. Eine Übersicht.

Können optimistisch in die Zukunft schauen: Kinder im indischen Rajasthan. Foto: Dirk Bruniecki/Laif

Können optimistisch in die Zukunft schauen: Kinder im indischen Rajasthan. Foto: Dirk Bruniecki/Laif

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BESTE NEWS ÜBERHAUPT: DIE ARMUT SINKT

Gemäss letzten verfügbaren Daten der Weltbank lebten 2015 rund 730 Millionen Menschen in extremer Armut. Das ist erschreckend viel – und doch nur noch etwa halb so viele wie zehn Jahre davor. Als extrem arm gilt jemand, der kaufkraft- und teuerungsbereinigt weniger als 1.90 Dollar pro Tag zur Verfügung hat. Die Zahl verringerte sich also zehn Jahre lang jeden Tag um durchschnittlich 170'000 Menschen. 1980 lebten 43 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut, heute 10 Prozent. Auch gemessen an höheren Armutsschwellen, geht die Armut stark zurück. «Die beste wirtschaftliche Nachricht ist der Rückgang der extremen Armut weltweit», stellt der Entwicklungsökonom William Easterly fest.


SOGAR DAS FERNSEHEN WIRD BESSER

«Game of Thrones», «House of Cards», «Black Mirror», «Breaking Bad», «The Americans»: In den 2010er-Jahren wurde sogar das Fernsehen besser. Eine Fülle von neuen, hervorragend gemachten TV-Serien bewies, dass die Konsumenten ihre Aufmerksamkeitsspanne auch im Zeitalter der Digitalisierung und des Smartphones auf viele Stunden erweitern können, wenn die Qualität stimmt. Sie hören Podcasts und schauen Youtube-Videos über die komplexesten Themen der Welt, stundenlang. Die Menschen rauchen und trinken weniger, aber sie lesen und informieren sich nicht weniger als früher. Noch nie in der Geschichte hat eine neue Technologie dermassen rasant und total die Welt verändert wie das Smartphone. Noch nie gab es für so viel Menschen so viel Auswahl an Information, Kultur und Unterhaltung in Griffnähe.


DIE LEBENSERWARTUNG STEIGT WELTWEIT STARK

Die durchschnittliche Lebenserwartung nahm in den 2010er-Jahren weltweit um mehr als drei Jahre zu, sie stieg von 69,5 auf 72,6 Jahre. Das bedeutet nichts weniger, als dass die durchschnittliche Lebenserwartung in den letzten zehn Jahren um etwa acht Stunden pro Tag zugenommen hat. Ein Baby, das am Montag geboren wird, kann damit rechnen, 24 Stunden länger zu leben als ein Baby, das am Freitag davor geboren wurde, wie der schwedische Autor Johan Norberg den enormen Fortschritt deutlich macht. Ermöglicht ­wurde er hauptsächlich durch Medizin, Wirtschaftswachstum, Hygiene und Gewaltverzicht. Über Jahrhunderte starben die Menschen mit durchschnittlich 30 Jahren. 1950 lag der weltweite Durchschnitt bei 46 Jahren. Heute kommt selbst die Zentralafrikanische Republik, das Land mit dem niedrigsten Wert, auf 53 Jahre.


BLOCKCHAIN KOMMT

2015 startete Ethereum, neben Bitcoin die bekannteste Blockchain. Das Revolutionäre an der neuen Technologie: Sie ermöglicht Transaktionen ohne eine zentrale Instanz, im Finanzbereich zum Beispiel ohne Bank. Die Anwendungsmöglichkeiten scheinen unbegrenzt.


HANDY-ZAHLUNGEN UND INTERNETZUGANG

Die Verbesserung des Zugangs zu Finanzdienstleistungen gehört zu den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung der UNO. In vielen armen Ländern haben grosse Teile der Bevölkerung kein Bankkonto, es gibt kaum Bancomaten in ländlichen Gebieten. Hier hat die Einführung von mobilen Zahlungssystemen enorme Fortschritte ermöglicht. Die Zahl der Handy-Geldkonten hat vor allem in Afrika und Asien enorm zugenommen. Allein in Afrika waren 2018 bereits 707 Millionen Konti registriert. Damit können auch Arme sichere Zahlungen und Geldüberweisungen machen. Das trägt wesentlich mehr zur Bekämpfung der Armut bei als viele Entwicklungshilfeprojekte. Mittlerweile haben weltweit 83 von 100 Erwachsenen ein Mobile-Abo. Gemäss Schätzungen der ITU, der Sonderorganisation der Vereinten Nationen für Informations- und Kommunikationstechnologien, konnten Ende 2019 4,1 Milliarden Menschen das Internet nutzen. Damit hat sich der Anteil der Weltbevölkerung mit Zugang zum Internet in den 2010er-Jahren auf 54 Prozent mehr als verdoppelt.


REVOLUTION IN DER GENTECHNIK

Die 2010er-Jahre brachten enorme Fortschritte bei der präzisen Bearbeitung von DNA, dem Träger der Erbinformation. 2012 wurde die CRISPR/Cas-Methode erstmals wissenschaftlich dokumentiert. Es handelt sich um eine molekularbiologische Methode, um DNA gezielt zu schneiden und zu verändern. Damit können Gene eingefügt, entfernt oder ausgeschaltet werden. Die CRISPR-Technologie ist ein mächtiges Werkzeug. Sie eröffnet zum Beispiel Pflanzenzüchtern die Möglichkeit, Sorten von Nutzpflanzen auf eine wesentlich gezieltere, leichtere, effizientere und flexiblere Art zu verändern, als das bisher möglich war.


19 PROZENT WENIGER DRECKIGE LUFT – VOR ALLEM DRINNEN

Luftverschmutzung ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für vorzeitige Todesfälle, besonders in armen Ländern. 2017 war sie weltweit für schätzungsweise 5 Millionen Todesfälle verantwortlich. Sie hat nicht nur gravierende gesundheitliche Folgen, Feinstaub in der Raumluft beeinträchtigt auch stark die kognitiven Leistungen, wie Untersuchungen in Schulen und an Schachturnieren gezeigt haben. Weltweit sind die Sterblichkeitsraten durch Luftverschmutzung rückläufig, vor allem dank der Fortschritte bei der Bekämpfung der Luftverschmutzung in Innenräumen, zum Beispiel durch geschlossene Feuerstellen. Die globale Sterblichkeitsrate durch Luftverschmutzung in Innenräumen und im Freien ist in zehn Jahren um 19 Prozent zurückgegangen, in ­China um ein Viertel.


BEDROHTE ARTEN – ABER MASSNAHMEN WIRKEN

In den 2010er-Jahren konnten Riesenpanda, Südliches Breitmaulnashorn, Chathamsturmvogel, Yellowstone-Grizzlybär, Arabische Oryx, Grauer Wolf, Stellerscher Seelöwe, Grauwal, Schneeleopard, Nördlicher Streifenkiwi, Guamralle und andere in der Roten Liste der bedrohten Arten herabgestuft werden. Der Panda beispielsweise gilt noch als gefährdet, aber nicht mehr als vom Aussterben bedroht. China baut für ihn und weitere gefährdete Tierarten einen Nationalpark, der fast dreimal die Fläche des Yellowstone-Parks in den USA einnehmen soll. Die Erfolge zeigen, dass gezielte Schutzmassnahmen wirken. Die Tigerpopulation in Nepal hat sich zwischen 2009 und 2018 fast verdoppelt. Die Buckelwal-Population liegt 2018 wieder über dem Niveau von 1942. Allerdings bleibt noch viel zu tun: Insgesamt wächst jedoch die Liste der bedrohten Arten weiter.?


FRAUEN SIND WELTWEIT AUF DEM VORMARSCH

Die Frauen gehörten zu den Wahlsiegerinnen in der Schweiz, ihr Anteil im Nationalrat stieg von 32 auf 42 Prozent. Weltweit ist der Frauenanteil in den nationalen Parlamenten in den 2010er-Jahren stetig gestiegen, von 19 auf 25 Prozent. Frauen sind auch besser gebildet denn je. Gemäss Unesco lag der weltweite Durchschnitt für die Schulzeit von Mädchen im Jahr 2018 bei 12,4 Jahren und damit sogar gering höher als bei Buben. Sie haben ihren Bildungsrückstand in den letzten Jahren komplett aufgeholt.


RÜCKGANG DER KINDERSTERBLICHKEIT UM 33 PROZENT

Der Rückgang der Kindersterblichkeit hat sich beschleunigt. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, wie schrecklich «die gute alte Zeit» tatsächlich war. Um 1900 starb jedes dritte Kind vor seinem 5. Geburtstag, 1940 jedes vierte und 1985 jedes zehnte. Gemäss den neuesten verfügbaren Daten starb 2017 nur noch jedes 25. Kind unter fünf Jahren. Das entspricht einem Rückgang um ein Drittel in den letzten zehn Jahren. Der Anteil der Mütter, die im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt sterben, hat sich in zehn Jahren weltweit um 25 Prozent reduziert. Der Fortschritt konnte vor allem dank besserer Ernährung, Hygiene und Gesundheitsversorgung erreicht werden. Gemäss den Zielen für nachhaltige Entwicklung der UNO soll die Kindersterblichkeit in allen Ländern auf weniger als 25 Todesfälle pro 1000 Lebendgeburten pro Jahr gesenkt werden.


ENDLICH MEHR STROM

In den letzten zehn Jahren haben jedes Jahr im Schnitt rund 120 Millionen Menschen neu Zugang zu Elektrizität erhalten. Weltweit stieg der Anteil der Menschen mit Stromversorgung zwischen 2007 und 2017 von 82 auf 89 Prozent, in den am wenigsten entwickelten Ländern von einem Drittel auf mehr als die Hälfte. Strom spielt eine wichtige Rolle für die Entwicklung und die Verbesserung des Lebensstandards. Er befreit von aufwendiger Hausarbeit, steigert die Produktivität, verbessert die Gesundheits- und Bildungsdienstleistungen und ermöglicht digitale Kommunikation.


VIELFALT UND TOLERANZ NEHMEN ZU

Verletzliche Gruppen sind heute freier und sicherer als je zuvor. Die Toleranz zum Beispiel gegenüber unterschiedlichen sexuellen Orientierungen ist gemäss Umfragen in den 2010er-Jahren in fast allen Regionen der Welt gestiegen. Der Anteil der Bevölkerung, der in Ländern lebt, in denen gleichgeschlechtliche Handlungen kriminalisiert werden, sank von 40 auf 27 Prozent. Zuletzt kippten Botswana und ­Angola entsprechende Artikel aus ihren Strafgesetzen. Weltweit gibt es immer mehr Verhaltensvielfalt und wachsende Freiheit, diese Vielfalt zum Ausdruck zu bringen.


27 LÄNDER MALARIAFREI – UND ANDERE FORTSCHRITTE

Die Fortschritte im Gesundheitsbereich sind bemerkenswert. Die Menschen haben einen besseren Zugang zu Wasser, sanitären Einrichtungen, medizinischer Versorgung und Impfstoffen als je zuvor. Die Anzahl der Malariaerkrankungen ist zwischen 2010 und 2018 weltweit von 71 auf 57 Fälle pro 1000 gefährdete Personen zurückgegangen. Die Zahl der Länder mit weniger als 100 einheimischen Fällen – ein starker Indikator dafür, dass die Eliminierung der Krankheit in Reichweite ist – stieg von 17 Ländern im Jahr 2010 auf 27 Länder im Jahr 2018. 2014 bis 2016 starben in Westafrika mehr als 11 300 Menschen am Ebola­virus. Im letzten Jahr wurde ein neuer Ebolaimpfstoff zur Verteilung freigegeben, der die Sterblichkeitsrate von 70 auf unter 10 Prozent senken kann. Die weltweiten HIV-Todesfälle sind gemäss UNO auf 770'000 gesunken, ein Drittel weniger als 2010, unter anderem dank neuen Therapien. Die Zahl neuer Erkrankungen ging deutlich zurück. Vor allem in armen Ländern sind jedoch viele UNO-Gesundheitsziele noch nicht erreicht.

In der Schweiz wurde 2019 ein Meilenstein in der Krebstherapie gesetzt: Erstmals wurden in hiesigen Spitälern Krebspatienten mit einer neuen Zelltherapie gegen Blutkrebs behandelt. Dabei wurden bestimmte Immunzellen des Patienten ausserhalb des Körpers gentechnisch so aufgerüstet, dass sie, zurück im Körper des Patienten, den Tumor attackieren.


ERWEITERUNG DES HORIZONTS

Die 2010er-Jahre brachten eine Fülle von neuen Entdeckungen im All. New Horizons, eine Raumsonde der US-Weltraumbehörde Nasa, flog 2015 an Pluto vorbei und untersucht nun Arrokoth. Das Objekt soll Einblicke in die frühen Phasen der Entstehung des Sonnensystems ermöglichen. 2019 konnten Astronomen erstmals ein schwarzes Loch fotografieren. Und 100 Jahre nach Albert Einsteins Theorie über Gravitationswellen gelang es Physikern erstmals, diese auch zu messen. Mit dem Kepler-Weltraumteleskop gelang die Entdeckung von zahlreichen erdähnlichen Planeten.


GLOBAL GING DIE UNGLEICHHEIT ZURÜCK

In manchen Ländern, vor allem in den USA, hat die Ungleichheit zugenommen. Global jedoch hat sie abgenommen, die armen Länder haben in den 2010er-Jahren stark aufgeholt. Hauptsächlich dank dem Aufstieg Asiens ist der globale ­Gini-Index, ein Mass für die Ungleichheit, erstmals seit 100 Jahren wieder deutlich gesunken, von über 70 auf etwa 65, wie der Ungleichheitsforscher Branko Milanovic berechnet hat. Für ihn repräsentiert die grössere globale Gleichheit in Bezug auf politische Macht und Einkommen eine der wichtigsten positiven Entwicklungen der letzten zehn Jahre – auch wenn es manchen Leuten in den USA und in Europa das Gefühl gibt, zurückzufallen.


FLIEGEN WIRD IMMER SICHERER

Die Zahl der Flugpassagiere nimmt jedes Jahr zu. 2019 waren es rund 4,5 Milliarden, 2 Milliarden mehr als zehn Jahre zuvor. Die Zahl der Flugunfälle dagegen geht dauernd zurück. 287 Tote bei 23 Unfällen von Verkehrsflugzeugen gab es 2019 zu beklagen. Der schlimmste war der Absturz einer Boeing 737 Max der Ethiopian Airlines im März, bei dem alle 157 Insassen ums Leben kamen. Der Flugzeugtyp steht seitdem unter einem weltweiten Flugverbot. Trotzdem ist Fliegen ­extrem viel sicherer geworden. In den 2010er-Jahren gab es total ­226 Unfälle mit 4220 Toten, nur halb so viele wie in den Nullerjahren.



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Erstellt: 05.01.2020, 15:38 Uhr

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