Die Zuckersteuer-Diät schlägt an

In England werden flüssige Kalorien schon besteuert – auch hierzulande könnte die «Sündensteuer» bald eingeführt werden.

Coca Cola kostet in Grossbritannien pro Liter nun 33 Rappen mehr: Ein Mädchen schnappt sich eine Cola-Flasche. Foto: Getty Images

Coca Cola kostet in Grossbritannien pro Liter nun 33 Rappen mehr: Ein Mädchen schnappt sich eine Cola-Flasche. Foto: Getty Images

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Lange angekündigt, hat die britische Regierung nun Ernst gemacht und letzte Woche eine Zuckersteuer auf Süssgetränke eingeführt. Softdrinks, die mehr als fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter beinhalten, kosten nun pro Liter 25 Rappen mehr, solche mit mehr als acht Gramm Zucker – wie Coca Cola – sind nun 33 Rappen teurer im Vereinigten Königreich.

Die Rate der Übergewichtigen hat die Politiker auf der Insel alarmiert. Bereits ein Drittel der britischen Kinder ist am Ende der Primarschulzeit zu dick – in der Schweiz sind es rund 20 Prozent. Ob nun aber eine «Sündensteuer», wie sie die Briten auch nennen, das Übergewicht zu bekämpfen hilft, ist umstritten. Das sei schwer zu messen, sagt Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam. Erst Erhebungen in den folgenden Jahren können zeigen, ob die Briten künftig schlanker werden.

Wissenschaftlich gibt es aber schon jetzt wenig Zweifel, dass gerade die Softdrinks zu Übergewicht führen. «Problematisch ist, dass Süssgetränke zusätzlich zum Essen konsumiert werden», sagt Schulze. Die flüssigen Kalorien werden weniger wahrgenommen und machen nicht satt. Die Studienlage sei diesbezüglich eindeutig. Der Ernährungswissenschaftler hat vor einigen Jahren Veröffentlichungen zu dem Thema zusammen mit spanischen Kollegen ausgewertet. Pikant dabei: Die Ergebnisse, dass Süssgetränke dick machen, fielen deutlicher aus, wenn die Studien nicht von den Herstellern gesponsert wurden.

In Mexiko vier Liter weniger

Bereits vor anderthalb Jahren drängte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) darauf, global eine Zuckersteuer auf Süssgetränke einzuführen, um Übergewicht, Fettleibigkeit, Diabetes Typ 2 und Karies einzudämmen. Um «mindestens 20 Prozent» sollten die Verbraucherpreise für Softdrinks steigen, empfahl die WHO.

Die WHO-Empfehlung liegt im Trend. Die Liste der Länder, die Steuern auf Nahrungsmittel oder Getränke mit künstlich zugesetztem Zucker erheben, wird immer länger. Darunter sind skandinavische Länder sowie Frankreich, Belgien oder Ungarn. Mexiko, das als eines der Länder mit der höchsten Rate an Übergewichtigen und Diabetes­patienten gilt, hat 2014 die Preise für Softdrinks erhöht.

Bilder: Wie viele Würfelzucker à 4 Gramm stecken in...?

Bereits im ersten Jahr nahmen die Mexikaner durchschnittlich vier Liter weniger Süssgetränke zu sich, wobei der Effekt bei den Haushalten mit niedrigem Einkommen am höchsten war. Dies berichtete eine Forschergruppe um den Ökonomen Franco Sassi von der Business School am Imperial College in London kürzlich im Ärzteblatt «The Lancet».

Die Experten räumen auch mit dem Argument auf, die Steuer treffe hauptsächlich die Armen. Das Gegenteil ist laut den Berechnungen von Sassi und Kollegen der Fall: Die reichen Haushalte zahlen mehr Steuern, und die ärmeren Menschen profitieren, weil sie durch die höheren Preise eher auf die ungesunden Konsumgüter wie Zigaretten, Alkohol und Süssgetränke verzichten.

Auch Westschweizer wollen Zucker besteuern

Welchen Effekt staatliche Regulierungen auf das Gesundheitssystem haben könnten, berechneten im letzten Jahr Forscher von der University of Melbourne für Australien. Am hilfreichsten sei eine Kombination aus verschiedenen Steuern – eine auf zuckerhaltige Produkte, eine Salzsteuer, eine auf gesättigte Fette und eine auf Süssgetränke – kombiniert mit der Subvention von Obst und Gemüse, schlagen die Wissenschaftler im Fachblatt «PLOS Medicine» vor.

In der Schweiz fordern einzig Westschweizer Kantone eine ­Zuckersteuer. Sie streben derzeit kantonale Regelungen an, da es schweizweit keine solche Steuer gibt. Dabei sind Übergewicht und Fettleibigkeit durchaus auch hierzulande ein dringendes Thema, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) betont. Nicht nur die gesundheitlichen Folgen für den Einzelnen seien beträchtlich, sondern auch die für die Volkswirtschaft. Die Kosten für Krankheiten oder Invalidität, die wegen Übergewicht und Fettleibigkeit entstehen, haben sich laut einer Mitteilung des BAG in der Zeit von 2002 bis 2012 verdreifacht: von 2,7 Milliarden Franken auf fast 8 Milliarden. Es seien «Massnahmen zur Förderung eines gesunden Körpergewichts» nötig.

Getränkehersteller ändern ihre Softdrink-Rezepte

Was damit gemeint ist, erläutert Nathalie Rochat, Mediensprecherin vom dafür zuständigen Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV): Ziel sei, die «Ernährungskompetenz der Bevölkerung» zu stärken, damit die Konsumenten eine bewusste Wahl treffen können. Die Einführung einer Steuer werde hingegen derzeit nicht in Betracht gezogen. «Wir haben uns für den freiwilligen Ansatz im Dialog mit der Lebensmittelwirtschaft und dem Detailhandel entschieden», so Rochat. «Aufgrund unserer Erfahrungen sind wir überzeugt, dass wir mit dem freiwilligen Ansatz Erfolg haben.»

Ein Beispiel dafür ist die «Erklärung von Mailand», die 2015 zehn Firmen unterschrieben haben. Sie kündigten an, den Zuckergehalt in Joghurts und Frühstückscerealien in den nächsten Jahren zu senken. Die jüngste Auswertung von Anfang April durch das BLV ergab, dass der Zuckergehalt bei den Joghurts um durchschnittlich 4,5 Prozent gesenkt wurde, bei den Cerealien um 8 Prozent. ­In absoluten Zahlen betrachtet, sanken die Werte bisher nur marginal: Auf 100 Gramm enthalten Joghurts durchschnittlich nun statt 9,5 nur noch 9,1 Gramm Zucker und Frühstücksflocken statt 15,7 nun 14,4 Gramm.

Die Zuckersteuer in Grossbritannien hat hingegen viele Getränkehersteller dazu veranlasst, die Rezepte radikal zu verändern: So sind nun zum Beispiel in britischen Fanta- und Sprite-Limonaden weniger als fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter gelöst – dafür neu zusätzlich künstliche Süssstoffe.

«Die Süssgetränkesteuer ist sicher nicht die alleinige ­Massnahme, welche die Bevölkerung zu einer gesünderen Ernährung bringt», räumt der deutsche Forscher Matthias Schulze ein, «aber sie ist ein erster Schritt, und es lohnt sich, ihn einmal auszuprobieren.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.04.2018, 10:56 Uhr

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