Die etwas andere Weihnachtsgeschichte

Slam-Poetin Lara Stoll hält Rückschau auf das Jahr 2018.

Das Jahr 2018 – ein kleines, krummes, geschlechtsloses Männlein in weissen Turnschuhen – hat ein Problem. Illustration: Julia Geiser

Das Jahr 2018 – ein kleines, krummes, geschlechtsloses Männlein in weissen Turnschuhen – hat ein Problem. Illustration: Julia Geiser

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Herzlich willkommen zu dieser Weihnachtsgeschichte. Treten Sie ein, schauen Sie, dort drüben bei der überschaubaren Menschentraube können Sie sich ein Gratis-Cüpli und virtuose Lebkuchen-Canapés abholen. In zwei Sätzen geht es los, machen Sie es sich gemütlich! Hier ist jeder willkommen, sogar Männer, obsolete DVD-Player und zu heisse Sommer. Nein, wir machen keine Pause.

Protagonist unserer Geschichte ist das Jahr 2018, ein altes, mit Marken-Sportklamotten vermummtes, politisch durchgenudeltes, verwirrtes und vom Borkenkäfer zerlöchertes Jahr. Vielleicht hilft es Ihnen beim Lesen, wenn Sie sich statt des Jahres 2018 von nun an ein kleines, krummes, geschlechtsloses Männlein in weissen Turnschuhen vorstellen.

Von einer drückenden Leere befallen, promeniert unser Hauptakteur dem Zürcher Limmatquai entlang und betrachtet argwöhnisch das Treiben um sich herum. Das Jahr 2018 hat nämlich ein Problem. Es will partout nicht in Weihnachtsstimmung geraten, und dabei ist doch morgen schon Heiligabend.

«Eine Parallelwelt, in der Präsident Macron eine Röhrennudel ist und Tofu blind macht.»

Da sind wir Menschen natürlich klar im Vorteil. Wir lassen uns fallen in die Erfahrungen der letzten Jahre. Wir können das Ganze abrufen. We know how to get through this. Wir wissen, wie der Esel läuft. Es erfordert etwas Konzentration, ein wenig Zeit, eine Prise Frank Sinatra und eine volle Schlagseite Glühwein. Wir sind indes ganz froh darüber, dass uns die alljährlich wiederkehrenden Bräuche in den Arm nehmen, gerade weil wir doch sonst so wenig unter Kontrolle haben.

Auch wenn der Start in die Weihnachtszeit für unsereins zuweilen etwas ruppig verläuft. Angefangen bei jenem bizarren Gefühlszustand, irgendwo zwischen Entzückung und leichtem Entsetzen, wenn man die ersten Schokoladen-Samichläuse Anfang Oktober unauffällig zwischen Putzmittelgestellen und den Kassen platziert entdeckt. Dann entfährt einem ein überschwängliches kleines «Hiii», dicht gefolgt von einem «uaaa» – auch bekannt als Saure-Zungen-Effekt. Den bekommt man übrigens auch, wenn man Beiträge mit Hausi Leutenegger drin schaut.

Aber für das Jahr 2018 ist das alles Neuland. Dies wird sein erstes und letztes Weihnachten sein, und falls es überhaupt gerade irgendetwas fühlt, dann ist das eine konstante Überforderung. Es hatte doch gerade erst diese elendige Hitze verarbeitet, ja gerade erst die halbverfaulten Halloween-Kürbisse und schweren Rehpfeffer verdaut, und dann zack, soll man sich hier plötzlich ob allerlei Gewusel, Gebimmel, Geblinke und inflationären Parfümwerbungen erfreuen! Das geht doch auf keine Hornkuhhaut!

«‹Jesus, Franz Carl Weber, Fondue chinoise›», murmelt das Jahr 2018 vor sich hin.»

Aufgebracht biegt unser Jahr auf die Rathausbrücke ein, bleibt stehen, atmet durch. «Innehalten», sagt es sich, «ich will es noch ein letztes Mal versuchen . . .» Es reibt die unterkühlten Hände, haucht verträumt in die kalte Winterluft und lässt den Blick übers Stadtpanorama gleiten. «Bald werde ich Geschichte sein», denkt es, «es wird kein zweites Jahr wie mich geben. Nur das Muskelgedächtnis einiger menschlicher Finger wird beim Notieren des Datums bis Mitte Jahr noch ins Schleudern geraten . . . Halt! Aber nein, das stimmt doch vielleicht gar nicht! Was ist denn mit den Kindern! Ja, all den Kindern, die in mir geboren wurden, im Jahr 2018, die werden sich doch an mich erinnern. Und doch bestimmt auch all die Paare, die in mir geheiratet haben. Allen voran jene, welche sich am 18.8.18 vermählt haben. Selbst wenn dieses Datum statistisch betrachtet einem guten Drittel auch nichts nützen wird. Aber möge mein Zynismus jetzt kurz schweigen, schliesslich ist bald Weihnachten.

Es werden sich Menschen an mich erinnern, deren Flucht gelungen ist! Und es werden sich Menschen an mich erinnern, deren Lebensglück in mir auf ungeheuerlichste Art und Weise zerstört wurde. Es wird sich ein finnländischer, ein brasilianischer, eine georgische, ein kongolesischer und zwanzig weitere neu- und wiedergewählte Präsidenten/innen an mich erinnern, und ein paar wenige an die Tränen von Doris Leuthard. Es werden eine französische und eine kroatische Fussball-Nationalmannschaft an mich denken. Vielleicht genauso sehr, wie einer Mittelmeerinsel namens Zypern und einem FCZ für immer ein aussergewöhnlicher Graben in Erinnerung bleiben wird. Der Kololli-Graben, in seinem ganzen Mysterium. Keine Kamera der Welt konnte einfangen, was damals genau geschehen ist. Als der 26-jährige FCZ-Scorer vor lauter Torjubel für kurze Zeit in einem 3 Meter tiefen Stadiongraben verschwand. Ja, noch nicht einmal ich, das Jahr 2018, weiss, was Kololli dort erlebt hat. Dort unten.

Der Kololli-Graben in seinem ganzen Mysterium. Illustration: Julia Geiser

Vielleicht hat er ja noch ein weiteres Tor gemacht, wer weiss. Ein ‹Tor› anderer Art. Ja, gar ein Tor zu einer anderen Welt entdeckt, Kololli im Wunderland. Eine Parallelwelt, in welcher Schnecken schnell sind, Tofu blind macht, Präsident Macron eine Röhrennudel ist und in welcher jener zypriotische Graben nach seinem Torschuss weniger tief ist. Und . . . in der ich Weihnachten fühlen kann.»

Wie unser Jahr so über Kololli und sich selbst nachdenkt, bemerkt es, wie seine Augen feucht werden und sich auf seinen borstigen Wimpern kleine Eiskristalle bilden. «Was wird wohl aus ihm, im Jahr 2019? Wenn ich nicht mehr bin? Weihnachten hin oder her. Will Kololli nach all dem wirklich noch eine Ausbildung zum Polizisten machen, wie er mal sagte? Oder gar erst recht?»


Video: Hier hüpft Kololli in den Stadiongraben

Der Schreckmoment auf Zypern: Benjamin Kololli verschwindet kurz. Video: SRF/Tamedia


Es ballt seine Hände zu Fäusten und richtet den Blick trotzig gen Himmel. Was ist dort in den Sternen? Und als es hochsieht, in das heute so erstaunlich klare Firmament, zieht eine aussergewöhnliche Lichtquelle seinen Blick auf sich. Ein sich bewegender Stern. Ja, eine viel zu helle Sternschnuppe! Das Jahr schweigt für einen Moment. Und wir driften kurz in den Weltraum ab, wo die Raumstation ISS ihre Runden in der Umlaufbahn der Erde zieht. Die amerikanische Astronautin Serena Auñón-Chancellor schwebt schwerelos im Aussichtsmodul der Raumstation und blickt aus dem Fenster. «That must be Zurich», denkt sie sich. «There's a good chance at this very moment some idiot confuses the ISS with a shooting star that's much too bright», dann drückt sie sich eine Tube pürierte Lebkuchen-Canapés in den Mund. «What's up with this catering?», wundert sie sich und verzieht angewidert den Mund.

Serenas Gedanken schwelgen in vergangenen Festtagen. An Weihnachten sollte man vielleicht doch zu Hause sein, aber wenn man sein ganzes Leben auf die Chance wartet, diese verdammte Erdkugel mal von oben zu sehen, dann sagst du auch nicht Nein, nur weil du dir jeweils gerne mit deiner Mutter die volle Schlagseite Glühwein am Weihnachtsmarkt gibst. «Hiii-uaaa», entfährt es ihr.

Immerhin hatten sie in der ISS ein paar Girlanden aufgehängt, Messinstrumente damit dekoriert, ihr russischer Kollege Sergei Prokopjew hatte sich beim Schmücken fast selbst stranguliert. Serena musste lachen, half ihm aber sofort. Dabei geschah etwas Ungewöhnliches: Sie sahen einander kurz in die Augen, ein bisschen anders als sonst, ja vielleicht sogar auch ein bisschen länger als eben nur kurz, so mittellang, oder einfach genau so lange, dass ein kleiner Funke übersprang.

«Vielleicht ein Space-Cookie», zieht unser Jahr 2018 in Betracht und biegt in eine kleine Seitengasse ein.

Wärme im Bauch der sonst so kalten ISS, ein Gedanke wie ein Blitz. Hätte es nicht so mühsam lange gedauert, sich in der Schwerelosigkeit der Arbeitsuniform zu entledigen – und würden die Sicherheitskameras der Bodenbesatzung nicht 24/7 aufzeichnen –, hätte das ein durchaus aufregender Quickie werden können. «A Space-Quickie», sinniert Serena und muss beim Gedanken daran lächeln.

«Vielleicht ein Space-Cookie», zieht unser Jahr 2018 in Betracht und biegt in eine kleine Seitengasse ein. Wir sind wieder zurück auf der Erde. Die plötzliche Angst vor der Vergänglichkeit drängt unseren Protagonisten nur noch weiter ab von der Stimmungs-Autobahn.

«Jesus . . . Franz Carl Weber . . . Fondue chinoise . . .», murmelt es neurotisch vor sich hin. «Wer weiss, vielleicht ist es zu spät. Wer jetzt nicht drin ist, der steigt auch nicht mehr ein. Andererseits bin ich in der gottverdammten Schweiz. Hier rennen doch alle noch mit der Arbeit rum bis und mit Heiligabend. Wie machen die das? Aber wen wunderts, diese Verrückten haben sogar mal gegen mehr Ferien abgestimmt . . .» Und in dem Moment fällt der Groschen, fällt tief. Sehr tief. Doppelt so tief wie der Kololli-Graben. Wie Schuppen fällt es ihm von den Augen. Hier wird es seine Weihnachtsstimmung nicht einmal unter einem Mistelzweig mit dem Alain Sutter von 1993 finden.

Nein, das alte, mit Marken-Sportklamotten vermummte, politisch durchgenudelte, verwirrte und vom Borkenkäfer zerlöcherte Jahr geht in diesem Moment von uns. Nach Zypern. Auf einen einsamen Stein am Strand in einer Seestern-Siedlung. Dort, wo so viele Menschen aus fremden Ländern dieses Jahr gestrandet sind. Dort, wo nun festgesteckte Schicksale auch Mittel und Wege finden müssen. Dort, wo Konsumgüter, Frank Sinatra und jener Feierstress ganz weit hinten auf der Prioritätenliste Däumchen drehen.

«Trübsal blasen in Zürich kann jeder. Mache ich mich besser nützlich. Ich reiss mich jetzt zusammen und verteile virtuose Lebkuchen-Canapés und Gratis-Chancen auf ein besseres Leben im Kololli-Graben. Zack, boom!», schreit das Jahr 2018 weit über die Siedlung hinaus. Und noch einmal blickt es hoch zum Sternenhimmel, und da entdeckt es sie wieder, die helle Sternschnuppe. Serena schraubt gerade an irgendeiner filigranen Raumstation-Gerätschaft herum, wirft Serge einen verheissungsvollen Blick zu und schaut dann gedankenversunken und ein bisschen angetörnt durch ein Bullauge zur Erde hinab.

Das Jahr 2018 schreitet los und nimmt sich vor: Meine letzten Tage werden gut.

Ende.

Das war es, meine Damen und Herren, hat ein bisschen ruckartig aufgehört, ich weiss. Aber so ist das mit diesen Jahren. Ich habe dafür nochmals ein paar Häppchen für Sie beim Ausgang bereitgelegt. Das mit den Canapés war ein Flop, das geb ich zu. Während Sie gelesen haben, habe ich ein neues Rezept ausprobiert. Ich nenne es «Tannenzapfen-Sorbé-Hopp-dä-Bäse», nehmen Sie, was Sie kriegen können, geniessen Sie die Festtage und rutschen Sie behände in die Zukunft.

Erstellt: 24.12.2018, 08:18 Uhr

Poetin und Anarchistin


Bild: Sabina Bobst

Lara Stoll, geboren 1987 in Schaffhausen, ist Slam-Poetin, Musikerin und Filmerin. Im Sommer kam ihr Spielfilm «Das Höllentor von Zürich» ins Kino. Zurzeit ist Stoll mit ihrem Soloprogramm «Krisengebiet 2 – Electric Boogaloo» in der Schweiz auf Tour. Man kann sie aber auch für private Anlässe buchen. Für einen Aufpreis von 100 Franken «mit zusätzlich anarchistischem Verhalten».

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