Die sind ja füdliblutt!

Nach #MeToo gibt es im Theater noch immer Nackte zu sehen. Das ist erklärungsbedürftig.

Und die Kinder schauen zu: Milo Raus szenische Überschreibung des Genter Altars. Foto: Michiel Devijver

Und die Kinder schauen zu: Milo Raus szenische Überschreibung des Genter Altars. Foto: Michiel Devijver

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Gewiss, auch im Zeitalter der Internetpornografie und nach allen möglichen Tabubrüchen gibt es noch einige, die in Wallung geraten, wenn Nackte auf Theaterbühnen zu sehen sind. Etwa beim Schweizer Regisseur Milo Rau, der im vergangenen Jahr den Genter Altar, ein berühmtes Tableaubild aus dem 15. Jahrhundert, mit seiner Bühnenversion überschrieb. Dafür liess Rau ein nacktes Paar den Geschlechtsakt andeuten – dem Kinder zuschauten. Das sei «pädophil», meinten einige, sie blieben eine Minderheit.

Alles schon tausendmal gesehen, scheint heute der Tenor zu sein, wenn es um Nackte im Theater geht: Als derselbe Milo Rau 2017 Pasolinis Schocker-Film «120 Tage von Sodom» am Zürcher Schauspielhaus adaptierte und dafür geistig Behinderte in simulierte sexuelle Handlungen verwickelte, blieb nach der Premiere der grosse Skandal aus.

Penisse wie Propeller: Szene aus Jan Fabres «Mount Olympus». Foto: Remy Artiges

Gelangweilte Routine scheint sich allgemein breitgemacht zu haben. Auch unter den Theaterkritikern, von denen sich einige möglichst coole Sprüche ausdachten: Geschlechtsteile seien nicht rezensierbar, meinte mal ein Grosskritiker, zudem zögen sich ja eh immer die Falschen aus.

So etwas zu schreiben, ist chauvinistisch. Aber auch ich als Kritiker habe über Nackte gelacht. Etwa beim Belgier Jan Fabre, der in seinem 24-stündigen Antikenzyklus «Mount Olympus» mehrere Männer durch Hüftschwünge ihre Penisse wie Propeller rotieren liess. Beeindruckende sportliche Leistung, dachte ich im Publikum.

Sex für ein Solo, Psychoterror auf den Proben

Unweigerlich drängen sich bei solchen Nacktszenen Fragen auf: Muss das sein? Machen die das wirklich freiwillig? Ist Nacktheit in Zeiten von #MeToo nicht problematisch? Kann es nicht sein, dass sich jemand auszieht, weil ein Schauspieler oder eine Tänzerin glaubt, dies sei normal – oder weil sie unbedingt mit einem bestimmten Regisseur oder einer Choreografin arbeiten wollen? Tatsächlich keimt seit Bekanntwerden von Harvey Weinsteins Missbrauchsfällen eine Art Generalverdacht auf, der bei Jan Fabre Nahrung erhielt: Von Psychoterror auf den Proben war die Rede. Und von Soloauftritten, für die der 1958 geborene Fabre Sex mit den Tänzerinnen haben wollte.

Fabre bestritt die Vorwürfe. Aber der Verdacht weitet sich aus: Kürzlich ist die erste empirische Studie zum Machtmissbrauch im Theater erschienen. Fast 2000 professionelle Bühnenschaffende hatten dafür einen Fragebogen ausgefüllt. Und die Ergebnisse sind erschütternd: 121 der Teilnehmenden – mehrheitlich waren es Frauen – gaben an, für eine Rolle, ein Engagement oder eine Gagenerhöhung eine sexuelle Gefälligkeit geleistet zu haben. Oder gar von einem Regisseur oder Intendanten dazu genötigt worden zu sein. Insgesamt haben 55 Prozent Formen von Machtmissbrauch erlebt.

Erschütternd sind in der Studie auch die Schilderungen von Übergriffen im Probenalltag – vor allem bei der Arbeit an Nackt- und Sexszenen: «Ich sollte eine Vergewaltigungsszene so spielen, als mache es mir Spass», schreibt eine Schauspielerin. Regisseure würden auf der Probe öfters «den Platz des männlichen Partners übernehmen, um die Liebesszenen vorzuspielen, weil der Partner ja ‹nicht versteht›, was der Regisseur will». Von abfälligen Bemerkungen über Geschlechtsmerkmale ist die Rede. Und wiederholt heisst es, «szenisch» habe man in der geforderten Nacktszene «keinen Sinn gesehen».

Seit #MeeToo habe sich «viel verändert», sagt die Schauspielerin Wanda Wylowa. Foto: PD

«Direkt gezwungen», sich auf der Bühne auszuziehen, sei sie noch nie worden, sagt die Schauspielerin Wanda Wylowa, die aktuell in der SRF-Serie «Seitentriebe» zu sehen ist. Häufig werde Druck «subtiler ausgeübt». Viele Schauspielprofis würden auch befürchten, dass sie Rollen «nicht bekommen, wenn sie sich nicht nackt zeigen wollen». Seit #MeToo habe sich aber gerade in dieser Hinsicht «viel verändert», sagt Wylowa. Vor allem deshalb, weil Schauspielerinnen sich nun vermehrt untereinander austauschen. Etwa an den Treffen des neu gegründeten Vereins FemaleAct (www.femaleact.ch), der sich unter anderem für Gleichstellung im Theater und Film einsetzt. «Wir geben uns Ratschläge und verarbeiten Erlebtes», sagt Wylowa.

Auf feierliche und respektvolle Weise

Der Gesamtarbeitsvertrag sieht vor, dass sich Schweizer Bühnenkünstlerinnen Aufgaben widersetzen können, wenn sie sich diesen nicht gewachsen fühlen. Das gilt auch bei Nacktszenen. «Aber am besten schützt man sich», so Wylowa, «wenn man im Vorfeld klärt, was bei der Arbeit erwartet wird – oder wie die Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, normalerweise mit dem Thema Nacktheit umgehen.»

Entscheidend sei nicht nur die Regie, sondern auch, wer sonst noch an einer Produktion beteiligt sei und mit einem auf der Bühne stehe. Auch die Verantwortlichen fürs Kostüm seien wichtig, «da so ein Austausch einfacher ist», wenn eine umstrittene Szene geprobt werde. Es falle dann leichter, «sich zu solidarisieren» und sich so einer Regie-Idee zu widersetzen.

Selbstverständlich ist nicht alle Nacktheit problematisch. Manchmal ist sie gar wünschenswert. Auch für Schauspielerinnen, um auf eine gesellschaftliche Problematik hinzuweisen, die politisch, gar emanzipatorisch sein kann. So sieht das auch Wanda Wylowa: In einer Antigone-Adaption der US-Amerikanerin Ann Liv Young, die in ihren Produktionen wiederholt Grenzen austestet, zeigte sie ihren nackten Unterleib.

Alle sind am Ende nackt: Szene aus Doris Uhlichs Stück «Every Body Electric». Foto: Alexi Pelekanos

«Ich habe meine Vulva ausgeleuchtet mit einem Scheinwerfer und ein paar Minuten ruhig zur Schau gestellt. Das war meine Idee, eine inhaltliche Setzung, die nichts mit der Eigentlichkeit von Fleisch zu tun hat», also nichts mit Sex und erotischem Begehren. Aber mit einer Utopie – im Sinne der Gender-Philosophin Judith Butler, die den antiken Antigone-Stoff als «abweichende, noch nie da gewesene Zukunft» interpretiert. «Während ich dasass, konnte ich direkt ins Publikum blicken», erzählt Wylowa. «Ich sah vor allem junge Frauen, die sehr glücklich schienen, weil man das weibliche Geschlecht sonst sehr selten sieht – auf so feierliche und respektvolle Weise.»

Respektvolle Feierlichkeit: Darin könnte die Zukunft der Nacktheit auf der Bühne bestehen. In Inszenierungen, die den sexualisierten Blick unterlaufen, also gerade nicht auf Skandal gebürstet sind und damit die Machtstrukturen in unserer Männerwelt reproduzieren. Stattdessen aufzeigen, was nackte Körper alles können – ausser sich Normen und einem sexualisierten Blick zu unterwerfen.

Wie so etwas aussehen kann, war diese Woche beim Festival «Tanz in Bern» zu erleben: Die österreichische Choreografin Doris Uhlich zeigte dort ihr Stück «Every Body Electric». Bestritten wird es von einer Frau und zwei Männern, die alle auf einen Rollstuhl angewiesen sind; einer von ihnen hat keine Beine. Alle sind am Ende nackt. Nicht um ein voyeuristisches Bedürfnis zu befriedigen. Aber um zu zeigen, was sie mit ihren Körpern können, wenn sie die Fettmasse an ihren Rücken und Bäuchen im Rhythmus der Musik in Wellenbewegungen versetzen.

Es gibt da keine Scham, kein Ekel, aber bannende Virtuosität, mit der die drei sich über alle Körpernormen hinwegsetzen – und vom Publikum als das anerkannt werden, was sie sind und können.



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Erstellt: 02.11.2019, 19:25 Uhr

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