Dringend gesucht: Freunde

Geschieden? Neu in der Stadt? Einsam? Wie man wieder Anschluss findet.

Gekaufte Freundschaft lenkt vielleicht für ein paar Stunden ab, Einsamkeit jedoch kann sie nicht heilen. (Illustration: Birgit Lang)

Gekaufte Freundschaft lenkt vielleicht für ein paar Stunden ab, Einsamkeit jedoch kann sie nicht heilen. (Illustration: Birgit Lang)

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20 bis 50 Franken. So viel kostet ein Freund zum Mieten. Pro Stunde, versteht sich. Wer auf der Suche nach einem Gspänli auf der Plattform Rentafriend.ch landet, schluckt erst mal leer. Da gibt es Männer und Frauen, die ihre Freundschaft an­bieten, als wäre es eine Dienstleistung. Wie PC-Support oder Haare­schneiden. Sie preisen sich als einfühlsam an, als gute Zuhörer und sind je nach Bedarf lustig bis tief­sinnig. Wer einen ganzen Nach­mittag befreundet sein will, blättert bis zu 250 Franken hin.

Ist das jetzt eine neue Art von Prostitution? Oder eher die Folge von sozialer Vereinsamung, dass jetzt auch Beziehungen mit einem Preisschild versehen werden? Und wie verzweifelt muss man sein, um auf ein solches Angebot einzugehen? Das Ganze hat auf jeden Fall einen grossen Haken: Gekaufte Freundschaft lenkt vielleicht für ein paar Stunden ab, Einsamkeit jedoch kann sie nicht heilen.

Dieses tiefgreifend negative Gefühl plagt gemäss der Schweizerischen Gesundheitsbefragung rund ein Drittel der Bevölkerung, Frauen öfter als Männer. Laboruntersuchungen zeigen zudem: Bei Einsamkeitsgefühlen sind dieselben Hirnareale aktiv wie bei körperlichen Schmerzen. Anfällig sind wir besonders dann, wenn unser Leben aus den gewohnten Bahnen gerät, sei dies durch eine Trennung, die Pensionierung, einen Jobverlust oder den Umzug in eine neue Stadt. Solche teilweise einschneidenden Brüche, bei denen jeweils auch ein Teil des Umfelds ver­loren geht, kommen in heutigen Bio­grafien relativ oft vor.

Hinter der Wahlfreiheit lauert das Risiko des Scheiterns

«Wir haben zwar immer mehr ­Optionen, wie wir leben wollen. Gleichzeitig müssen wir aber immer öfter unvorhersehbare biografische Veränderungen in Kauf nehmen», sagt die emeritierte Psychologieprofessorin und Generationenforscherin Pasqualina Perrig-Chiello. Hinter all der Wahlfreiheit lauert zudem immer auch das Risiko des Scheiterns. «Umbruchphasen bieten im besten Fall neue Chancen, sie erzeugen aber auch viel Stress und emotionale Unsicherheit.» Und damit muss man erst umgehen lernen.

Dass Neuanfänge enorm anstrengend sind, wissen alle, die sich nach einer Trennung neu organisieren mussten. Ein Teil der Identität hat sich mit der Beziehung verabschiedet. Das emotionale ­Vakuum, das der Partner oder die Partnerin hinterlassen hat, tut noch Monate später weh. Singles fühlen sich deshalb oft einsam, weil ihr engster Vertrauter fehlt. «Frauen und Männer gehen mit dieser emotionalen Einsamkeit sehr unterschiedlich um», sagt Perrig-Chiello. Männer suchen sich nach einer Trennung relativ schnell die nächste Partnerin, weil sie grosse Mühe mit dem Alleinsein haben. Frauen indes versuchen, sich erst einmal allein neu zu verorten.

Wie deprimierend Einsamkeitsgefühle sein können, erfahren auch all jene, die allein in eine neue Stadt ziehen. Oder Menschen, die ihre beste Freundin oder den engsten Freund verloren haben, weil diese nun eine Familie haben oder weil man sich halt auseinanderentwickelt hat. «Bei Lebensübergängen werden Freundschaften oft neu gemischt», sagt Perrig-Chiello. «Wer sich verliebt oder Kinder kriegt, gerät nicht selten in einen Solidaritätskonflikt zwischen dem neuen und dem alten Leben.» Meist gewinnt das neue. Sogar langjährige intensive Freundschaften zerbrechen, weil sie keinen Platz mehr haben. Für die Ver­lassenen ist das natürlich bitter. Viele durchleben dann Phasen, in denen sie am Abend einsam auf dem Sofa sitzen und Panik schieben, dass sie nie mehr eine Vertrauensperson finden, der sie ­mitten in der Nacht ins Telefon heulen können, ohne sich dafür am nächsten Tag in Grund und ­Boden zu schämen.

Bei der Dargebotenen Hand ist man sich solche nächtlichen Telefonate gewohnt. Jeder zehnte Anruf kreist explizit um das Thema Einsamkeit. Allerdings gehören Menschen, die sich nur nach einem biografischen Umbruch wieder fassen müssen, nicht zur Stammkundschaft der Dargebotenen Hand. Zu hoch sei die Hemmschwelle, sagt Geschäftsführer Franco Baumgartner. «Man will nicht zu jenen gehören, die so bedürftig sind, dass sie Fremde um Hilfe bitten müssen.» Dabei zeigt die Erfahrung: «Gerade auch Einsame, die sonst gut im Leben stehen, profitieren von einem Gespräch mit unseren Leuten.»

Wer will denn schon ein Ladenhüter sein?

Wie aber findet man als durchschnittlich komplizierter, netter Mensch wieder Anschluss? Und wo sucht man überhaupt neue Kolleginnen oder gar Freunde, die spontan auf ein Feierabendbier kommen und am Sonntagnachmittag einen Ausflug unternehmen? Es gibt solche Angebote, sogar mehr, als man denkt. Zum Beispiel die Plattformen Sozialkontakt.ch oder – für Frauen – Beste­freundin.ch, auf denen man eine Anzeige schalten kann, wenn man ein Gspänli sucht. Auch bei der Selbsthilfe Schweiz gibt es diverse Gruppen und in mehreren Städten sogar Freizeitangebote. In Winterthur trifft sich beispielsweise die Gruppe 45plus einmal im Monat zum Znacht und zu gemeinsamen Aktivitäten wie Wandern, Minigolf oder Stadtführungen. Rund 35 solcher Angebote sind registriert, ­Tendenz steigend.

Bloss: Einsamkeit gilt in unserer Gesellschaft als äusserst un­attraktiv. Viele müssen deshalb erst die Scham überwinden und sich eingestehen, dass sie einsam sind. Das ist hart. Und demütigend. Man fühlt sich wie der totale Versager, weil man offenbar keinen Anschluss findet. Kommt hinzu, dass Optionen wie «Selbsthilfegruppe» oder «Sozialkontakt» auf den ersten Blick nach Ladenhütertreffen klingen. Will man da wirklich dazugehören?

Roland Huster, Co-Gründer von Sozialkontakt.ch, weiss, dass der Name seiner Plattform schlechte Gefühle weckt. Sozialkontakt wirkt irgendwie randständig. «Es ist aber ein ehrlicher Name, der positiv nachwirkt», ist Huster überzeugt. «Bei Sozialkontakt muss niemand supercool sein, um Anschluss zu finden.» Derzeit habe die kostenlose Plattform 4000 aktive Mitglieder, «monatlich kommen rund 350 Neuanmeldungen hinzu», so Huster. Zwei Drittel seien Frauen, das Durchschnittsalter liege bei 50 Jahren.

Bevor die Mitglieder gemeinsam etwas unternehmen, können sie in einem Chat herausfinden, wer die andere Person ist und ob sie zu einem passen könnte. Die Wünsche sind dabei sehr unterschiedlich. Manche preisen sich als «nette Personen» an, die einfach gern jemanden zum Reden, Spazieren oder Kaffeetrinken hätten. Andere wollen Sport treiben, eine alleinerziehende Mutter sucht andere Mütter mit Kleinkindern, ein Mann wünscht sich einen väterlichen Freund, da sein Vater sehr früh verstorben sei. Ob daraus tatsächlich Freundschaften entstehen oder ob sich das Ganze wieder verläuft, kann Roland Huster nicht sagen. «Ich merke aber, dass das Bedürfnis nach regelmässigem Austausch mit einer Vertrauensperson enorm gross ist.»

Hippe Freizeit-Plattformen senken Hemmschwelle

Nicht alle Vereinsamten haben den Mut, so offen nach neuen Freundschaften zu suchen. Es gibt aber einen einfachen Trick: Je spezifischer man sucht, zum Beispiel nach einem Sport- oder Hobby­-Gspänli, desto weniger muss man zugeben, dass man eigentlich einen Freund braucht.

Hippe Freizeitplattformen wie Meetup oder Spontacts machen es einem besonders leicht. Beide vermeiden das Thema Einsamkeit und setzen stattdessen auf sexy PR-Slang. Meetup etwa hat «eine Mission», nämlich «Menschen dabei zu helfen, durch reale Verbindungen zu wachsen». Das klingt definitiv nicht nach Not. Man kann unverbindlich diversen «Communities» beitreten, die dann zum Beispiel gemeinsam für den Marathon trainieren, Weine testen oder Smartphone-Apps entwickeln. Das neueste Ding im Raum Zürich: Mit anderen Veganern joggen gehen. Das ist sicher alles sehr am Puls der Zeit, aber ob es wirklich gegen Einsamkeit hilft?

Ein bisschen sicher. «Teil einer Gruppe zu sein, etwa im Sportclub oder eben bei Meetup, sorgt für Stabilität», erläutert die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello. «Die meisten werden wahrscheinlich nicht gerade die neue beste Freundin finden, aber sie werden in einer Freizeitgruppe vielleicht ein Zugehörigkeitsgefühl ent­wickeln oder mit jemandem eine geistige Verwandtschaft entdecken.» Darum: Ansprüche herunterschrauben. Und einfach mal machen.



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Erstellt: 23.06.2019, 08:34 Uhr

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