E Troum us Tön

Das Abba-Musical «Mamma Mia!» kommt an die Thunerseespiele und spricht Berndeutsch.

Abba-Fan und mehr: Für die Liebe im Dialekt ist Regisseur Dominik Flaschka ein Spezialist. Bild: Marco Zanoni

Abba-Fan und mehr: Für die Liebe im Dialekt ist Regisseur Dominik Flaschka ein Spezialist. Bild: Marco Zanoni

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Sie hat einen Traum. Und ein Lied, das sie singen kann. Es ist «I Have a Dream» von Abba. Wir kennen natürlich den Titel. Aber wissen doch nie, wie dieser Traum weitergeht. Da hilft auch kein Schulenglisch für das «to help me cope», das folgt, denn hier gibt es eigentlich nichts zu verstehen. So ist es immer in der Musik der schwedischen Popgruppe, der Sound scheint wichtiger zu sein als der Text. Niemand kümmert sich hier um Inhalte, da gibt es nur viel Musik um ein Nichts.

Doch jetzt hören wir, wie Sophie ganz am Anfang von «Mamma Mia!» dieses Lied singt, sie hat für den Traum eine eigene Sprache gefunden: «I ha ne Troum / e Troum us Tön / und ghör’ i dä / wird aues schön.» Auf einmal ist alles da: der Glaube, dass da irgendwo Engel sind, und die Hoffnung, dass alles immer besser wird. Wir beginnen zu verstehen, was die Wörter uns sagen möchten. Das schöne Lied wird damit noch ein bisschen schöner.

Auch Träume lassen sich übersetzen. Das zeigen die Thunerseespiele mit «Mamma Mia!». Zum ersten Mal ist das Musical mit Abba-Songs auf Schweizerdeutsch zu hören. Und es ist, als hätte sich das Berner Oberland in die Geschichte eingeschrieben. Die griechische Insel, auf der Sophie mit ihrer Mutter Donna lebt, liegt im Thunersee. Am Horizont zeigen sich Eiger, Mönch, Jungfrau. Diese Umgebung spricht nicht unbedingt für das Englische.

Am Thunersee glaubt man an «Ängu»

Das «Mamma Mia!»-Griechenland sieht auf der Bühne beim Lido aus wie im Reiseprospekt. Eine Taverne steht da, die Wände sind weiss und blau getüncht. Links und rechts Container, sie tragen Aufschriften wie «D. Queen», «Voulez-vous», «Super Trouper». Das ist die Fracht, die hier angelandet ist, und hingepinselt auf einer kleinen Tafel sind die Namen der Absender: Agnetha, Frida, Benny, Björn, kurz: Abba. So ist auch «Mamma Mia!» um die Welt gezogen, mehr als 60 Millionen Menschen haben das Musical seit der Premiere in London 1999 gesehen. Überall nimmt die Show eine eigene Farbe an, denn in vielen Sprachen kommt sie zur Aufführung. «Mamma Mia!» wird auf Koreanisch, Französisch, Deutsch gespielt. «I Have a Dream» heisst dann «Chanter la vie». Oder «Leb deinen Traum». In Thun aber ist der Traum ein «Troum», man glaubt hier an «Ängu». Das ist viel besser als die Containerware.

«Ich bin sehr skeptisch gewesen, ob das funktioniert», sagt Dominik Flaschka. Der Regisseur bringt «Mamma Mia!» für die Thunerseespiele auf die Bühne und hat auch die Dialogpartien in die Schweizer Umgangssprache übersetzt. Er findet zwar, dass Shakespeare im Original immer schöner sei als jede Übertragung. Aber Abba singen auch nicht «Much Ado about Nothing», sondern oft nur «I do, I do, I do». Und das geht auch gut im Dialekt. Vielleicht wird das Publikum bei den ersten eineinhalb Liedern leicht stutzen und sich fragen, was soll dieser «Troum us Tön»? – wo es eigentlich hiesse: «a song to sing». Und hört dann einfach zu, was diese Lieder erzählen. «Ich finde das läss», sagt Dominik Flaschka.

Brunsli sind für Abba ein Problemwort

Musik ist Erinnerung an das erste Mal, an eine Jugend, die im Zeichen von Abba stand. «Ich habe alle Hits gekannt, mindestens den Refrain konnte ich singen, die Strophen aber nicht», sagt Flaschka. Und so geht es vielen Menschen, sie singen «Dancing Queen» und wissen dann nicht mehr weiter. Da könne man das Musical auch gleich auf Schweizerdeutsch machen, sagt Flaschka.

Dialekt ist mehr als nur eine Nachhilfe in Sachen Textverständnis. Er passt sehr gut zu dieser Geschichte mit all den Abba-Songs, in denen doch so vieles vage bleibt. Und trotzdem hat «Mamma Mia!» eine grosse Dringlichkeit, auf den Punkt werden alle Geschichten gebracht: über Sophie, die zu ihrer Hochzeit drei Männer eingeladen hat, die ihre Väter sein könnten. Über Donna, ihre Mutter, die Sehnsucht nach der Vergangenheit hat. Über die neuen Wege, die sich in der Begegnung öffnen. Jedes Lied, von «I Have a Dream» über «Honey Honey» bis zu «Take a Chance on Me», steht für einen Zustand der Liebe.

Für die Liebe im Dialekt ist Flaschka ein Spezialist. Schliesslich trägt das erfolgreichste Schweizer Musical «Ewigi Liebi» seine Handschrift – wie auch «Dä chli Horrorlade», «De nackti Wahnsinn» oder «The Show Must Go Wrong». Der Dialekt bringt etwas nahe, was unsere eigenen Verhältnisse betrifft. In einem Film wie «Der Verdingbub» muss Schweizerdeutsch gesprochen werden, anders kann die Geschichte nicht erzählt werden. Und es wäre auch komisch, wenn Patent Ochsner auf einmal Hochdeutsch sängen. Nur das Theater ist in der Schweiz noch ein weisser Fleck für Texte in Schweizerdeutsch. Dann sagt man gleich: Volkstheater.


«Mamma Mia» von Abba. Video: Youtube/ABBA


Für das Musical ist ein solcher Ausdruck eine Auszeichnung, es spricht die Sprache der Menschen. Auf der Probe in Thun klingt alles schon ganz natürlich. Der Schweizer Cast ist in seinem Element. Jeder spricht hier, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Nur: Die Zürcherin Gigi Moto spricht wie eine Berner Rosie, und Matthias Arn aus dem St. Galler Rheintal macht den Zürcher. In «Mamma Mia!» wird auch mit den Dialekten gespielt.

Für Lösungen von komplizierten Sachen ist Roman Ricklin zuständig. Der St. Galler Autor und Komponist («Ost Side Story») hat die Songs aus dem Englischen ins Berndeutsche übersetzt. «Es ist eine Arbeit, die ich sehr gerne mache, es ist so eine Art Rätselaufgabe, die genau auf meine handwerklichen Fähigkeiten zugeschnitten ist», sagt Riklin. Denn der Rhythmus wie auch die Reimformen sind vorgegeben. Ganz spielerisch, so scheint es, setzt Riklin die Inhalte in eine andere Sprache um. Doch die Stärke von Abba-Texten liegt nicht in ihrer Originalität oder im Sprachwitz, sie tönen einfach gut und wirken wie geschmirgelt. Auch diesen Sound kann Roman Riklin übersetzen. Die Songs funktionieren wie im Original. Sie behalten auch im Dialekt ihre ungeheure Kraft. Und für viele knifflige Fragen hat Riklin ein elegante Lösung gefunden: «Money Money Money», das im Titel nicht verändert werden darf, reimt sich nun auf «vilich hani», «u de gahn i», «u de stahn i».

Abba lesen mit, was Riklin schreibt. Seine Übersetzungen werden auf Englisch rückübersetzt und geprüft. Möglichst nahe an der Geschichte, aber mit eigenen Bildern, das sind die Vorgaben der Agentur von Abba in London. An den Bildern scheiden sich aber manchmal die Geister. Zwar wäre die Zeile «Bruchsch scho fasch e Waffeschyn» perfekt gewesen für «see that girl, watch that scene» in «Dancing Queen». In einem Abba-Song dürften aber nie Waffen vorkommen, beschied die Agentur – jetzt steht «Jede nimmt en Ougeschyn» im Text. Aber mit Brunsli, dem Wort, das von Abba auch moniert wurde, ist Riklin durchgekommen, er konnte die Vorbehalte entkräften. In «Knowing Me, Knowing You» steht jetzt über die Folgen eines Abschieds: «Nie meh sorglos lache, nie meh Brunsli bache». Das tönt lustiger als im Original. Und ist auch trauriger. Abba im Dialekt eben.

Mamma Mia! Thunerseespiele, 11. Juli bis 30. August. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.06.2018, 19:01 Uhr

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