Ein Arztzeugnis vom Whatsapp-Doktor

Schweizer Patienten können jetzt ärztliche Atteste aus Deutschland beziehen – per Chat-Nachricht.

In fünf Schritten zum Arztzeugnis: Symptome checken, Risiken ausschliessen, Daten eingeben, bezahlen – und schon ist das Arbeitsunfähigkeitszeugnis bereit zum Herunterladen.

In fünf Schritten zum Arztzeugnis: Symptome checken, Risiken ausschliessen, Daten eingeben, bezahlen – und schon ist das Arbeitsunfähigkeitszeugnis bereit zum Herunterladen.

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Wer mehr als zwei Tage krank ist, muss seinem Arbeit­geber in der Regel als Beweis ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis eines Arztes vorlegen. Das geht ins Geld, weil dafür meist ein Besuch in einer Praxis nötig ist. In Zürich zum Beispiel kostet das Ausstellen eines typischen Zeugnisses im Rahmen einer Konsultation ohne weitere Abklärungen mehr als 65 Franken. Ein neues Angebot aus dem Ausland mischt diesen Markt jetzt zünftig auf. Diese Woche kündigte das deutsche Start-up-Unternehmen AU-Schein.de an, eine solche Dienstleistung auch für Patientinnen und Patienten in der Schweiz anzubieten. Und zwar für nur gerade 9 Euro, also rund siebenmal günstiger als in Zürich.

Schritt 1: Symptome checken

Der Clou: Schweizer Patienten müssen für das Zeugnis bloss ein paar Fragen zu ihren Symptomen auf der Website beantworten. Und zum Schluss bescheinigt ein Arzt in Deutschland die Arbeitsunfähigkeit über den Messenger-Dienst Whatsapp. Es gibt also keinen direkten Kontakt zum Mediziner – weder am Telefon noch von Angesicht zu Angesicht.

«Sie sind erkältet. Hier Ihre Krankschreibung»

Wie so ein Chat mit dem Arzt aussehen könnte, zeigt das Pressematerial, welches das deutsche Unternehmen verschickt hat: Der Arzt bedankt sich per Whatsapp-Nachricht beim Patienten für die Übermittlung der Daten. Worauf der Patient zurückschreibt, er habe alles korrekt angegeben. Und schon erhält er das Zeugnis als Bild im Chat übermittelt. Der Arzt hält fest: «Sie sind erkältet. Hier Ihre Krankschreibung. Gute Besserung!»

Der Service, den es seit vier Monaten gibt, kommt gut an. Bereits 5000 Bescheinigungen haben die deutschen Whatsapp-Ärzte bislang ausgestellt. Noch ist der Dienst auf Erkältungen beschränkt – mit einer maximalen Krankschreibung von drei Tagen. Doch schon bald soll es auch Zeugnisse bei Magen-Darm-Grippe, Schmerzen im unteren Rücken und vermutlich bei Heuschnupfen und Migräne geben.

Schritt 2: Risiken ausschliessen

Der Hauptverantwortliche, der die Whats­app-Zeugnisse ausstellt, ist ein Arzt und Heilpraktiker mit eigener Praxis in Hamburg. Hinzu kommen 20 weitere Ärzte, die bei Bedarf hinzugezogen werden können. Dabei handelt es sich um frische Absolventen, Ärztinnen im Mutterschaftsurlaub und pensionierte Mediziner.

Der Kopf hinter dem Unternehmen ist der Hamburger Anwalt Can Ansay. Er ist sich bewusst, dass seine Idee Kritik auslöst. Doch betont er auch, dass es bislang keine Beschwerden wegen Fehldiagnosen gegeben habe. Und die Zeugnisse seien allesamt von den Arbeitgebern und den Krankenkassen akzeptiert worden.

Missbrauch will das Unternehmen verhindern, indem der Dienst pro Patient nur zweimal im Jahr nutzbar ist – das beruht indes auf Selbstdeklaration. Laut Geschäftsführer Ansay gibt es keine Indizien, dass mit dem Angebot geschummelt wird und beispielsweise die Wochenenden verlängert werden. Am häufigsten werde der Service dienstags genutzt.

Schritt 3: Daten eingeben

Trotzdem kommt das neue Angebot bei Schweizer Ärzten schlecht an. «Ein solches Produkt entspricht nicht unseren Qualitätsanforderungen», sagt Yvonne Gilli, im Zentralvorstand der Ärzteorganisation FMH für Digitalisierung/eHealth verantwortlich. Es scheine «kaum seriös zu sein».

So rät die FMH Ärzten grundsätzlich ab, mit ihren Patienten über Whatsapp zu kommunizieren – und zwar «aus datenschutzrechtlichen Gründen». Ärztinnen und Ärzte unterliegen laut Gilli dem Berufsgeheimnis, «und dessen Verletzung ist ein Straftatbestand». Im Weiteren weist Gilli darauf hin, dass ein vergleichbares Angebot von einem Schweizer Anbieter über eine Bewilligung als Medizinalprodukt verfügen sollte.

Eine solche Bewilligung liegt laut Geschäftsführer Ansay weder in Deutschland noch in der Schweiz vor. Sie sei aber auch nicht notwendig, sagt der Unternehmer. Denn nach deutschem und europäischem Recht handle es sich um kein Medizinalprodukt, da keine Daten verarbeitet würden.

Arbeitgeberverband sorgt sich um das Vertrauensverhältnis

Die Frage wird sein, ob die Arbeitgeber solche Whatsapp-Zeugnisse akzeptieren. Gilli sagt dazu: «Wie glaubwürdig ein im Ausland erstelltes Zeugnis ist, muss im Einzelfall beurteilt werden.»

Schritt 4: Bezahlen

Skeptisch ist auch Daniella Lützelschwab vom Schweizerischen Arbeitgeberverband. Sie sagt, grundsätzlich bestehe vonseiten der Arbeitgeber grosses Vertrauen in die Angestellten, wenn es um Zeugnisse bei Bagatell-Erkrankungen gehe. Mit dem Whatsapp-Modell stelle sich aber die Frage, ob dieses Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Ärzteschaft noch gewährleistet sei. Ein Arztzeugnis sei eine offizielle Urkunde, die vom Arbeitgeber akzeptiert werden müsse, «somit hat es auch in qualitativer Hinsicht den gesetzlichen Anforderungen zu entsprechen». Fraglich ist für Lützelschwab, «ob der betroffene Arbeitnehmer die nötige eingehende Beurteilung seines Gesundheitszustands erfährt».

Der Anbieter aus Hamburg dürfte kaum der letzte sein, der versucht, im lukrativen Schweizer Gesundheitsmarkt Fuss zu fassen. Die Ärzteorganisation FMH jedenfalls ist wachsam. Gilli sagt: «Wir werden die Angebotssituation beobachten und nehmen qualitätsbezogen Stellung.»



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Erstellt: 28.04.2019, 10:23 Uhr

Schweizer sind so oft krank wie noch nie

Die Schweizer fehlen wegen Krankheit und Unfall immer öfter bei der Arbeit. Das zeigen Zahlen der Arbeitsvolumenstatistik. 2017 betrug die Absenzenquote im Schnitt über alle Vollzeitstellen hinweg 3,1 Prozent. Dieser Wert war noch nie so hoch. Bei Erfassungsbeginn 2010 waren es noch 2,8 Prozent. Die Quote besagt, dass von der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit 3,1 Prozent nicht geleistet wurden. Heruntergebrochen auf eine Arbeitsstelle, sind das 59 Stunden oder rund sieben Tage pro Jahr. Einen Einfluss auf den Anstieg der Quote hat die Zunahme von psychiatrischen Diagnosen. Auch starke Grippewellen wirken sich aus. (db)

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