Ein Dorf sucht hinter Gittern den Frieden

Im ­freiburgischen Giffers wird ein Bundesasylzentrum eröffnet, gegen das sich die ­Bevölkerung heftig gewehrt hatte. Was bleibt vom Widerstand?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Lacher, es wird der einzige bleiben, kommt bei den Toiletten. Nun wolle er seinen Besuchern etwas Besonderes zeigen, sagt der künftige Leiter des Asylzentrums und wirkt ein bisschen stolz: Die Flüchtlinge werden sich hier auf türkischen Toiletten erleichtern können. «Das kommt rund 70 Prozent der Bewohner entgegen.» Jemand räuspert sich, «Entschuldigung, was sind türkische Toiletten?». «Zum huure», antwortet der Betriebsleiter; «Da kannst du keine Zeitung lesen», wirft ein anderer ein. Gelächter.

Der Scherz löst die Anspannung, wenigstens für einen Moment. An diesem Samstagmorgen führen Beamte des Staatssekretariates für Migration (SEM) Freiburger Lokalpolitiker durch das neue Bundesasylzentrum in Giffers FR, gemeinsam mit der privaten Firma ORS, die den Betrieb leiten wird. Die Guglera, so heisst der Betonklotz auf einer Anhöhe ausserhalb des Dorfes, war früher ein Seminarzentrum und betreute unter anderem Jugendliche, die keine Lehrstelle fanden.

Nächste Woche ziehen hier die ersten Asylsuchenden ein, und die Gemeindeammänner und Grossräte, die jetzt zwischen Kajütenbetten und Kleiderspinden stehen, sparen nicht mit kritischen Fragen. Wie viele Asylsuchende tauchen unter? Wohin wenden wir uns bei Problemen? Und darf man Autostöpp­ler noch mitnehmen?

Kuhglocken gegen das ­Bundesasylzentrum

Vor den Kajütenbetten und den türkischen Toiletten hatte der Betriebsleiter die Gruppe in die Gastroküche geführt, wo die Chromstahlspüle noch unberührt glänzt. «Den Zmorge kann man sich vorstellen wie im Jubla-Lager: Brot, Butter, Konfi.» Er meint: kein Luxus, kein Chichi. «Und wichtig: Das wird kein Hotelbuffet, die Asylsuchenden müssen mithelfen.» Zustimmendes Nicken bei den Anwesenden, «Aber was ist mit denen, die kein Schweinefleisch essen?». Wird hier nicht gekocht. «Wie hoch ist das Cateringbudget pro Person und Tag?» Unter zehn Franken. Falls sie gewisse Fragen unnötig finden, lassen sich das die Verantwortlichen nicht anmerken, sichtlich bemüht, den Besuchern ihre Vorbehalte zu nehmen.

Für den Bund ist heute ein wichtiger Tag. Dieses Mal sollen keine Bilder im Fernsehen kommen wie im Februar 2015. Damals gab Bern den ersten Standort für eines der geplanten 18 Bundesasylzentren bekannt: Es war Giffers, das hier «Güfersch» heisst. Ein Dorf im freiburgischen Sensebezirk, eingebettet in eine liebliche Hügellandschaft, 1500 Einwohner, zwei Restaurants, eine Feldschützengesellschaft, ein Landfrauenverein. Und nun ein Asylzentrum mit rund 250 Plätzen. Fast tausend Einwohner nahmen am Infoabend des Bundes teil. Eine Treichelgruppe heizte ein, die Kritik verschärfte sich mit jedem Redner, der Gemeindepräsident musste sich später für seine Wortwahl («Asylanten-Tsunami») entschuldigen.

«Unser idyllisches Leben in Giffers wird ab nächster Woche gestört.»Ruedi Vonlanthen, FDP-Grossrat

Einer wetterte besonders laut: Ruedi Vonlanthen, FDP-Grossrat aus Giffers. Ein SRF-Dokfilm zeigt ihn an jenem denkwürdigen Infoabend, wie er von «unechten Flüchtlingen» spricht, die «unser Sozialsystem untergraben», später stimmt er das «Sensler Lied» an: «Härgott, Härgott, mach um üsers Ländli i der Not as Wändli, dass üs niemer d’Heimat stiehlt, die üs Sensler z’Läbe gilt.» Einige Gifferser gratulierten Vonlanthen dafür, dass er ausspreche, was vielen durch den Kopf gehe – andere schämten sich für das Bild, das ihr Dorf im Rest der Schweiz abgab.

Natürlich ist Ruedi Vonlanthen heute auch hier. Er will das neue Bundesasylzentrum sehen. Ein gedrungener Mann, mit dem man keine zehn Meter weit kommt, ohne dass ihm jemand auf die Schulter klopft, «Sälü» hier, «Ça va?» dort. Er ist in Giffers aufgewachsen, war während 20 Jahren Gemeindepräsident, und so wie andere Leute Briefmarken sammeln, häufte er Ehrenmitgliedschaften und OK-Ämter an.

«Unser idyllisches Leben in Giffers wird gestört»

Vonlanthen ist ein zuvorkommender Mann, der sich entschuldigt, wenn er nicht sofort zurückruft, weil er gerade seine Enkel hütet. Als Erstes sagt der 63-Jährige, was an diesem Tag viele wiederholen werden: «Wir wurden vom Entscheid überrumpelt.» Der Bund habe Giffers ohne Mitspracherecht vor ein «Fait accompli» gestellt. In der Tat hatte die Gemeinde keine Handhabe, auf demokratischem Weg das Asylzentrum zu verhindern. Denn der Bund kaufte die Liegenschaft einem Privaten ab, der mit dem Seminarzentrum Guglera in finanzielle Nöte geraten war. Der ehemalige Besitzer wohnt mittlerweile nicht mehr im Dorf.

Vonlanthen sagt, seine Wut richte sich nicht gegen die Flüchtlinge, sondern gegen den Mann, der die Guglera hinter dem Rücken der Dorfbevölkerung verkauft habe. Aber ja, räumt er dann ein, «natürlich haben wir die Flüchtlinge nicht gesucht»! Es seien zu viele für das kleine Giffers; er befürchtet Vandalismus, Diebstähle, hat Angst um die Frauen und Kinder im Dorf. «Unser idyllisches Leben in Giffers wird ab nächster Woche gestört.» Nein, direkten Kontakt mit Asylbewerbern habe er noch nie gehabt. Woher er wisse, dass sie kriminell seien? «Aus den Medien.» Wie er reagieren wird, wenn er im Dorfladen auf einen der Neuankömmlinge trifft? «Kein Problem, dann plaudere ich mit ihm.»

Immer wieder blitzt er auf, der zeternde Scharfmacher aus dem Fernsehen. Doch benennt Vonlan­then Ängste, die viele Gifferser beschäftigen. Flüchtlinge kennen die meisten hier nur aus dem Fernsehen, 7 Prozent beträgt der Ausländeranteil im Dorf. Die Unsicherheit wuchs zusätzlich, als bekannt wurde, dass ein Ausreisezentrum entsteht: In der Guglera werden vor allem abgewiesene Asylbewerber leben, die einzig darauf warten, die Schweiz zu verlassen.

Trotz Differenzen miteinander geredet

Die Menschen aus Giffers und den umliegenden Dörfern reagierten unterschiedlich: Einige zündeten Mahnfeuer an, andere wollten eine Bürgerwehr aufbauen. Die Leserbriefspalten in der Lokalzeitung füllten sich. Jene, die dem Asylzentrum positiv gegenüberstanden und erst kaum gehört wurden, gründeten eine IG Flüchtlinge willkommen im Sensebezirk. Eines aber verband die beiden Lager, und vielleicht ist es das, was diese Geschichte ermutigend macht: Sie redeten miteinander, trotz aller Meinungsunterschiede.

Das erwähnt auch Barbara Büschi, stellvertretende SEM-Direktorin, in ihrer Rede. «Wir haben ja nicht so gut angefangen», sagt sie und benennt damit selbstironisch die heftige Kritik, die auch ihr an jenem Februarabend entgegenschlug. Was aber nicht gezeigt worden sei am Fernsehen: dass man auch nach diesem hitzigen Abend bei einem Bier zusammengesessen und diskutiert habe.

Und es waren andere, die mit ihrem Widerstand gegen das Asylzentrum die Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Im Herbst 2016 setzten Unbekannte die leer stehende Guglera unter Wasser, später bekannten sich Anonyme aus der linksautonomen Szene zur Tat: «Ausschaffungslager Giffers sabotiert» war auf der einschlägigen Onlineplattform Indymedia zu lesen. Selbst Kritiker des Asylzentrums verurteilten in Leserbriefen diesen Sabotageakt.

Tanzen und Vita-Parcours reparieren mit Flüchtlingen

Wenige Tage bevor die ersten Asylsuchenden in die Guglera einziehen, scheint es, als hätten sich die meisten Gifferser an den Gedanken gewöhnt. Zumindest jene, die nun, es ist bald Mittag, zur öffentlichen Besichtigung ins Asylzentrum strömen. Es gibt Chips und Weisswein, einige tragen Tschoope, andere haben Stalldreck an den Schuhen. Der Seisler brauche halt ein bisschen mehr Zeit, sagt einer. Jetzt schauen wir mal, wie es läuft, findet ein anderer. Und immer wieder: «Wir wurden überrumpelt.»

Eine Kritik, die Magdalena Waeber nachvollziehen kann. Die 23-jährige Studentin der Sozialpolitik steht am Infostand der IG Flüchtlinge willkommen im Sensebezirk, zur Begrüssung gibt sie drei Küsschen. Freiwillige haben Kuchen gebacken, im Spendentopf liegt eine Fünfzigernote. «Die extremen Emotionen sind verschwunden – zumindest in der Öffentlichkeit», sagt Waeber. Die Skepsis habe sich gelegt, «aber wenn etwas passiert, sind die Kritiker schnell wieder da».

«Das Bild, das jetzt viele von meiner Heimat haben, entspricht nicht der Wahrheit.»Magdalena Waeber, Studentin

Waeber und andere Freiwillige der IG wollen Aktivitäten für die Asylbewerber anbieten, auf einem Flipchart werden heute Ideen gesammelt: «Tanznachmittag» steht da, «Bibel lesen» oder «Reparatur Vita-Parcours»; und was wohl die Zeile auf Arabisch bedeutet? Sie wisse aus eigener Erfahrung, wie bereichernd der Kontakt mit Flüchtlingen sei, sagt Waeber, die in Freiburg Asylsuchende in Deutsch unterrichtet. Den Sensebezirk erlebe sie als offen und menschlich. «Das Bild, das jetzt viele von meiner Heimat haben, entspricht nicht der Wahrheit.»

Das Bild, das sich nun vor dem Asylzentrum zeigt, stimmt immerhin schon versöhnlich. Mittlerweile wärmt die Nachmittagssonne, im Festzelt holen sich die Besucher Kalbsbratwurst und Kartoffelsalat, Kinder rennen umher; eine Stimmung wie an einer Frühlingsmesse. Wäre da nicht der hohe Zaun um das Gebäude, dessen abgeschrägte Seite nach aussen zeigt: Er ist zum Schutz der Asylsuchenden da. Ruedi Vonlanthen, der Kritiker, steht Seite an Seite mit Barbara Büschi, der SEM-Vertreterin. Er hoffe, seine Ängste seien unbegründet, hatte er zuvor im Gespräch gesagt. Und: Er korrigiere sich gerne in einem Jahr. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 31.03.2018, 21:06 Uhr

18 Zentren in der Schweiz

Die Bundesasylzentren sind Folge eines Volksentscheides: Im Sommer 2016 stimmten die Stimmbürger einer Vorlage für beschleunigte Asylverfahren zu. Ab kommendem Jahr werden nun in der ganzen Schweiz Bundesasylzentren mit insgesamt über 5000 Plätzen betrieben. Das Ziel ist, Asylgesuche deutlich schneller abzuwickeln, indem alle an einem Verfahren Beteiligten unter einem Dach arbeiten. Nach maximal 140 Tagen sollen die meisten Gesuche künftig abgeschlossen sein. Verbindlich festgelegt sind heute 15 Standorte der 18 geplanten Bundesasylzentren. In Giffers läuft ab nächster Woche ein Pilotbetrieb mit 130 Asylsuchenden. Im Frühling 2019 wird der reguläre Betrieb mit maximal 250 Asylsuchenden starten. Für die Bevölkerung gibt es eine 24-Stunden-Hotline.

Artikel zum Thema

Tiefe Asylzahlen führen zu neuen Problemen

SonntagsZeitung Die Asylzentren des Bundes sind nur zur Hälfte belegt. Das treibt die Kosten auf bis zu 350 Franken pro Unterbringungstag. Mehr...

Wie Kantone bei minderjährigen Flüchtlingen sparen

In Luzern randalierten Asylsuchende wegen Taschengeldkürzungen. Knapp ist das Geld auch andernorts. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Best of Homestory: Zu Besuch bei zwei Ästheten

Tingler Wir brauchen mehr Steuern!

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...