Ein Skandal, dass Greta keine Chance hat

Greta Gerwig drehte mit «Little Women» den coolsten Film der Saison, wurde bei den Oscars aber schnöde übergangen.

«Er gibt diesen Frauen sanft, aber bestimmt ihre Träume zurück»: Regisseurin Greta Gerwig, 36, über ihren Film «Little Women»

«Er gibt diesen Frauen sanft, aber bestimmt ihre Träume zurück»: Regisseurin Greta Gerwig, 36, über ihren Film «Little Women» Bild: Jody Rogac/»The New York Times»/Re/Redux/laif

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Greta Gerwig, was wollen Sie mit ihrem neuen Film? Sie schweigt. Und antwortet dann trocken: «Die Weltherrschaft». Aha. «Little Women» ist ein 150 Jahre altes amerikanisches Buch über vier Schwestern, im englischsprachigen Raum kennt es jedes Kind. Es wird immer wieder gerne verfilmt, es existieren Versionen mit Elizabeth Taylor und Katharine Hepburn, eine weitere mit Winona Ryder, es gibt TV-Serien, auch ein japanisches Anime ist beliebt. Jetzt hat sich Greta Gerwig der uralten Geschichte angenommen. Und sagt nochmals, im Stil eines James-Bond-Bösewichts: «Die Weltherrschaft!»

Was für eine coole Antwort. Ihr Film wirkt auf den ersten Blick altmodisch mit seinen prächtigen Dekors und Kostümen. Aber bald wird klar: Er ist frisch, modern und birgt so viel Zündstoff, dass ihm bald die ganze Welt zu Füssen liegen sollte. Die Kritiken sind hervorragend, «Little Women» ist als bester Film für die Oscars nominiert, Hauptdarstellerin Saoirse Ronan und Nebendarstellerin Florence Pugh sind es ebenfalls. Und als Drehbuchautorin ist Greta Gerwig ebenfalls auf der Liste.

Trailer zu «Little Women». (Sony)

Und doch haftet all dem ein Makel an. Nein, Makel ist eine Untertreibung: Es ist ein Skandal, dass Greta als Regisseurin übergangen wurde. Nominiert in dieser Kategorie sind, wie fast immer, fünf Männer. Was ist da los? Eine Spurensuche mit den Beteiligten.

Greta Gerwig: Lady Bird, Lady Bird

Gegen 450 Männer sind bis jetzt für einen Regie-Oscar nominiert worden, aber nur fünf Frauen (und eine einzige Regisseurin, Kathryn Bigelow, hat je gewonnen). Mit ihren 36 Jahren gehört Greta Gerwig bereits zum erlauchten Kreis dieser Fünf, sie schaffte es 2017 mit ihrem Erstling «Lady Bird», der biografisch angehauchten Geschichte einer jungen Frau aus Sacramento, die aus dem Elternhaus ausbricht. «Ja, Preise sind wichtig», sagt sie dazu, «aber nicht für mich, sondern für den Film.»

Greta Gerwig begann ihre Karriere als Schauspielerin. Rasch wurde sie zur Ikone des sogenannten Mumblecore, einer Kinobewegung mit kleinen Budgets und improvisierten Dialogen. Bald wurden ihre Projekte als Schauspielerin grösser, «Greenberg» war der erste Film mit ihrem jetzigen Lebenspartner Noah Baumbach, mit dessen «Marriage Story» es jetzt am 9. Februar bei den Oscars zur Paar-Konkurrenz kommt. Noch bevor sie «Lady Bird» drehte, nahm sie aber bereits das «Little Women»-Projekt in Angriff. Sie schlug das Projekt der damaligen Sony-Chefin Amy Pascal vor, und zwar so eindringlich, dass sie schliesslich den Zuschlag erhielt.

Die Erfahrungen des zähen Verhandelns um ein Projekt spiegeln sich auch in «Little Women», der Film beginnt und endet mit dem Besuch bei einem Verleger: Jo March, die unabhängigste der Schwestern, versucht dort eine Kurzgeschichte und später einen Roman zu platzieren. «Für mich ist ‹Little Women› eine Liebesgeschichte zwischen einer angehenden Schriftstellerin und ihrem Buch», sagt Greta Gerwig. Gespielt wird die Schriftstellerin von Saoirse Ronan, die schon bei «Lady Bird» ihr Alter Ego war. «Ihr Gesicht könnte ich stundenlang anschauen», sagt die Regisseurin. «Darum war für mich von Anfang an alles klar.»

Saoirse Ronan: Ich will das Steak!

«Falsch», sagt Saoirse Ronan, «Greta hat mich nicht ausgewählt. Ich habe mich aufgedrängt und ihr gar keine Wahl gelassen.» Sobald sie gehört habe, dass als nächstes die Verfilmung von «Little Women» anstehe, sei sie zu Greta Gerwig gerannt, die an irgendeiner Preisverleihung von Leuten umringt war. Sie habe ihr auf die Schulter getippt. Und ihr gesagt: «Ich bin Jo March. Klar?» Aber die Regisseurin habe eine ganze Woche gewartet, um ihr zuzusagen, sagt sie fast ein wenig beleidigt.

Das ist nicht einfach Koketterie. Die hat Saoirse Ronan gar nicht nötig, schliesslich hat die irische Schauspielerin, seit sie als 13-Jährige in der Ian McEwan-Verfilmung «Atonement» bekannt wurde, oft genug bewiesen, wie gut sie ist. Sie will damit betonen, wie wichtig es ihr war, diese bestimmte Rolle aus ihrem Lieblingsbuch zu verkörpern. «Wir Iren sind ja normalerweise ganz anders», sagte sie zur Verdeutlichung, «wenn meine Mutter ins Restaurant geht, sagt sie nicht: ‹Ich will das Steak›, sondern, ‹Entschuldigung, wäre es möglich, wenn es nicht zu viel Umstände macht, ein Steak zu bekommen? Ich aber sagte erstmals in meinem Leben: ‹Ich will.›»

Florence Pugh: Das Böse ausgetrieben

Saoirse Ronan ist nicht die einzige. «Little Women» ist exzellent besetzt. Emma Watson, fern von «Harry Potter», spielt die schöne, aber oberflächliche Meg March. Laura Dern die Mutter. Meryl Streep die Tante («als sie zugesagt hatte, ging vieles leichter», sagt Greta Gerwig). Und die Rolle der Jüngsten wird von Florence Pugh verkörpert. Diese Amy March wird in der Regel als «die böse Schwester» wahrgenommen: «Mir macht es Spass, Figuren zu spielen, die von allen gehasst werden», sagt die Engländerin, die gerade im Horrorfilm «Midsommar» leiden musste.
Mama March (Laura Dern) und ihre Töchter (von oben): Jo (Saoirse Ronan), Amy (Florence Pugh), Meg (Emma Watson) und Beth (Eliza Scanlen).

Gehasst? Das Verrückte: Die böse Schwester ist in der Version von Gerwig ebenfalls liebenswert. Das hat viel mit der schauspielerischen Wucht der Darstellerin zu tun. Aber auch mit der Konzeption des Films. Florence Pugh: «Meist ist es nur eine Liebes-Dreiecksgeschichte zwischen zwei Schwestern und einem Nachbarn. Greta stellt wirklich die Wünsche der jungen Frauen ins Zentrum.»

Louis Garrel: Quotenmänner

Und die Jungs? Der Amerikaner Timothée Chalamet ist der Nachbar, über den Greta Gerwig den schönen Satz sagt: «Er weiss nicht, ob er eine der Schwestern heiraten will. Oder eine der Schwestern werden will.» Und der Franzose Louis Garrel spielt den europäischen Lehrer – im Buch ist er Deutscher – Friedrich Baehr, der das Leben von Jo March ebenfalls kreuzt.

«Wenn man als Schauspieler einen Regisseur trifft, merkt man innerhalb von Sekunden, ob diese Person etwas zu sagen hat», sagt Garrel, dessen Vater Philippe selber ein bekannter Filmemacher ist. Und: «Ich kenne Greta von beiden Kontinenten. In Europa wirkt sie wie eine Amerikanerin. Und in den USA wird sie oft als Europäerin wahrgenommen. Und als Europäerin muss sie wissen, dass Oscarnominationen nicht das wichtigste sind. Sondern der Film selber.»

Greta Gerwig: Alle Preise für sie

Der Film ist lustig und traurig, Tränen fliessen auch bei Menschen, die sonst kaum Weinen im Kino. Er ist feministisch, wobei Greta Gerwig sofort sagt: «Es ist der Feminismus der Autorin Louisa May Alcott. Das schöne daran: Er etabliert keine Hierarchien und ist überhaupt nicht didaktisch. Sondern gibt diesen Frauen sanft, aber bestimmt ihre Träume zurück.»

Das alles würde aber nicht so gut funktionieren, wenn Greta Gerwig die uralte Geschichte der kleinen Frauen nicht neu aufmischen würde. Erstmals in all den Verfilmungen springt «Little Women» zwischen den Zeitebenen hin und her. Einen kleinen Moment lang ist dies verwirrend. Aber es funktioniert, die emotionalen Höhepunkte können so besser verknüpft werden. Und es mündet in einen wirklich überraschenden und doppelbödigen Schluss.

«Ich wollte alles explodieren lassen und wieder zusammensetzen», sagt Greta Gerwig. Explosionen? Zusammensetzen? Jawohl, die Weltherrschaft für diese Regisseurin! Und alle Preise dazu.

«Little Women»: ab Donnerstag im Kino



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Erstellt: 26.01.2020, 19:45 Uhr

«Little Women» im Lauf der Zeit

1868 Die Autorin Louisa May Alcott (1832–1888) veröffentlicht den ersten Band von «Little Women». Es geht darin um Erinnerungen an ihre Kindheit in Concord im US-Bundesstaat Massachusetts.


1869 «Little Women» ist ein Erfolg. Das Buch wird zwar als Jugend-literatur wahrgenommen, aber auch von grossen Zeitschriften besprochen. Alcott schiebt sofort einen zweiten Band nach, weitere folgen. Einer heisst «Little Men».

1912 Uraufführung einer Broadway-Produktion. 1917 und 1918 haben die ersten Verfilmungen Premiere. Sie gelten als verschollen.

1927 Welches Buch hat Sie am meisten beeinflusst? Diese Frage beantworten US-High-School-Absolventen mit «Little Women». Auf Platz zwei folgt die Bibel.

1933 George Cukor dreht die erste erhaltene Filmfassung. In der Rolle der rebellischen Schwester Jo March: Katharine Hepburn.


1949 Eine neue Filmversion entsteht. Darin spielt Newcomerin Janet Leigh die fügsame Schwester Meg. Und Elizabeth Taylor das egoistische Nesthäkchen Amy.

1973 In der «New York Times» erscheint der Artikel «Does ‹Little Women› belittle women?», in dem diskutiert wird, ob das Buch reaktionär oder fortschrittlich sei. Dieser Artikel tendiert zu ersterem, die selbstbestimmte Jo March wird aber später immer wieder als feministisches Vorbild gepriesen.

1987 Auch in Japan ist das Buch sehr beliebt, es gibt verschiedene Animationsserien, die Titel tragen wie «Geschichten vom jungen Gras». Das bekannteste Anime wird auch bei uns als «Eine fröhliche Familie» am Fernsehen ausgestrahlt.


1994 Erstmals führt mit der Australierin Gillian Armstrong eine Frau Regie. Winona Ryder spielt Jo March in dieser Verfilmung, die bei uns als «Betty und ihre Schwestern» bekannt wurde.

2018 Zum 150-Jahr-Jubiläum erscheinen zahlreiche Publikationen zu «Little Women». Das wiedergeborene – oder nie erloschene – Interesse öffnet schliesslich den Weg zur Neuverfilmung von Greta Gerwig.«»«»«»

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