Eine Spritze für möglichst viele Likes

Die Zahl der Schönheits-OPs erreicht ein Rekordhoch – auch wegen junger Influencer. Jetzt sollen keine Minderjährigen mehr operiert werden.

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Üppige Brüste, grosser Po, schmale Taille und vor allem: voluminöse Lippen. Amerikanische Stars wie Kim Kardashian oder Kylie Jenner verkörpern zunehmend auch für junge Frauen in der Schweiz ein Schönheitsideal. Doch Mutter Natur hat kaum jemanden so geschaffen, auch die Influencer nicht. Diese zeigen aber ihren Millionen von Fans, wie es dennoch möglich ist: Man lässt sich einfach «schön machen».

So sein wie die berühmten Influencer, die mit ihrem Aussehen Geld verdienen, das möchte auch die 16-jährige Michellemelody. So nennt sich die kürzlich von SRF porträtierte Schweizerin auf Instagram. Fast täglich stellt sie Bilder von sich ins Netz. Michelle am Meer, Michelle in Budapest, Michelle in Nizza oder auch mal daheim im Zimmer. Immer stark geschminkt, mit falschen Wimpern, Fingernägeln, Haaren. Und mit aufgespritzten Lippen. «Ich gefalle mir so einfach viel besser», sagt sie im Gespräch.

Jährlich steigt die Zahl der Eingriffe um 4 Prozent

Weltweit nehmen die Schönheitsoperationen zu, auch in der Schweiz. Beim Verband Swiss ­Plastic Surgery schätzt man das Wachstum auf jährlich 4 Prozent, aktuell geht man von 60'000 kosmetischen Eingriffen pro Jahr aus. Exakte Statistiken fehlen jedoch. Typischerweise sind es nicht mehr ältere Damen, sondern junge Frauen, die sich einen schöner modellierten Körper und ein makelloses Gesicht wünschen.

Mehrere Stunden täglich wendet Michellemelody für ihr Aussehen auf. Hofft, eines Tages davon zu leben, indem sie für grosse Kosmetikfirmen werben darf. Eifrig schreibt sie Marken an. Noch hat die 16-Jährige erst wenige Werbeaufträge. Unter anderem von einer Walk-in-Beautypraxis, die ihr alle paar Wochen die Lippen mit Hyaluron-Säure auffüllt. Gratis. Im Gegenzug schreibt die junge Frau auf ihrem Profil, wie toll die Firma sei. Ihre Lehre hat sie vor drei Monaten gekündigt. «Der Betrieb wollte, dass ich mein Profil auf Instagram lösche», erzählt sie, «das fand ich blöd.»

Im Gegensatz zur EU sind Schönheitseingriffe in der Schweiz schon ab 16 erlaubt, wenn die Eltern einwilligen. Für Swiss Plastic Surgery ist klar, dass rein kosmetische Eingriffe nur für Volljährige sein sollten. «Aber immer mehr Ärzte, die oft nicht Mitglied sind, halten sich nicht daran», sagt Vizepräsident Yves Brühlmann. Hinzu kommt: Jeder Arzt kann sich Schönheitschirurg nennen, weil dies kein geschützter Titel ist. «Für den Patientenschutz wäre es sicher ein Vorteil, wenn kosmetische Prozeduren von qualifizierten Doktoren gemacht werden und nicht von selbst ernannten Schönheitschirurgen», sagt Brühlmann. Mit der gestiegenen Nachfrage und Konkurrenz sei auch die Zahl «schwarzer Schafe» gestiegen.

«In gewissen Situationen, und dazu gehört der Schönheitswahn, müssen Jugendliche und ihre Eltern vor sich selber geschützt werden.»Ruth Humbel, CVP-Nationalrätin

Das stellt auch Christoph Schänzle, Chefarzt für Dermatologie an den Pallas-Kliniken, besorgt fest. «Wöchentlich drängen neue Anbieter in den Markt und hoffen, das schnelle Geld insbesondere mit jungen Frauen zu verdienen», sagt er. «Ein Körper ist mit 16 Jahren noch nicht ausgewachsen. Und oft sind sich Teenager der Tragweite eines Eingriffs nicht vollständig bewusst.» Auch für Schänzle steht fest: Schönheitseingriffe ohne medizinischen Grund sollten erst ab 18 Jahren erlaubt sein.

Eine breite Front unterstützt die Forderung. «Adoleszentenkrisen können dazu führen, dass Jugendliche, aber auch überforderte Eltern zu Operationen drängen, ohne sich der Ursache des Leidensdruckes bewusst zu sein», sagt Yvonne Gilli, Grünen-Nationalrätin und Mitglied des Zentralvorstands des Ärzteverbands FHM. «So gesehen, können Operationen einen grossen Schaden verursachen.» Auch CVP-Nationalrätin Ruth Humbel sagt: «In gewissen Situationen, und dazu gehört der Schönheitswahn, müssen Jugendliche und ihre Eltern vor sich selber geschützt werden.» Sie verlangt eine Aufklärungskampagne sowie eine Präzisierung der Charta zur ärztlichen Berufsethik. «Ärzte müssen sich verpflichten, sich zum Schutz von Minderjährigen gegen den Schönheitswahn einzusetzen und keine rein kosmetischen Eingriffe an ihnen vorzunehmen.»

Zwar gehören Brustvergrösserung und Fettabsaugen noch zu den häufigsten Gründen, warum sich Frauen unters Messer legen. Allerdings werden nicht operative Eingriffe beliebter. Darunter fällt das Auffüllen von Lippen mit Hyaluron-Säure. Schönheitschirurgen registrieren allein im letzten Jahr eine Zunahme von 20 Prozent.

600 bis 1000 Franken für Lippenunterspritzung

Hyaluron-Säure gilt unter schmollmundigen Influencern als Wunderwaffe. Die Säure besteht aus Zuckermolekülen und bindet Wasser. Injiziert man sie in den Rand der Lippen, schwellen sie an. Doch: «Es braucht anatomische Kenntnisse, um die Nadeln richtig zu platzieren», sagt Dermatologe Schänzle. Sonst könne es zu Infektionen kommen. Studien beschreiben auch Fälle von Erblindungen.

«Die richtige Dosierung ist entscheidend», sagt Schänzle. Werde die Gesichts-Arithmetik nicht beachtet, entstünden diese «artifiziellen Schlauchbootlippen». «Und das ist einfach nur schrecklich.» Zwischen 600 und 1000 Franken kostet eine seriöse Lippenunterspritzung, die bis zu zwölf Monate anhält. Anders als Botox gilt Hyaluron-Säure nicht als Arzneimittel, sondern als Medizinprodukt.

Zwar dürfen es nur Ärzte verabreichen, wenn die Wirkung länger als 30 Tage halten soll. Ob sich Kosmetikerinnen oder Beauty-Salons auch daran halten, ist unklar. Kantonale Gesundheitsdirektionen werden erst aktiv, wenn sie eine Beschwerde erhalten. Bei der Vereinigung der Kantonsärzte ist das Spritzen von Hyaluron-Säure immer wieder Thema. «Es stellen sich Fragen zur sorgfältigen Berufsausübung bei der Anwendung dieser nicht harmlosen Substanzen», sagt Präsident Rudolf Hauri. Die obligatorische Krankenkasse zahlt keine Schönheitseingriffe. Müssen Fehler korrigiert werden, geht dies aber sehr wohl zulasten der Grundversicherung.

Perfekte Bilder setzen ­Jugendliche unter Druck

87 Prozent der Schweizer Teenager haben ein Profil auf Insta­gram. Die Folge: Für viele ist die Selbstdarstellung zur Obsession geworden. Und kann so weit gehen, dass der Selbstwert allein von Likes und Klicks abhängt. Yvonne Haldimann, Projektleiterin von Jugend und Medien des Bundesamts für Sozialversicherung, sagt: «Die omnipräsente Darstellung eines vermeintlich perfekten Lebens von Gleichaltrigen und Stars ist eine der Hauptursachen für psychischen Druck bei Jugendlichen.»

Was treibt Teenager an, Schönheitsidealen nachzueifern, die wenig oder nichts mit einem natürlichen Körper gemein haben? «Die Suche nach Anerkennung», sagt Haldimann. Es sei wichtig, dass Eltern die Kinder eine kritische Auseinandersetzung mit den Web-Realitäten lehren und ihnen helfen, den Selbstwert anderweitig zu stärken. Die Gesundheitsförderung Schweiz hat in zahlreichen Kantonen Projekte lanciert, damit Schüler die Kompetenz erlangen, sich von unrealistischen Werbeidealen distanzieren zu können. Dies sei wichtig, sagt Heidi Hanselmann, Gesundheitsvorsteherin des Kantons St. Gallen und Präsidentin der Gesundheitsförderung Schweiz. «Zu häufig wird ein nicht realistisches Körperbild in den Medien portiert oder auch mit Computerüberarbeitung ein unerreichbares Schönheitsideal verbreitet.»

Michellemelody blieb bisher von Komplikationen verschont. Um ihrem Traum, der berühmten Influencerin mit Millionen von Followern, näher zu kommen, will sie sich sobald als möglich die Brüste vergrössern lassen. «Darauf spare ich», sagt sie.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.02.2019, 08:20 Uhr

Die geheimen Sponsoren hinter den Influencern

Ein spezifisches Gesetz wie in der EU fehlt in der Schweiz – gerade Sportler deklarieren ihre Sponsorings schlecht.

Ein Fall für das Gericht: Cathy Hummels mit Turnschuh.

Über 465'000 Anhänger hat Cathy Hummels auf Instagram. Ihnen präsentiert sie Schminkprodukte, die neusten Sportschuhe von Adidas, Handtaschen oder Abendkleider. «Bezahlte Partnerschaft» steht über einigen Bildern, aber längst nicht über allen. Deshalb muss sich die Ehefrau des deutschen Fussballspielers Mats Hummels nächste Woche vor dem Münchner Landgericht verantworten, wie der «Stern» berichtet. Der Verband Sozialer Wettbewerb sehe das Werbe- und Mediengesetz verletzt.

Auch in der Schweiz preisen zahlreiche Instagrammer und Youtuber verschiedenste Produkte an, ohne dies als Werbung zu deklarieren. Ärger mit der Justiz droht trotzdem nicht. «In der EU ist die Werbekennzeichnungspflicht für Influencer gesetzlich verankert und kann von Amtes wegen verfolgt werden», sagt Thomas Meier von der Schweizerischen Lauterkeitskommission (SLK). «Wir in der Schweiz haben keine solche gesetzliche Regelung.» Es gebe allgemeine Vorschriften im Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb – etwa, dass Werbung nicht täuschen darf. Und es gibt die Selbstregulierung durch die SLK. «Als rein privatwirtschaftliche Organisation können wir allerdings weder proaktiv Verstössen nachgehen noch Sanktionen aussprechen, sondern nur auf Beschwerde hin tätig werden und Empfehlungen geben», sagt Meier.

Ärzte dürfen nicht für Eingriffe werben, Influencer schon

In Deutschland ist Cathy Hummels kein Einzelfall. In den letzten Wochen und Monaten wurden etliche Influencer abgemahnt, weil sie Werbung in ihren Beiträgen nicht gekennzeichnet hatten. «Bei uns wird es nicht besser sein», vermutet Meier. «Ich wurde wiederholt darauf angesprochen, dass insbesondere Schweizer Sportler im Vergleich zu ihren ausländischen Konkurrenten ihre Werbung viel weniger oft kennzeichnen.» Einige Berühmtheiten schreiben bei Sponsorings zwar #Werbung unter das entsprechende Bild. Oder das englische Äquivalent #ad. «Ein solcher Hashtag genügt aus unserer Sicht nicht zur Kennzeichnung», sagt Meier.

Viele Follower sind noch minderjährig. Eigentlich sollte gerade dieses Publikum besonders geschützt werden. Die Richtlinien der Internationalen Handelskammer halten fest: «Spezielle Vorsicht ist geboten bei Marketing-Kommunikation, die sich an Kinder oder Teenager richtet.» Besonders problematisch ist Werbung im Bereich von medizinischen Eingriffen, also auch bei Schönheitsoperationen. Ärzte selbst dürfen laut der Schweizer Standesordnung nur notwendige Informationen verbreiten, die zentrale Fragen von Patienten beantworten. Verboten ist hingegen «reklamehaftes Herausstellen in aufdringlicher oder marktschreierischer Weise» der eigenen Tätigkeit. Dass stattdessen junge Menschen für medizinische Eingriffe werben dürfen, stört die SLK grundsätzlich nicht. «An sich spricht nichts dagegen, dass ein ­Influencer einen medizinischen Eingriff in sachlicher, transparenter und informativer Form bewirbt», sagt Thomas Meier. Dies könne unter Umständen für die Follower hilfreich sein und sie vor unüberlegten Eingriffen warnen. «Dass dafür nicht jeder Influencer geeignet ist, versteht sich allerdings selbst­redend.»

Skeptisch ist die Vereinigung der Kantonsärzte. Für Werbung zu medizinischen Eingriffen bestehe ein «recht grosser, möglicherweise zu grosser Spielraum», sagt Präsident Rudolf Hauri. «Insofern ist ein griffigeres Medizinalberufe­gesetz wünschenswert.»

Roland Gamp, Fabienne Riklin

In Zahlen

20
Prozent der Teenager sind mit ihrem Körper unzufrieden und können sich schlecht von unrealistischen Körperbildern abgrenzen.

75%
der Teenager folgen Influencern – immer mehr nennen dies auch als Berufswunsch.

60'000
Schönheitseingriffe wurden gemäss Schätzungen vergangenes Jahr in der Schweiz durchgeführt.

87%
aller Jugendlichen in der Schweiz haben ein Instagram-Konto.

31%
der Schweizer fühlen wegen sozialer Medien den Druck, mehr zu konsumieren, als sie sollten.

23'000'000
Schönheitsoperationen wurden im Jahr 2017 weltweit durchgeführt.

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