Elterntaxis werden für Schulen zum Problem

Neue Studie: Die Zahl der Eltern, die ihre Kinder zur Schule fahren, wächst – Warnungen von Polizei und Schulbehörden nützen nichts.

Vor der Schule von Naters VS stauen sich die Autos. Foto: PD

Vor der Schule von Naters VS stauen sich die Autos. Foto: PD

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Kurz nach acht Uhr fahren am Freitagmorgen auf der Signaustrasse in Zürich die Luxus­karossen vor: schwarze BMW, Geländewagen, Audi, Porsche, ein weisser Mercedes, dazwischen ein roter VW Polo. Die Autos drängen auf das Trottoir, möglichst dicht vor den Eingang der Montessori-Schule. Rechts und links öffnen sich die Türen, Kinder mit Schulthek und Rucksack springen heraus. Eine Mutter setzt ihren dunklen Kombi direkt in die Einfahrt der Schule, einige Meter weiter wendet ein Vater seinen Wagen und fährt auf der Einbahnstrasse weg – in der falschen Richtung. Dazwischen überqueren Schüler zu Fuss die Fahrbahn.

Die Schulleitung hat auf die gefährlichen Chauffeure reagiert. Am Gittertor vor dem Schulgelände hängt ein Warnschild: «Bitte Vorsicht beim Rückwärtsfahren: Auch Ihr Kind könnte hinter dem Auto durchgehen.» Dass ausgerechnet Montessori-Anhänger bei ihren Kindern auf die Autonomiebremse stehen und die Kleinen im Auto zur Schule fahren, mag überraschen – eine Ausnahme sind diese Eltern aber keineswegs. Das Problem, das Experten unter dem Begriff «Elterntaxis» diskutieren, treibt derzeit viele Schweizer Schulen um. Auch in ländlichen Regionen wie dem solothurnischen Luterbach.

«Elterntaxis sind nicht nur ein grosses Ärgernis, sondern auch für Erziehungsdefizite verantwortlich.»Beat W. Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbandes

Das «Verkehrschaos» vor der Schule sei «fast abartig», sagt Jürg Nussbaumer, Gemeinderat in Luterbach. Vor der Schule spielten sich wilde Szenen ab mit hupenden Müttern, die vorbeigehende Schüler verscheuchen wollen. «Die Autos werden kreuz und quer parkiert», sagt Nussbaumer. «Es kommt auch immer wieder zu gefährlichen Wendemanövern, bei denen die Kinder fast überfahren werden.» Mehrere Tage lang wurde die Polizei aufgeboten, um Bussen zu verteilen. Kaum waren die Ordnungshüter weg, parkierten Elterntaxis wieder das Gelände zu. Die Gemeinde ergriff bauliche Massnahmen, um die Zufahrt zu erschweren. Vor dem Kindergarten wurden Poller aufgestellt. Aber auch das kann uneinsichtige Eltern nicht stoppen. «Jetzt parkieren sie einfach davor», sagt Nussbaumer, «oder fahren zwischen den Pollern auf das Trottoir.»

Immer mehr Kinder werden gefahren

Der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) hat aktuell eine Untersuchung durchgeführt, um einen Überblick über die Verbreitung von Elterntaxis zu erhalten. Mehr als 1000 Eltern wurden befragt, ob sie ihr Kind im Auto zur Schule fahren oder Alternativen wie das gemeinsame Zufussgehen nutzen. Ergebnis: Jedes zehnte Kind wird in der Deutschschweiz regelmässig zur Schule gefahren, das heisst mindestens einmal pro Woche. In der Romandie sind es rund 50 Prozent und im Tessin gar 63 Prozent. Gemäss Erhebungen des Bundes hat sich der Anteil der Kinder, die zur Schule gefahren werden, laut VCS «zwischen 2005 und 2015 um 40 Prozent erhöht».

Schuld daran sind häufig nicht etwa weite Schulwege. Sie sind im schweizerischen Durchschnitt weniger als 1,5 Kilometer lang, 40 Prozent sind sogar kürzer als 500 Meter. Verantwortlich sind die Eltern, die ihren Nachwuchs meist aus Angst bis vor die Schulhaustür fahren. Zwei Drittel der Eltern halten laut der VCS-Umfrage den Schulweg für gefährlich.

Die Experten fürchten hingegen, dass die besorgten Eltern in Wahrheit selbst zum Risiko ­werden, weil sie zum täglichen ­Verkehrschaos vor den Schulen beitragen. «Die manövrierenden Autos bei Schulhäusern sind manchmal die grösste Schulweg-Gefahr für die Kinder», sagt Erwin Gräni, Chef Prävention bei der ­Luzerner Polizei.

Zu Beginn dieses Schuljahres haben die Zentralschweizer Polizeikorps Eltern aufgerufen, aus Sicherheitsgründen auf Taxifahrten zu verzichten. Der Mehrverkehr führe zu «einer zusätzlichen Gefährdung». Die Fahrzeuge würden die Zu- und Wegfahrten zu den Schulhäusern verstopfen und andere Autofahrer zu «riskanten Manövern» verleiten.

Autos auf dem Trottoir vor der Montessori-Schule in Zürich-Oerlikon. Foto: Michele Limina

Anschauungsunterricht gibt es etwa vor der Swiss International School in Zürich-Wollishofen. Dort kam es wegen brenzliger Situationen bereits zu Streitereien und Handgreiflichkeiten. Die Elterntaxis würden oft in zwei Kolonnen stehen, die erste auf dem Trottoir, die zweite auf der Strasse, berichten Anwohner. Vorbeifahrende Autos überholen auf Spur drei. Die Stadt Zürich wollte vor der Schule ein striktes Halteverbot einführen, doch die Privatschule hat dagegen Rekurs eingereicht.

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Mit dem Auto zur Schule – ok oder ein Ärgernis?






«Elterntaxis sind nicht nur ein grosses Ärgernis, sondern auch für Erziehungsdefizite verantwortlich», sagt Beat W. Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbandes. «Man nimmt den Kindern so die Möglichkeit, den Umgang mit Gefahren zu lernen.» Als «störend für die Selbstwertentwicklung» beschreibt der Psychologe Henri Guttmann die Folgen der Elterntaxis. Überbehütende Eltern, sagt Guttmann, «trauen ihren Kindern im Grunde zu wenig zu.»

Die Schulen können Taxifahrten nicht verbieten, da der Schulweg in die Kompetenz der Eltern fällt. So versuchen sie es mit gutem Zureden und Kampagnen.

Über die Kinder an die Eltern herankommen

In Naters fand diese Woche eine Informationsveranstaltung statt, um aufzuzeigen, dass Elterntaxis der falsche Weg sind. In der Walliser Gemeinde führt eine schmale Gasse zur Schule, die regelmässig von wartenden Eltern zugeparkt wird.

In Büron LU legte Schulleiter Beat Stirnimann fest, dass Elterntaxis «auf dem Schulareal unerwünscht» seien. «Wenn ich Mütter oder Väter sehe, die ihr Kind aus- oder einladen, gehe ich hinaus und spreche sie an», sagt er. Seine Schule versuchte auch, über die Kinder an die Eltern heranzukommen – mit einem Spiel: Während zweier Wochen durfte kein Kind im Wagen zur Schule kommen. Jede Klasse bekam ein Punkteguthaben, für jedes Kind, das im Auto erwischt wurde, erhielt die ganze Klasse Punktabzug. Gewonnen hatte jene Klasse, die am Schluss am meisten Punkte hatte.

Inzwischen sorgen die Taxifahrten selbst unter Eltern für Konflikte. An der Schule in Eschenbach LU stieg ein besorgter Vater aufs Turnhallendach, um das Verkehrsgeschehen vor der Schule zu filmen. Auch in luzernischen Büron wehren sich verärgerte Väter und Mütter, die um die Sicherheit der Kinder fürchten. Sie haben an der Strasse zur Schule Warnschilder aufgestellt: «Vorsicht Kinder! Hier fahren eure Eltern.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.09.2017, 23:07 Uhr

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