Endlich wieder ein wildes Weihnachtsessen

Wie das Firmenfest zum Evenement wird, ob Flirten noch drinliegt und was Sie tun müssen, falls Sie aus der Rolle gefallen sind.

Da ist was aus dem Ruder gelaufen: Entschuldigen Sie sich und halten Sie in den kommenden Wochen den Ball flach. Foto: Getty Images

Da ist was aus dem Ruder gelaufen: Entschuldigen Sie sich und halten Sie in den kommenden Wochen den Ball flach. Foto: Getty Images

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Irgendwie waren sie früher wilder. Und eindeutig frivoler. Jedenfalls lag da jeweils was in der Luft. Eine gewisse Ausgelassenheit, eine nicht von der Hand zu weisende Flirtseligkeit auch. Heute nicht mehr. Heute wird an Firmen-Weihnachtsessen über Gluten und Faszien geredet, und um elf Uhr gehen alle heim, weil sie am nächsten Morgen noch vor der Arbeit zum Joggen abgemacht haben.

Vielleicht ist man bloss alt geworden. Vielleicht liegts an #MeToo. Vielleicht sind die Streberinnen und Streber schuld, die allenthalben überhandnehmen, und dass die schon in der Schule nie zum Fez eingeladen wurden, hatte einen Grund: Die hatten einfach keine Begabung für die Festivität.

Es muss ja nicht gleich das Restaurant auseinandergenommen werden. Oder auf den Tischen getanzt und den Praktikantinnen nachgestiegen. Es geht nicht um Sodom und Gomorrha. Aber, Herrgott, es gibt doch was dazwischen. So ein vernünftig schweizerisches Mittelmass sozusagen, das das Weihnachtsessen zu einem heiteren Ausklang des Jahres macht.

Damit ebendieses 2018 wieder zu einem Evenement wird, von dem man mit diesem selig-doofen Lächeln im Gesicht nach Hause wankt, können Sie eigenhändig etwas beitragen.

Ich will gar nicht ans Weihnachtsessen, ich finde alle in meiner Firma doof. Kann ich kneifen?

Selbstverständlich. Aber sollten Sie angesichts dieser ausgeprägten inneren Ablehnung nicht vielleicht grad ganz das Weite suchen? Vermutlich wäre das total win-win – die anderen werden Sie höchstwahrscheinlich auch nicht leiden können, so gesehen wird Sie niemand vermissen.

Ich will hin! Soll ich mich dafür in Schale werfen?

Aber unbedingt! Jetzt zeigen Sie mal, dass Sie auch schön können, im Sinne von elegant, dass Sie also mehr drauf haben in modischer Hinsicht als diesen lausigen Lismer und diese orthopädisch korrekten, aber leider optisch himmeltraurigen Bequemtreter. Die Idee, wonach cool ist, wer sich garderobenmässig keine Mühe gibt, beziehungsweise uncool, wer das tut, können Sie getrost vergessen, denn das ist der Gipfel der Biederkeit, und bieder ist ja eben grad gar nicht das Konzept, das ein rauschendes Weihnachtsessen brauchen kann.

Deshalb: Holen Sie was Schmissiges aus dem Schrank. Ein gebügeltes Hemd. Einen Samt-Blazer. Die Hose mit der messerscharfen Bügelfalte oder die Seidenbluse oder die geschnürten Leder­schuhe. Hauptsache, Sie leisten einen kleinen Effort. Sie werden erkennen: Die Abwesenheit des Lismers macht Ihr Leben auf einmal sehr viel aufregender.

Darf man am Apéro schon voll zuschlagen?

Sie erinnern sich daran, in welch katastrophalem Ausmass sich letztes Jahr die Spinatküchlein in Ihren Zahnzwischenräumen verfangen haben. Sie erkannten das dentale Desaster erst zu später Stunde, als Sie sich schon ziemlich angesäuselt im Spiegel auf der Toi­lette an­lächelten, und natürlich ­hatte Sie kein Mensch darauf aufmerksam gemacht, auch nicht der CEO, den Sie noch so anstrahlten während Ihres doch recht langen Gesprächs. Um ein ähnliches Unglück zu vermeiden, sollten Sie sicherheits­halber nichts von diesem trockenen Apéro-Gebäck essen, sondern nur fröhlich dem Alkohol zusprechen und dazwischen Wasser trinken. Das vereinfacht ja auch die Konversation enorm, da Sie weniger, nun, spucken.

Aber ich kann keinen Small Talk.

Papperlapapp. Stellen Sie Fragen. Hören Sie zu. Und seien Sie wenigstens einmal im Jahr positiv. Das heisst: Verkneifen Sie sich das Nörgeln. Schimpfen und jammern Sie nicht, weder über die Firma im Allgemeinen noch über den Chef im Speziellen und auch nicht über Ihren Ex-Mann, der die Alimente nicht rausrückt, oder die Ex-Frau, die Sie finanziell ausnimmt. Und bittebitte: Verschonen Sie Ihre Umgebung mit dem detaillierten Gesundheitsbulletin Ihrer Diskushernie/Darmtätigkeit/Dermatitis.

Ich bin Chef, und ich halte gerne Reden. 15 Minuten sind allerdings etwas knapp, nicht?

Bei Reden gilt die umgekehrte Proportionalität: Sie gewinnen wahnsinnig, je weniger lang sie dauern. Für Sie, meine Herren, gilt deshalb: Halten Sie sich für einmal genau so kurz, wie Sie das jeweils versprechen, aber noch nie eingehalten haben. Danken Sie allen Anwesenden für den tollen Einsatz. Sagen Sie, was immer passt, nämlich, dass es kein einfaches Jahr gewesen sei, man aber tapfer dem Sturm getrotzt habe. Loben Sie keinesfalls nur ein paar we­nige, sonst werden alle anderen am nächsten Tag, wenn Sie einen schweren Kopf haben, bei Ihnen vorstellig und kauen Ihnen ein Ohr ab, womöglich weinen die auch. Wünschen Sie einen tollen Abend, erheben Sie das Glas, und gut ist.

Und dann?

Dann suchen Sie sich, auch als Subalterne, so schnell wie möglich einen Platz, wobei Sie bereits im Vorfeld eine heimliche Tischordnung besprochen haben, auf dass Sie nicht den Abend mit jenen verbringen müssen, die sich über Gluten und Faszien und frühmorgendliches Joggen unterhalten. Sonst wird der Alkohol Ihr einziger Freund sein, und es besteht die Gefahr, dass Sie noch vor dem Dessert komplett aus der Rolle fallen, dabei haben Sie doch schon genug damit zu tun, sich an die Etikette bei Tisch zu erinnern.

Zwecks Schadensbegrenzung wenigstens in dieser Hinsicht folgt hier ein kleiner Knigge im Schnelldurchlauf, denn es gibt Geschichten von Arbeitnehmenden, deren Karrieren abrupt endeten, bloss weil sie manierenmässig auf dem Stand eines Kleinkindes verblieben sind und nicht virtuos mit Messer und Gabel umzugehen wussten.

Wohin mit der Serviette?

Auf die Knie, in der Mitte gefaltet. Der Mund wird mit der inneren Seite abgetupft, sodass man den verschmutzten Stoff nie sieht. Beim Aufstehen oder nach dem Essen kommt sie zusammengefaltet links neben den Teller. Und gerade jetzt, im Winter, gilt: Die Serviette ist kein erfreulich praktisches, weil besonders grosses Taschentuch. Unterstehen Sie sich!

Wie isst man schon wieder das Brötchen?

Es wird zerzupft! Und zwar in einzelne, mundgerechte Stücke.

Muss man warten, bis alle den Teller vor sich haben?

Ja. Weil das in sehr grossen Gesellschaften aber meist zu lange dauert, dürfen Sie loslegen, wenn alle am selben Tisch den Gang serviert bekommen haben.

Wird der kleine Finger abgespreizt?

Nein.

Sie haben das Essen überstanden, alle Klippen souverän gemeistert. Jetzt werden die Plätze getauscht, der Geräuschpegel steigt, die Wangen sind kollektiv gerötet, es geht bald ein Haus weiter. Noch ­Fragen?

Ja! Wie lehne ich eine unerwünschte Anmache ab?

Zitieren Sie Iris Berben, die unlängst auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet erklärte, aufdringliche Verehrer mit «Schatz, du nicht» in die Schranken zu weisen. Ein grosser Satz, ein Weltklassesatz, ein Satz, den man sich unbedingt merken muss. Passt immer und erst noch bei beiden Geschlechtern. Bloss beim Chef bzw. der Chefin nicht. In diesem Fall gibts nur eines: sofort die Flucht ergreifen.

Darf ich meinem Chef das Du anbieten?

Nein.

Auch nicht, wenn ich älter bin?

Nein.

Auch nicht als Frau?

Nein.

Aber umgekehrt muss ich das Du annehmen?

Ja. Die Duzerei ist zwar ein Ärgernis, aber da können Sie jetzt auch nichts dagegen ausrichten. Es sei denn, Sie seien wirklich stur mit allen und seit jeher per Sie und gelten als, nun, eigen.

Gilt das Du am nächsten Tag immer noch?

Siezen Sie. Warten Sie ab. Vielleicht haben Sie Glück.

Darf man die Chefin zum Tanzen auffordern? Den Chef?

Zweimal nein.

Liegt Flirten noch drin?

Aber sicher doch. Machen Sie Komplimente! Aber nur zu unverfänglichen Sujets und Körperteilen (Turnschuhe okay, Minirock nicht; Nase und Ohren okay, Beine, Derriere und Décolleté nicht, Sie erkennen das Konzept). Werden Sie nicht anzüglich, nicht vulgär, und lassen Sie das mit diesem tiefen Blick.

Darf ich jemanden nach Hause nehmen?

Aber sicher doch. Wer könnte etwas gegen Leidenschaft haben! Die Welt braucht mehr Leidenschaft!

Ich habe übertrieben. Was tun?

Sich totzustellen, funktioniert nicht und wäre feige. Entschuldigen Sie sich, gucken Sie dabei reuig (unbedingt daheim üben) und halten Sie in den nächsten Wochen den Ball flach. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.12.2018, 20:06 Uhr

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