Analyse zu Geldtransporter-Überfall: War es der eine zu viel?

Ein Video zur Tat von Daillens liefert so gute Bilder, dass Schlüsse daraus möglich werden. Experte Alexandre Vautravers tut das für uns – zum Angriff, zur Sprengung, zur Flucht.

Hier leeren die drei unbekannten Diebe den Geldtransporter. (2. Dezember 2019). Video: Keystone

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Jetzt traf es also Daillens. Die Waadtländer Gemeinde mit etwas über 1000 Einwohnern war letzte Woche Schauplatz eines brutalen Überfalls auf offener Strasse. Eine Bande stoppte am Ortsausgang einen Geldtransporter, sprengte diesen auf, räumte alles aus und verschwand blitzschnell wieder – nachdem sie am Tatort alles in Brand gesetzt hatte. Der Transporter fuhr für eine Tochtergesellschaft der Post, er war zum Zeitpunkt des Überfalls noch etwa drei Minuten von seinem Zielort entfernt.

In der Waadt kennt man dieses Muster. Seit 2017 kam es bereits zu sechs solchen Angriffen. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Täter jeweils aus Frankreich anreisten, wohl aus dem Grossraum Lyon.

Eines unterscheidet das Verbrechen von Daillens allerdings von den vorherigen: die Qualität der Bilder. Die Attacke erfolgte am Montagabend um 19.40 Uhr. Bereits kurz nach 21 Uhr verbreitete «20 minutes» online ein erstes Video. Die Pressemitteilung der Waadtländer Kantonspolizei, die den Überfall bestätigte, kam erst 40 Minuten danach.

Jedes Detail minutiös geplant

In der Folge tauchten im Internet weitere Filmsequenzen auf. Besonders auffällig ist ein Video, das von der Agentur Keystone-SDA veröffentlicht wurde (siehe oben) – und das auf den Onlineportalen aller grossen Schweizer Zeitungen und in sozialen Medien hunderttausendfach angeschaut wurde: Zum ersten Mal sieht man darauf, wie die Gangster zu Werk gehen. Der Urheber des Films ist ein Bewohner von Daillens, der anonym bleiben möchte. Er war zufällig nur wenige Meter vom Tatort entfernt. Durch die Explosion wurde er auf das Geschehen aufmerksam. Im Dunkel der Nacht blieb er unentdeckt. Und umgekehrt beleuchteten die Strassenlaternen beim Dorfausgang die Verbrecher, die ohne ihr Wissen gefilmt wurden.

Die so entstandenen Aufnahmen zeigen Kriminelle, die entschlossen, abgebrüht und kaltblütig zugleich sind. Und die jedes Detail minutiös geplant haben – von den Stirnlampen über den verwendeten Sprengstoff bis zu den uniformähnlichen Parkas. Zum Ausdruck kommt auch die Solidarität, die in der Gruppe herrscht: Die Komplizen helfen einander, damit es schneller geht. Um die Bilder besser interpretieren zu können, haben wir den Sicherheitsexperten Alexandre Vautravers gebeten, sie im Detail zu analysieren:

1. Der Angriff

Gemäss Sicherheitsexperte Alexandre Vautravers ist dieser Überfall geradezu klassisch. Beteiligt sind eine bewaffnete Bande, bestehend aus etwa einem Dutzend Personen, und mindestens vier Fahrzeuge, sagt Vautravers. Ein Lieferwagen vor und ein Personenwagen hinter dem Geldtransporter zwangen die Geldkuriere dazu, anzuhalten. «Die Räuber haben einen Lieferwagen als Rammbock benutzt. Normalerweise reicht es ihnen, den Wagen quer auf die Strasse zu stellen, um den Fahrer eines Geldtransporters einzuschüchtern und zum Anhalten zu zwingen», so Vautravers. Gleichzeitig hat sich das weisse Auto hinter den Transporter gestellt, um zu verhindern, dass er rückwärts fährt. Zwei Kombis stehen für die Flucht bereit. Den exakten Ort für den Überfall hätten die Gangster geschickt gewählt: beim Dorfausgang von Daillens, wo sich die Strasse auf eine Fahrbahn reduziert, um den Verkehr zu verlangsamen.

2. Das Geld

Nachdem der Geldtransporter gestoppt und die beiden Beifahrer in der gepanzerten Fahrerkabine überwältigt worden waren – sie blieben physisch unverletzt, mussten aber in psychologische Behandlung –, nehmen sich die Angreifer den Laderaum vor. Sie setzen Sprengstoff und Werkzeuge ein, um die Hintertür zu öffnen. Einer der Räuber zwängt sich durch den so entstandenen Spalt und wirft die Geldkassetten auf die Strasse. Draussen sammeln andere Bandenmitglieder, die Stirnlampen tragen, die Boxen ein und beladen damit einen der beiden bereit stehenden schwarzen Fluchtwagen. Die Geldkassetten könnten aus Aluminium sein. Die Bilder aus dem Video zeigen, dass einige von zwei Personen getragen werden. Es ist nicht möglich, zu schätzen, wie viel Geld sich insgesamt in den Kassetten befand. Weder die Post noch die Polizei wollen sich dazu äussern. Auch Experte Vautravers mag sich nicht festlegen.

3. Das Feuer

Alles wurde minutiös organisiert, fast auf die Sekunde genau. Während sich einige um das Beladen des Fluchtautos kümmern, vernichten andere an Ort und Stelle mögliche Spuren. Das Video zeigt, wie einer der Gangster die beiden Fahrzeuge, die eingesetzt wurden, um den Geldtransporter zu stoppen, in Brand setzt. Der Mann zündet einen Molotow-Cocktail und wirft ihn ins Auto hinter dem Geldtransporter. Der Lieferwagen fing wenige Sekunden zuvor Feuer. Gemäss Vautravers wissen auch professionelle Räuber nicht immer korrekt mit Sprengstoff umzugehen. Es sei tatsächlich ziemlich schwierig, Explosivstoffe richtig anzuwenden und sie an der entscheidenden Stelle anzubringen. Schwierig sei auch, die richtige Menge festzulegen. Zudem könne es mehrere Minuten dauern, bis ein Sprengsatz detoniert – manchmal sei das zu lange bei einer Operation, die möglichst rasch über die Bühne gehen muss.

4. Die Flucht

Die Täter zeigen keinerlei Hast. Ruhig beladen sie die Fluchtautos, legen Feuer und steigen in die Kombis. Die Autos entfernen sich im Schritttempo. Diese Ruhe überrascht Sicherheitsexperte Alexandre Vautravers nicht: Es gebe wohl – ausserhalb der Bilder – bestimmt noch bewaffnete Männer, die für die Sicherheit zuständig seien und Schmiere stehen, falls die Polizei anrückt. Die Kaltblütigkeit zeige, dass hier Profis am Werk seien. Vautravers: «Der Überfall wurde von Leuten mit viel Erfahrung geplant, geübt und durchgeführt.» Die Vorbereitung sei der Schlüssel zum Erfolg. «Die Täter kundschaften die Gegend aus und wählen dann den Tatort. Sie nehmen auch umfangreiche Planungsarbeiten und Abklärungen vor. Das alles erfordert Zeit, Geld und personelle Ressourcen. Komplizen bei der Zielfirma vereinfachen vielleicht diese Arbeit, aber eine solche Operation bleibt vor allem eine Aktion, die von langer Hand geplant wird.»

Ein Überfall zu viel

Man geht davon aus, dass die Räuber in Daillens ungefähr so vorgegangen sind wie bei den anderen Überfällen der letzten Zeit. Aber auch davon, dass dieser Überfall der eine zu viel war. Die Behörden halten sich zwar «aus polizeitaktischen Gründen» bezüglich ihrer Sicherheitsmassnahmen im Kampf gegen derartige Plünderungen bedeckt.

Politisch aber wird der Druck jetzt erhöht. Die Waadtländer Staatsrätin Béatrice Métraux, die für die Polizei zuständig ist, hat bei der Kantonsregierung einen Dringlichkeitsplan für mehr Sicherheit für Kurierdienste beantragt. Und auch auf Bundesebene wird das Problem aktuell behandelt. FDP-Nationalrat Olivier Feller will noch in dieser Session in der Fragestunde eine Antwort des Bundesrats. In einer Motion fordert er, dass in der Nacht auch schwer gepanzerte Lastwagen als Geldtransporter fahren dürfen. Der Bundesrat hat dies bisher wiederholt abgelehnt.

Das Problem: Fahrzeuge mit einem Gewicht von mehr als 3,5 Tonnen dürfen aus Lärmschutzgründen in der Nacht nicht verkehren. Die Konsequenz davon ist, dass nach 22 Uhr relativ schlecht geschützte, also unzureichend gepanzerte Geldtransporte durch die Schweiz fahren – mit Panzerung würden die Fahrzeuge deutlich schwerer. Das betrifft immerhin fünf bis zehn Transporte pro Tag.

Jetzt möchte Nationalrat Feller, dass sein Vorschlag wenigstens temporär umgesetzt wird. Damit sich Daillens nicht wiederholt.



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Erstellt: 09.12.2019, 11:47 Uhr

Alexandre Vautravers, 46, leitet das von ihm entwickelte Programm für Globale Sicherheit und Konfliktlösung an der Universität Genf. Als ausserordentlicher Professor hat er an den Universitäten von Accra, Peking, London, Oxford und Teheran Vorlesungen gehalten. Er forscht und publiziert zu den Bereichen internationale Beziehungen und Sicherheitsfragen, Entwicklung von bewaffneten Konflikten, Technologie und Rüstungsindustrie. Zudem ist der Oberst im Generalstab politischer Berater der Genfer Regierung in Sicherheitsfragen.

In Bezug auf die Serie von Überfällen auf Geldtransporter ist es für Alexandre Vautravers zuerst notwendig, die Zusammenarbeit der verschiedenen Polizeien und der Grenzschützer zu verbessern. Grundsätzlich gebe es drei Punkte, die helfen könnten, die Attraktivität künftiger Angriffe zu minimieren: verstärkte Panzerung von Fahrzeugen, automatische Geldvernichtung und Begrenzung der transportierten Beträge.

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