Erste Schweizer Kita weist ungeimpfte Kinder ab

Die Zahl der Masern-Fälle steigt. Eine Gruppe von Tagesstätten wehrt sich nun mit einer Impfpflicht.

Keine Angst vor Masern: Kinder spielen in der Zürcher Kita von Bubble Bees. Foto: Michele Limina

Keine Angst vor Masern: Kinder spielen in der Zürcher Kita von Bubble Bees. Foto: Michele Limina

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Die Grossen ziehen ihre Schuhe schon ganz allein aus, die Kleinen brauchen Hilfe. Sie sprechen Schweizerdeutsch, Englisch oder ein unverständlichem Gebrabbel. Ein Bub rennt umher, ein Mädchen lauscht gebannt der Märchenerzählerin. «Jedes Kind ist ein Individuum, und wir schätzen seine Einzigartigkeit», so das Motto der Kindertagesstätten Bubble Bees.

Doch diese nimmt nicht alle Knirpse auf. «Wir verlangen als Minimum eine Impfung gegen Masern und Keuchhusten», steht im aktuellen Elternhandbuch. Ein Novum in der Schweiz – der Verband für Kinderbetreuung (Kibesuisse) kennt bisher keine andere Institution mit Impfpflicht.

«Wir hatten zunehmend Anfragen von Impfgegnern, die ihre Kinder bei uns platzieren wollten», sagt Nathalie Rehak, Geschäftsführerin von Bubble Bees. «Also haben wir uns entschlossen, klare Regeln festzulegen.» Bei allen Bewerbern wird nun der Impfausweis geprüft. «Fehlt der nötige Schutz, dann arrangieren wir ein Gespräch zwischen den Eltern und unserer Kinderärztin.» Diese habe schon einige Skeptiker überzeugt, ihren Nachwuchs doch noch zu impfen. «Es gab aber auch schon mehrere Personen, die sich konsequent weigerten», sagt Rehak. «Diese mussten wir ablehnen.» Das Obligatorium gilt für alle acht Kitas der Organisation, fünf davon in Zürich und je eine in Baden, Frauenfeld und Schaffhausen. Auch Mitar­beiter müssen geimpft sein. Für ­Kinder gilt die Pflicht spätestens ab zwölf Monaten.

Nicht nur die Impfgegner sind schuld

Laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist das zulässig. «Im Gegensatz zu Kindergärten und Schulen sind die allermeisten Kitas Privatinstitutionen», sagt Daniel Koch, Leiter der Abteilung für übertragbare Krankheiten. «Sie haben keine Aufnahmepflicht und können ohne weiteres nur geimpfte Kinder aufnehmen.» Es sei positiv, wenn nun eine öffentliche Diskussion entstehe. «Damit auch andere Kitas überprüfen, wie hoch das Risiko bei ihnen ist.»

Der Verband Kibesuisse geht davon aus, dass künftig mehr Anbieter ein Obligatorium einführen. Denn die Gefahr von Infektionen steigt. 2019 registrierte das BAG schon 200 neue Masern-Fälle. Das sind viermal so viele wie im ganzen letzten Jahr. Damals war jeder dritte Betroffene minderjährig.

Schuld daran sind längst nicht nur Impfgegner. «Wir stellen immer wieder fest, dass Eltern die Gefahren von Masern einfach unterschätzen», sagt Jan Cahlik, Vizepräsident vom Verband Kinderärzte Schweiz. In den letzten Jahren sei die Krankheit so erfolgreich bekämpft worden, dass heute viele Erwachsene zu sorglos mit dem Thema umgehen würden. «Einige vergessen zum Beispiel die zweite Impfung für ihr Kind. Andere glauben nicht, dass es diese braucht», sagt Cahlik.

Deutschland plant Bussenund Kita-Ausschlüsse

Andere Länder greifen konsequent durch. Mehr als zehn EU-Staaten haben ein allgemeines Impfobligatorium. Frankreich führte dieses auf 2018 ein. Bereits in den ersten Monaten stieg die Impfrate an. Nun will auch Deutschland reagieren. Gesundheitsminister Jens Spahn legte kürzlich einen Gesetzesentwurf vor. Wer seine Kinder nicht schützt, dem drohen Bussen bis zu 2500 Euro und ein Ausschluss aus der Kita.

Würde dies auch in der Schweiz Sinn machen? Daniel Koch vom BAG sieht Vor- und Nachteile. «Vor allem die Quote bei der zweiten Masern-Impfung könnte durch ein Obligatorium steigen. Andererseits besteht die Gefahr, dass die Ablehnung kritischer Kreise durch einen Zwang noch mehr zunimmt.» Am Ende sei es aber ein politischer Entscheid.

Konsequent zum Schutz der Kleinsten

Doch trotz steigender Fallzahlen: Im eidgenössischen Parlament sind keine Vorstösse hängig. Und Michael Jordi, Zentralsekretär der kantonalen Konferenz der Gesundheitsdirektoren (GDK), gibt an: «Gemäss Rückmeldungen aus diversen Kantonen ist eine Impfpflicht für Kitas zum aktuellen Zeitpunkt nicht vorgesehen und auch bei der GDK kein Thema.» Man könne nicht abschätzen, ob eine solche positiv oder kontraproduktiv sei. «Ein Obligatorium könnte zwar die Durchimpfungsrate bei den Kindern schneller erhöhen, die Problematik der Lücken bei Erwachsenen wäre jedoch nicht gelöst», sagt Jordi.

Bei den Bubble Bees hingegen geht es um die Kleinsten. «Wir nehmen bereits Babys im Alter von drei Monaten auf», sagt Geschäftsführerin Rehak. Nur kann man sie in diesem Alter noch gar nicht impfen. «Diese Kinder sind also völlig schutzlos, wenn ein infiziertes Kind in die Kita kommt.» Gerade zur Sicherheit dieser besonders gefährdeten Gruppe sei man so konsequent. Und habe damit schon etliche positive Erfahrungen gemacht. «Es gab viele Eltern, die extra zu uns gekommen sind, weil wir eine solche Impfpflicht haben.»

Erstellt: 09.06.2019, 07:37 Uhr

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