«Es ist die soziale Wertschätzung, die das Glück fördert»

Verhaltensökonom Ernst Fehr erklärt, warum mehr Lohn die Menschen glücklicher macht, weshalb dieser Effekt aber mit zunehmendem Reichtum abnimmt.

«Wir sind jetzt in Zürich knapp an den besten 20 Instituten der Welt dran»: Ernst Fehr, 62. Bild: Philipp Rohner

«Wir sind jetzt in Zürich knapp an den besten 20 Instituten der Welt dran»: Ernst Fehr, 62. Bild: Philipp Rohner

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Sie haben sich intensiv mit der Wirkung von Löhnen auf die Zufriedenheit und Leistungs­bereitschaft auseinander­gesetzt. Welchen Einfluss haben die Löhne auf das Empfinden von Glück?
Höhere Einkommen führen im Durchschnitt zu mehr Zufriedenheit und Glück – vor allem innerhalb der gleichen Gesellschaft.

Wären alle glücklicher, wenn alle reicher würden.
Ja, aber wenn man alle reicher machen könnte, würde das Glück dadurch nicht linear zunehmen. Dass Leute mit einem höheren Einkommen glücklicher sind, hat auch damit zu tun,, dass diese dadurch auch einen höheren Status haben. Es ist die soziale Wertschätzung, die das Glück fördert. Neben dem Einkommen gibt es aber noch weitere Indikatoren für die soziale Wertschätzung, die die Gesellschaft einzelnen oder einem Beruf gegenüber zeigt. Wegen der Bedeutung des Einkommens für die Wertschätzung werden Lohnkürzungen auch als Infragestellung der Persönlichkeit wahrgenommen.

Nimmt das Glück immer mehr zu, wenn man stets noch reicher wird? Anders gefragt: Lohnt sich der Einsatz für immer höhere Einkommen?
Das Glück nimmt nicht im gleichen Ausmass zu wie die Einkommen. Die Wirkung von ansteigenden Einkommen auf das Glück wird immer kleiner. Wenn man sein Einkommen von 150'000 Franken pro Jahr auf 200'000 Franken steigern kann, ist der Glückszuwachs geringer, als wenn man es von 50'000 auf 100'000 Franken steigern kann.

Was ist mit den Berichten von Leuten, die zwar sehr viel verdienen, die aber auch einem grossen Stress ausgesetzt sind, weil sie etwa sehr viel Verantwortung tragen oder nur noch sehr wenig Freizeit haben?
Es ist sicher so, dass hohe Einkommen damit einhergehen, dass die Arbeitszeit viel länger ist. Man nimmt die Arbeit nach Hause und kann sich nicht erholen. Doch wenn wir den Zusammenhang zwischen Glück und Einkommen isoliert betrachten, dann sind die meisten Menschen glücklicher, wenn sie mehr verdienen. Ich kenne niemanden, der sagt, mit 10'000 Franken mehr bin ich weniger glücklich, wenn alles andere gleich bleibt. Aber es bleibt nicht alles andere gleich, man hat meist höhere psychologische Kosten, damit man dieses höhere Einkommen verdient.

Hat die Rolle des Lohns für den Status eine umso grössere Bedeutung, je reicher man ist?
Ich vermute das. Gerade im Markt für Topmanager spielt der Status eine riesige Rolle. Der Einkommenszuwachs, der jemand hat, der schon 12 Millionen oder mehr verdient, kann nur noch zu einem kleinen Zufriedenheitszuwachs durch mehr Konsums führen. Denn ob ich 10 oder 12 Millionen verdiene: Ich kann mir in beiden Fällen die beste Wohnsituation leisten, ebenso alle Flüge und sämtliche Konsumgüter. Hier liegt die Motivation für den Mehrverdienst vermutlich oft im Statusgewinn: Das heisst, es zeichnet mich im Markt aus, dass ich ein höheres Einkommen habe, als andere in ähnlicher Position.

Dann könnte man doch von einer Verschwendung im ökonomischen Sinn sprechen. Es wird Geld in einem Ausmass ausgegeben, das den damit erreichten Nutzen deutlich übersteigt.
Alles, was mit Statuskonsum zu tun hat, hat einen verschwenderischen Charakter. Status heisst nichts anderes, als dass mein Rang höher ist, als der von jemand anderem. Es gibt in der Regel nur einen ersten Rang. Wenn ich mich also anstrenge, um einen höheren Rang zu erreichen, bedeutet das im Erfolgsfall immer, dass jemand anderer dann einen niedrigeren Rang haben wird. Diese Person wird also durch mein Verhalten negativ betroffen.

Das erinnert an ein Wettrüsten.
Ja, ein Wettrüsten, das zu gesellschaftlicher Verschwendung führt. In den USA zeigt sich diese in den enormen Ausgaben, die Leute tätigen, wenn sie heiraten. Um sein Umfeld zu beeindrucken, muss man eine noch teurere Hochzeit organisieren, in einem noch teureren Hotel und mit allen möglichen Entertainern, die eingeflogen werden müssen. Dafür wird in den höheren Einkommensschichten sehr viel Geld ausgegeben.

Das führt doch zu einem unnötig grossem Stress auch an der Spitze. Jeder muss immer befürchten zurückzufallen.
Das erklärt teilweise die grosse negative Resonanz von hohen Löhnen. Viele Leute können sich gar nicht vorstellen, dass jemand so wertvoll sein kann, dass er 10 Millionen Franken verdienen soll. Ich persönlich glaube, dass jemand mit seiner Arbeit einen Wert generieren kann, der einen solchen Lohn rechtfertigt. Wenn ein Manager eines Unternehmens mit 50'000 Beschäftigten durch eine bessere Strategie oder Geschäftsmodell jeden Mitarbeiter im Schnitt um 1000 Franken pro Jahr produktiver macht, dann steigt der Firmenwert um 50 Millionen Franken – sehr hohe Löhne können also durchaus gerechtfertigt sein.

Vielleich machen diese Unternehmensführer aber auch gar nichts. Das Unternehmen hat einfach Glück, dass es ihm gut läuft.
Es kommt sicher auch vor, dass Manager nur für Glück – also für gute externe Marktbedingungen – entlohnt werden obwohl sie dazu nichts beigetragen haben. Studien aus den USA und UK legen sogar nahe, dass das gar nicht so selten passiert. Dies liesse sich aber mit einem vernünftigen Anreizsystem vermeiden.

Spielt denn in einer reicheren Gesellschaft die Angst vor dem Abstieg eine grössere Rolle?
Ich glaube nicht, dass das generell der Fall ist. Die Menschen gewöhnen sich in einer reicheren Gesellschaft an ein bestimmtes Konsumniveau. Und wenn dieses bedroht ist, dann haben sie Angst. Es ist nicht der Reichtum, der zur Angst vor dem Abstieg führt. Aber das gewohnheitsmässige Konsumniveau ist höher. Man hat eine grössere Wohnung, längere Ferien und so weiter. Und wenn es der Wirtschaft schlechter geht, dann setzt die Angst vor dem Abstieg ein. Das ist aber wohl immer der Fall und hängt nicht vom Reichtum der Gesellschaft ab.

In den letzten Jahren sind die Löhne real in der Schweiz angestiegen, weil die Teuerung negativ war. Die Leute empfinden das aber nicht als Lohnzunahme, weil die ausbezahlten Löhne – die Nominallöhne, sich kaum verändert haben. Wieso achten die Leute so wenig auf die Kaufkraft der Löhne?
Es gab in der Makroökonomie immer wieder die Debatte, ob die Leute eine so genannte Geldillusion haben. Damit ist gemeint, dass sie den Zusammenhang zwischen Nominal- und Reallöhnen nicht richtig verstehen. Die Menschen sind in der Regel stark an den Nominallöhnen orientiert. Wenn dieser steigt, freut man sich, selbst wenn das nicht mit einer Reallohnzunahme einhergeht, weil die Inflation etwa gleich gross ist.

Wie reagieren denn die Leute, wenn die ausbezahlten Löhne sinken?
Die Leute sind in der Regel kaum bereit, Nominallohnsenkungen zu akzeptieren. Es kommt fast nie zu Nominallohnsenkungen.

Wieso kürzen denn Unternehmen die Nominallöhne nicht?
Weil sie sich zu Recht davor fürchten, dass das negative Konsequenzen auf die Arbeitsmoral hat. Menschen verwenden oft Daumenregeln bei der Interpretation ihres persönlichen Wohlbefindens und eine solche Regel lautet, mein individueller, in Geld ausgedrückter Lohn ist wichtig für meine Wertschätzung in der Firma und für meine Wohlfahrt. Deshalb werden Nominallohnkürzungen von den Beschäftigten sehr negativ aufgenommen. Es kommt eher zu Schwankungen der Arbeitszeit, als zu Schwankungen der Löhne. Als der Schweizer Franken so teuer geworden ist haben die Firmen deshalb an die Solidarität der Beschäftigten appelliert und kurzfristig die Arbeitszeit variiert.

Wie wirkt sich ein geringerer Lohn auf die Leistungsbereitschaft der Beschäftigten aus?
Es gibt Studien, die zeigen, dass der Versuch von Unternehmen, die Nominallöhne zu senken, zu einer tieferen Quantität oder Qualität führen. Es nimmt vor allem die Qualität der Arbeit ab. In den USA gibt es das berühmte Beispiel des Unternehmens Firestone, das anfang der 1990er Jahre versucht hat, die Löhne zu kürzen. Das hat dazu geführt, dass vielmehr fehlerhafte Reifen produziert wurden. Die Leute leisten dann nur noch Dienst nach Vorschrift, und leisten keinen Effort mehr darüber hinaus, das es für eine wirklich gute Leistung braucht. Deshalb ist es häufig nicht im Interesse der Unternehmen, die Löhne zu kürzen.

Wenn nun aber ein Unternehmen in Not ist und selbst Arbeitszeitverkürzungen nicht ausreichen?
Unternehmen greifen lieber zu Entlassungen, als dass sie Löhne kürzen.. Die Aversion gegen Lohnsenkungen hat auch mit der Verlustaversion der Menschen zu tun. Ein Verlust von 1000 Franken schmerzt doppelt so stark, wie ein zusätzlicher Lohn von 1000 Franken Freude bereitet.

Ist es umgekehrt auch so, dass die Leute entsprechend mehr leisten, wenn die Unternehmen die Löhne erhöhen?
Das ist nicht automatisch der Fall. Wenn die Lohnerhöhung mit einer besonderen Leistung begründet wird, dann schafft das einen Anreiz für weitere Sonderleistungen. Wenn ich meiner Sekretärin einen von ihr nicht erwarteten Bonus dafür bezahle, weil sie besonders viele Extraleistungen erbracht hat, dann weiss sie, dass dass ich in Zukunft vermutlich auch besondere Anstrengungen entschädige. Die Frage ist allerdings, wie lange sich das auswirkt. Die Wirkung von einmaligen Lohnerhöhungen auf die Leistungen nehmen mit der Zeit aber vermutlich wieder ab.

Dann müssten die Löhne laufend steigen, damit die Leistungen immer auch zunehmen?
Die letzten 150 Jahre sind die Reallöhne und die Nominallöhne im Durchschnitt immer höher geworden. Aber die Arbeitsleistung hat physiologische Grenzen, die kann dadurch gar nicht immer zugenommen haben.

Welche Alternativen zu den Löhnen haben denn Unternehmen, um die Beschäftigten zu einer höheren Leistung zu motivieren?
Die Beschäftigten brauchen das Gefühl, dass ihre Arbeit eine hohe Wertschätzung geniesst. Das hat eine finanzielle und nichtfinanzielle Komponente. Wertschätzung kann man durch Lob ausdrücken.Doch über kurz oder lang muss das auch finanziell honoriert werden. Wenn man immer nur sagt, Du arbeitest gut, aber Du bleibst auf dem gleichen Lohn sitzen, dann wirkt das unglaubwürdig.

«Natürlich führt freier Handel insgesamt zu grösseren Gewinnen, doch die landen nicht bei den Leuten, die ihren Job verlieren.»Ernst Fehr, Verhaltensökonom

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Welche Rolle spielen Vergleiche bei der Beurteilung des Lohns?
Die wahrgenommene Fairness bei der Bezahlung ist wichtig: Werde ich für das, was ich produktiv für das Unternehmen beitrage, angemessen entlohnt? Solche Fairnessüberlegungen werden von vielen Komponenten beeinflusst. Das hängt davon ab, was ich relativ zu meinen Kollegen erhalte oder relativ dazu, was auf dem übrigen Arbeitsmarkt bezahlt wird oder dazu, was ich früher verdient habe. Das Fairnessurteil wird sich immer auf einen solchen Referenzpunkt beziehen.

Ich nehme an, diese Referenzpunkte sind nicht überall gleich.
Ja, sind von Situation zu Situation verschieden oder auch von Branche zu Branche. Im Investmentbanking, wo die Beschäftigten häufig sehr mobil sind, spielt wahrscheinlich der Lohn, der am Markt bezahlt wird, als Referenzpunkt eine besonders grosse Rolle. Wenn ich hingegen in einer abgelegenen Gemeinde arbeite – wo es kaum Alternativen gibt – dann spielt wahrscheinlich meine frühere Entlohnung und was die Kollegen erhalten, eine grössere Rolle.

Sie sagen, der Lohnvergleich zu den Kollegen sei ein wichtiger Referenzpunkt. Können Sie das vertiefen?
Dieser Vergleich spielt eine enorm wichtige Rolle. Das sieht man schon daran, dass fast kein Unternehmen die Löhne öffentlich macht. Wäre die Lohnstruktur eines Unternehmens allen bekannt, hätte jeder Mitarbeiter Grund, sich mit irgendjemandem zu vergleichen und sich beim Lohn benachteiligt zu fühlen. Das hat auch damit zu tun, dass unsere persönlichen Fairnessurteile nicht immer objektiv sind. Das gilt nicht für alle, aber im Durchschnitt neigen wir dazu, unseren eigenen Beitrag zu überschätzen und den Beitrag der anderen zu unterschätzen.

Können Sie uns zur Wirkung des Lohnvergleichs ein Beispiel aus ihrer Forschung erzählen?
Wir haben dazu Feldexperimente gemacht. In einem Fall haben wir bei Teams von jeweils zwei Mitarbeitern Lohnkürzungen vorgenommen. Wenn wir die Löhne von beiden gekürzt haben, dann ist die Leistung jedes einzelnen um etwa 15 Prozent gesunken. Haben wir dagegen den Lohn gleich stark von nur einem Teammitglied reduziert, ist die Leistung des Betroffenen um 35 Prozent zurückgegangen.

Was waren das für Feldexperimente?
Wir haben ein Unternehmen in Deutschland dafür gewinnen können, in dem die Mitarbeiter e-Mail-Adressen einsammeln mussten, um Leute später zu kontaktieren. Sie mussten Leute dafür gewinnen, richtige Adressen zu liefern. Die Beschäftigten wurden mit dem Versprechen angeworben, dass sie an zwei Wochenenden freitags und samstags je 3 Stunden zu einem Stundenlohn von 10 Euro arbeiten können. Am ersten Wochenende bekamen Sie überraschend 12 Euro pro Stunde bezahlt. Am zweiten Wochenende haben wir dann aber den Lohn pro Stunde von 12 auf 9 Euro gekürzt. Obwohl das Gesamtverdienst für zwei Wochenenden also nicht sank bewirkte die Stundenlohnsenkung am zweiten Wochenende starke Leistungsreduktionen.

Ein grosses Thema ist in diesem Zusammenhang die Ungleichheit, die sich vor allem in den angelsächsischen Ländern zeigt, wo auch der Wettbewerb noch schärfer ist.
Die Ungleichheit hat viele Ursachen. Sie wird nicht nur durch Wettbewerb erzeugt, sondern gerade auch durch fehlenden Wettbewerb. Auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt kommt es gar nicht so selten vor, dass Firmen mit den Beschäftigten Verträge abschliessen, die es diesen untersagen, zu einer anderen Firma zu wechseln. Durch diese Unterbindung des Wettbewerbs können diese Firmen die Löhne niedrig halten. Das sind monopolistische Strukturen, die das Lohnwachstum behindern.

«Man kann sagen, dass das Phänomen Trump teilweise auch eine Reaktion auf die gewachsene Ungleichheit ist.»Ernst Fehr, Verhaltensökonom

Welche weitere Ursachen für die Ungleichheit sehen Sie?
Globalisierung und internationaler Handel setzt eine Volkswirtschaft grösseren Risiken aus. Menschen können von Entwicklungen negativ betroffen sein, die ihren Ursprung im Ausland haben. Deshalb macht es Sinn, dass Länder, die stärker in die Globalisierung eingebunden sind, einen stärker entwickelten Wohlfahrtsstaat haben. Denn dieser bedeutet, dass die Menschen besser gegen negative Entwicklungen versichert sind: Gegen Arbeitslosigkeit etwa oder gegen schlechte Gesundheit. In den USA ist der Sozialstaat viel weniger ausgebaut als bei uns. In den USA hat man einen Teil der Bevölkerung vergessen. Das erklärt teilweise zumindest das Phänomen Donald Trump.

Lange sahen Ökonomen in der Ungleichheit überhaupt kein Problem, sondern als Ergebnis von Marktentwicklungen und als Anreiz, sich zu verbessern.
Die Ungleichheit wird dadurch erzeugt, dass der technologische Fortschritt – der wünschenswert ist – bestimmte Fähigkeiten überflüssig macht. In diesem Fall kann ein Individuum nichts dafür, dass es sich vor 30 Jahren für einen Beruf und die Aneignung von Fähigkeiten entschieden hat, die heute nicht mehr gefragt sind. Deshalb braucht es ja das Sozialsystem, das einen Risikoausgleich schafft und die Betroffenen kompensiert. Jede Versicherung hat einen ökonomischen Wert, weil es von den Individuum Unsicherheit nimmt. Man darf es nur nicht zu weit treiben, weil sonst die Leistungsanreize verschwinden. Da sind wir aber nicht.

Welche Risiken bringt denn die Ungleichheit mit sich?
Man muss sich nur anschauen, welche Tragödie sich im mittleren Westen der USA abspielt, wo ganze Regionen als Folge der geöffneten Importschranken deindustrialisiert wurden. Die Leute dort haben keine Hoffnung mehr. Jetzt versuchen sie, mit Opiaten über die Runden zu kommen. Das Rauschgiftproblem ist riesig. Natürlich führt freier Handel insgesamt zu grösseren Gewinnen, doch die landen nicht bei den Leuten, die ihren Job verlieren. Man kann sagen, dass das Phänomen Trump teilweise auch eine Reaktion auf die gewachsene Ungleichheit ist. Die Leute haben das Gefühl, die Gesellschaft respektiert uns nicht. Und jetzt kommt einer under der sagt, ich mache Amerika wieder gross – und auch Dich. Das sind sehr gefährliche Tendenzen.

Was halten Sie denn von Ideen wie einem garantiertes Mindesteinkommen?
Ich glaube, ein garantiertes Mindesteinkommen kann die Probleme nicht lösen – auch nicht die Ungleichheit. Eine Begründung dafür war häufig, dass uns die Arbeit ausgeht. Doch die Arbeit wird uns nicht ausgehen, aber es kommt zu einer Polarisierung am Arbeitsmarkt zwischen gut bezahlten höher qualifizierter Arbeit und schlechtbezahlten niedrig qualifizierten Jobs. Es geht darum, das Bildungssystem so zu gestalten, dass die Leute auch weiter höher qualifizierte Job annehmen können und nicht darum, ihnen nur Geld zu überweisen.

Denken Sie, das Anliegen kann nach der Ablehnung einer entsprechenden Initiative in der Schweiz dennoch eine Chancen bekommen?
Nein, ich glaube, dass die politische Akzeptanz für ein unbedingtes Grundeinkommen auf Jahrzehnte hinaus in unserem Gesellschaften fehlen wird. Es verletzt eine ganz wichtige moralische Regel, die lautet: Die Gesellschaft soll jenen helfen, die unverschuldet in Not geraten sind. Dafür hat aber das Individuum auch die Pflicht, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, wenn es nicht in Not ist. Das unbedingte Grundeinkommen verletzt diese Reziprozitätsregel.

Sie sind in der kleinen Ortschaft Hörbranz mit weniger als 10'000 Einwohnern in der Nähe von Bregenz und damit der Schweizer Grenze aufgewachsen. Wie kamen sie dazu, dann in Wien zu studieren und schliesslich in die Schweiz zu ziehen?
Mit einem Wirtschaftsstudium in Wien wollte ich einen Beitrag leisten, um die Welt zu verbessern. Ursprünglich wollte ich auch Politikwissenschaften und Philosophie studieren. Ich habe mich für diese Fragen immer auch interessiert, auch wenn es am Ende nur Ökonomie wurde.

Wie wenige andere gehen sie mit ihrer Forschung über das Gebiet der Wirtschaftswissenschaften im engeren Sinn hinaus.
Ich glaube schon, dass ich mit dazu beigetragen habe, dass die Ökonomie interdisziplinärer geworden ist – dass die Psychologie, die Neurowissenschaft und die Soziologie stärker in die Ökonomie eingeflossen ist und dass diese sich von diesen Nachbardisziplinen hat bereichern lassen.

Zuvor war es noch umgekehrt. Da hat man von einem ökonomischen Imperialismus gesprochen.
Richtig, früher haben die Ökonomen ihre Ideen exportiert und geglaubt, sie müssen die anderen Disziplinen damit beglücken. Teilweise konnte etwas mehr ökonomisches Denken in anderen Disziplinen aber nicht schaden. Uns konnte es umgekehrt auch nicht schaden, psychologische Kenntnisse und soziologische Einsichten in die ökonomische Denkweise zu importieren.

Sie sind in Zürich geblieben. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass sie von einigen internationalen sehr renommierten Universitäten Angebote erhalten haben. Was ist der Grund?
Es war eine Mischung von Motiven. Eins war mein Alter: Als die Angebote kamen, da ging ich auf die 45 zu und da hatte ich meine internationale Karriere schon gemacht. Der grosse Anreiz für junge Wissenschafter im Alter von 30 bis 35 Jahren an eine Top-Universität in die USA oder auch in England zu gehen, besteht darin, dass man leichter Karriere machen kann. Man hat einen extrem guten Kollegenkreis und einen privilegierten Zugang zu den intellektuellen Entwicklungen und den wissenschaftlichen Zeitschriften, in denen man publizieren will. Das brauchte ich alles nicht, weil ich auch aus der Schweiz heraus international Erfolg hatte.

Welche Vorteile haben sie im Verbleib in der Schweiz denn gesehen?
Die Forschungsausstattung hier war immer sehr gut. Die Universität Zürich hat auf die Angebote reagiert und mir gute Forschungs- und Lehrbedingungen geboten. Schliesslich ist das Leben in der Schweiz einfach angenehmer als in vielen Länder. Der Staat und die öffentliche Infrastruktur funktioniert gut. Ich verdiene erheblich weniger dadurch, dass ich hier geblieben bin, aber die genannten Faktoren wiegen das auf. Und es hat mich auch geärgert, dass die Leute an diesen Top-Universitäten privilegiert sind. Es ist viel einfacher, aus einer Top-Universität wie Harvard heraus Erfolg zu haben. Da ist in mir der Wunsch gewachsen, auch aus Zürich heraus etwas aufzubauen, dass wir so gut werden, dass wir auch von hier aus regelmässig Erfolg haben.

An der Universität Wien waren sie Mitglied der Studiengruppe Roter Börsenkrach, den es offenbar bis heute gibt. Welche Bedeutung hat das für Sie?
Das war zu einer Zeit, als die Studentenbewegung noch immer stark war. Wir wollten die Universität reformieren. Die Schweizer Universitäten waren damals auch verkrustet, aber die in Österreich noch mehr. Der Nationalsozialismus hat sehr viel intellektuelles Potenzial zerstört. Sehr viele gute Wissenschafter haben das Land verlassen und die sind nach 1945 nicht zurückgekehrt. Es gab auch lange noch einen grassierenden Antisemitismus unter den Hochschulprofessoren. Jüdische und linke, aber auch liberale Wissenschafter waren von den Hochschulen ausgeschlossen.

Wie hängt das mit dem roten Börsenkrach zusammen?
Die genannten Umstände haben zu einer natürlichen Gegenbewegung geführt. Der Rote Börsenkrach war eine parteiunabhängige Basisgruppe, die das Universitätsleben etwas aufmischen wollte. Wir haben unglaublich gerne mit unseren konservativen Professoren diskutiert und einigen hat das auch sehr gefallen. So haben wir zur Reform der Universität beigetragen. Wir waren eine Gruppe von 20 bis 30 Leuten, die nicht nur das lernen wollten, was uns die Professoren vorsetzten, sondern auch das, was wir interessant finden. Wir haben Seminare vorgeschlagen und die Professoren sind darauf auch eingegangen.

Ein Exmitglied der Gruppe hat einmal geschrieben, die Gruppe habe vor allem aus Streber bestanden.
Wir haben sicher im Durchschnitt härter gearbeitet, als die anderen Studierenden – weil wir uns nicht nur das Standardwissen aneignen wollten, sondern noch zusätzliches. Und das hat dann dazu geführt, dass diese Leute später dank diesem Leistungsethos hohe Beamte in Ministerien, erfolgreiche Investmentbanker oder erfolgreiche Wissenschafter geworden sind. Wir haben zum Beispiel freiwillig Arbeitskreise gebildet, in denen wir Keynes und Marx gelesen und eingehend studiert haben.

Einer ihrer Professoren, für den sie als Assistent in Wien gearbeitet haben, war Alexander von der Bellen. Jetzt amtet er als Präsident der Republik Österreich. Haben Sie mit ihm noch Kontakt?
Ja, wir tauschen uns immer mal wieder per E-Mail aus. Er reagiert immer sehr schnell, wenn ich ihm schreibe.

Was tauschen Sie denn da aus?
Leider habe ich ihn nicht mehr getroffen, seit er Präsident geworden ist. Auch nicht, als er vor kurzem in der Schweiz war. Unser Austausch beschränkt sich daher auf eMails. Doch da geht es nicht um Substanzielles, sondern um sehr persönliche Sachen. Es hat mich aber sehr gefreut, dass er Präsident geworden ist, auch deswegen, weil der Gegenkandidat sehr gefährlich für das Land gewesen wäre.

Sie sind seit einigen Jahren auch Direktor des Instituts UBS Center of Economics inSociety, das die Grossbank UBS finanziert. Anfangs hat man befürchtet, dass sich da die Bank eine Gefälligkeitsforschung gekauft hat. Wie hat sich das entwickelt?
Das Center ist eine riesige Erfolgsgeschichte. Weil es dieses gibt, konnten wir viele Weltklasse-Professoren anziehen, die eine hervorragende Forschung und Lehre machen. Die wären nicht gekommen, wenn ihnen jemand in die Forschung dreinreden würde. Wir haben an der Universität Zürich in Europa mittlerweile eines der besten volkswirtschaftlichen Insitute. Wir sind jetzt knapp an den besten 20 Instituten dran. Vor 25 Jahren lagen wir in Bezug auf die Forschungsleistung noch auf Platz 200. Auch die Öffentlichkeit profitiert über erfolgreiche Veranstaltungen, die sehr viele Zuhörer anziehen.

Und wie schauen Sie auf die damalige Auseinandersetzung zurück?
Dass es damals zu Friktionen kam, ist rückblickend verständlich, weil der Vertrag zwischen der Universität und der UBS nicht öffentlich war und Geheimniskrämerei immer die Neugier weckt. Und an manchen Universitäten hatten sich Unternehmen ja problematische Rechte ausbedungen. Nestlé hat beispielsweise an der EPFL in Lausanne wirklich massive Eingriffsrechte in die Forschung gehabt. Laut den Verträgen hatte der Nahrungsmittelmulti ein Mitspracherecht bei den Forschungsprojekten. Nichts von dem gab es bei uns je. Die UBS hat nicht den geringsten Versuch gemacht, in die akademischen Belange einzugreifen.

War es denn ein Fehler, haben Sie den Vertrag mit der UBS nicht von Beginn weg öffentlich gemacht?
Man muss sich unsere damalige Lage versetzen. Keine Universität hat ihre Sponsoringvereinbarungen damals öffentlich gemacht. Wenn die Universität die Verträge alleine öffentlich gemacht hätte, wären potenzielle Donatoren abgeschreckt worden. Nicht, weil sie etwas zu verbergen haben, sondern einfach weil sie nicht in der Öffentlichkeit stehen wollen. Es war die Uni, die das nicht veröffentlicht haben wollte, nicht die UBS. Heute, wo alles öffentlich ist, ist klar, dass das auch ein solcher Vertrag öffentlich sein soll. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2018, 19:33 Uhr

Nobelpreis-Kandidat

Der an der Universität Zürich lehrende Verhaltensökonom Ernst Fehr, 62, zählt zu den führenden Vertretern seines Fachs. Mehrmals wurde er schon als Nobelpreis-Kandidat gehandelt. Der seit 32 Jahren verheiratete Vater von zwei Kindern hat wesentliche Beiträge zu psychologischen Motiven in der Ökonomie geleistet und untersucht, wie Menschen Fairness beurteilen und wie das ihr wirtschaftliches Verhalten beeinflusst. In den letzten Jahren hat Fehr sein Gebiet auf die Hirnforschung ausgedehnt.

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