Es lohnt sich, bei Impfungen genau hinzuschauen

Impfungen sind weder des Teufels noch ein Wundermittel. Eine Versachlichung der Diskussion täte daher dringend not.

Schluss mit Impfmythen: Medizinredaktorin Martina Frei erklärt, wie abstrus die Theorien von Impfskeptikern sind und welche offenen Fragen es zu Nebenwirkungen tatsächlich gibt. (Video: Marco Pietrocola)

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Impfungen sind sicher und wirksam – diese Botschaft predigen Impfbefürworter seit Jahren wie ein Mantra. Wer Zweifel anmeldet, wird schnell dem Lager der Impfkritiker zugeteilt.

Einige Zweifel sind aber durchaus angebracht. Schaut man nämlich genauer hin, tauchen rasch ­Ungereimtheiten, Widersprüche und offene Fragen auf.

Die Grippeimpfung beispielsweise wird alljährlich vom Bund, in Apotheken und Arztpraxen beworben. Was nicht erwähnt wird: Wer sich zu Beginn der Saison impfen lässt, hat unter Umständen im Winter, wenn die Grippewelle ihren Höhepunkt erreicht, kaum noch einen Schutz. Denn die Wirkung dieser Vakzine verebbt rasch.

Der Impfstoff-Anteil gegen die Schweinegrippe-ähnlichen H1N1-Viren hatte bei den über 50-Jährigen letzten Winter eine Schutzwirkung von möglicherweise nur acht Prozent, berichtet die US-Behörde «Centers of Disease Control» auf ihrer Website. Doch welcher Laie kennt solche Zahlen, die doch wichtig wären, um den Nutzen zu beurteilen?

«Sich einzig auf offizielle Impfempfehlungen zu verlassen, ist auch nicht in ­jedem Fall ratsam.»

Zu denken gibt auch Kritik, die gestandene Wissenschaftler äussern, beispielsweise an der Impfung gegen Papillomaviren (HPV). Die gesamte Fachliteratur dazu unterstehe der direkten Aufsicht durch die Pharmafirmen, es gebe keine unabhängigen Studien, und wahrscheinlich stamme alles, was zu dieser Impfung bekannt sei, letztlich von den Pharmafirmen, brachten Wissenschaftler 2015 vor.

Die britische Ärztezeitung wiederum machte 2014 eine Studie publik, die das Vertrauen ebenfalls untergräbt: Die Forscher untersuchten dort, welcher Anteil an Studienergebnissen zu Impfstoffen publik wurde. Von 355 Studien wusste die Fachwelt mehr als zwei Jahre nach Studienende bei 137 noch immer nicht, wie die ­Resultate ausgefallen waren. Studien, die nicht von den Impfstoff-Herstellern gesponsert worden ­waren, berichteten mehr als viermal so oft von negativen oder durchwachsenen Ergebnissen wie die Pharma-gesponserten.

Sich einzig auf offizielle Impfempfehlungen zu verlassen, ist auch nicht in jedem Fall ratsam. Ende 2015 beispielsweise wurde in 19 Ländern ein Impfstoff gegen das Denguefieber zugelassen. Daraufhin begann eine Massenimpfkampagne – trotz der Warnung kritischer Wissenschaftler, dass die Impfung bei manchen Personen zu schweren Verläufen führen wird, falls sie sich später mit Denguefieber anstecken. Dennoch hielt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) an ihrer Empfehlung fest.

Über 800'000 Kinder auf den Philippinen und etwa 300'000 Personen in Brasilien wurden geimpft. Ende November 2017 dann warnte der Hersteller des Impfstoffs die Öffentlichkeit vor möglichen schwerwiegenden Problemen – genau die, auf die die Wissenschaftler bereits 2016 hingewiesen hatten. Die WHO krebste zurück. «Unentschuldbar spät» komme dieser Richtungswechsel, fanden die Kritiker und betonten, dass die Probleme bereits vor der Markt­zulassung absehbar gewesen seien. Und dies ist nicht das einzige Beispiel einer Impfung, die Probleme verursachte.

Solche Informationen sind Wasser auf die Mühlen der Impfskeptiker, die ihre Aussagen gern mit wissenschaftlichen Studien belegen. Doch auch da lohnt es sich, genau hinzuschauen. Denn oft werden dabei neuere Erkenntnisse ausgeklammert oder nur einzelne Studien herausgepickt, die ins Weltbild passen.

Um die These zu stützen, dass etwa die Tetanusimpfung gänzlich unnötig sei, wird in impfkritischen Kreisen zum Beispiel auf eine Studie aus dem Jahr 1985 verwiesen. Damals fanden Ärzte bei Menschen, die nie gegen Tetanus (Wundstarrkrampf) geimpft worden waren, Antikörper im Blut. Nach medizinischem Verständnis bedeutet das, dass diese Personen vor der Erkrankung geschützt sind. Ein hochinteressanter Befund – wäre er denn wahr. Denn so einfach, wie es an impfkritischen Vorträgen dargestellt wird, ist es eben nicht. Es bedarf einiger Recherchen, um die Zusammenhänge zu verstehen, die selbst für Fachleute komplex sind. Genau das aber unterlassen die Impfkritiker. Ein Laie hat keine Chance, sich in diesen Desinformationen zurechtzufinden.

«Den Impfbefürwortern auf der anderen Seite ist von weiterer ‹Impfpropaganda› abzuraten.»

Umso wichtiger wäre es deshalb, dass die impfskeptisch eingestellten Ärzte, Hebammen und Naturheilpraktiker über die Bücher gehen, sich schlaumachen, was wirklich bewiesen ist und was nicht. Und sie sollten die Kollegen in ihren Reihen zurückpfeifen, die sich völlig verrannt haben und sich mit unhaltbaren Aussagen disqualifizieren.


Video: Schluss mit den Impfmythen

Medizinredaktorin Martina Frei erklärt, wie Sie an die richtigen Informationen kommen. (Video: Marco Pietrocola)


Den Impfbefürwortern auf der anderen Seite ist von weiterer «Impfpropaganda» abzuraten. ­Besser wäre, offen zu kommunizieren – auch darüber, was noch nicht ­erforscht ist und wo mögliche Schwierigkeiten drohen. Ihre Glaubwürdigkeit wird dadurch nicht untergraben, sondern gestärkt.

Das wäre wichtig, auch im Hinblick auf die Zukunft. Denn gegenwärtig sind über 120 Impfstoffe in der Forschungspipeline, darunter auch solche gegen Krankheiten wie Bluthochdruck, gegen die bisher noch gar nicht geimpft wird.

Martina Frei ist Medizinredaktorin. Sie hat früher als homöopathische Ärztin gearbeitet und ist geimpft.


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Erstellt: 23.06.2019, 10:13 Uhr

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