«Es wird eine substanzielle Reduktion beim Personal geben»

Vontobel-Chef Zeno Staub will Ängste nach dem Notenstein-Kauf rasch beseitigen.

«Bei Vontobel rechnen wir vorsichtig. Ich wurde ja auch schon als geizig bezeichnet»: Zeno Staub. Foto: René Ruis

«Bei Vontobel rechnen wir vorsichtig. Ich wurde ja auch schon als geizig bezeichnet»: Zeno Staub. Foto: René Ruis

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Sie besuchen seit Donnerstag die Mitarbeiter von Notenstein. Wie gross ist die Angst bei der Belegschaft vor einem Jobverlust?
Unsicherheit ist vorhanden. Doch wir werden rasch Klarheit schaffen. Mein Ziel ist es, dass bis Ende Juni jeder Mitarbeiter in einem persönlichen Gespräch informiert wird, wie es weitergeht. Die Reaktionen sind bisher konstruktiv. Die Mitarbeiter von Notenstein spüren, dass es Veränderungen braucht. Wir reissen die Leute ja nicht aus einem Umfeld, in dem alles reibungslos lief und die Aussichten glänzend waren.

Derzeit arbeiten über 370 Leute bei Notenstein. Wie viele werden es nach der Integration sein?
Es ist noch zu früh, um das zu beurteilen. Wir brauchen aber in vielen Bereichen, die nah beim Kunden sind, zusätzliche gute Leute. Wir wollen ja auch nicht alles zentralisieren, sondern mit den neuen Standorten noch näher zum Kunden kommen. Der Kunde aus St. Gallen wird für eine Beratung von einem Spezialisten sicher nicht nach Zürich fahren wollen. Wir haben innerhalb der Vontobel beim Personal auch Fluktuation. Bei der Besetzung offener Stellen werden wir zuerst auf Mitarbeiter von Notenstein zugehen.

Im administrativen Bereich wird es aber weniger Leute brauchen. Werden die Einschnitte beim Personal dramatisch sein?
Es wird in diesen Bereichen sicher zu einer substanziellen Reduktion beim Personal kommen. Das muss man offen und ehrlich sagen. Wir werden das aber mit Anstand machen. In einer Art und Weise, bei der ich die Leute noch grüssen kann, wenn ich ihnen auf der Strasse begegne.

Kann der Abbau auch Mitarbeiter von Vontobel treffen? Müssen sie sich neu um ihre Stellen bewerben?
Nein, keiner muss sich für den eigenen Arbeitsplatz neu bewerben. Es ist zwar das erste Mal, dass wir uns bei einer Übernahme in einer Grössenordnung bewegen, die auch auf der Seite von Vontobel einen gewissen Anpassungsbedarf bringt. Aber wir übernehmen Notenstein und es ist keine Fusion. Wir werden also sicher keinen monate­langen Abnützungsprozess starten. Die Notenstein-Kunden werden auf die Informatik-Plattform von Vontobel kommen und nicht umgekehrt. In einer wachsenden Bank wie unserer braucht es zusätzliche Köpfe. Ich bin zuversichtlich, dass wir bei Notenstein geeignete Leute finden.

Wie wollen Sie die rund 100 Kundenberater von Notenstein bei der Stange halten?
Die Kundenberater sind die wichtigste Verbindung zur Bank. Daran ändern wir gar nichts. Wir werden die Kunden weder in neue Vermögenssegmente noch in regionale Gruppen drücken, wie das andere Banken bei Übernahmen schon gemacht haben. Ich bin zuversichtlich, dass sich die Kundenberater bei Vontobel wohlfühlen. Ich glaube sogar, dass wir Berater, die Notenstein zuletzt verlassen haben, wieder zurückgewinnen können.

Derzeit hat Vontobel sechs ­Standorte in der Schweiz. Wie viele werden es nach der Übernahme sein?
Wir rechnen mit 13. Wo wir durch die Übernahme doppelte Standorte haben, werden wir einen Mietvertrag kün­digen. Wir werden unsere Leute möglichst rasch an einem passenden Standort zusammenbringen. Klar ist: Die Standorte von Notenstein La Roche in St. Gallen und Basel, wo die Bank verwurzelt ist, bleiben in ihren historischen Gebäuden.


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Vontobel bezahlt für Notenstein 700 Millionen Franken, egal wie viele Kunden abspringen. Wie hoch schätzen Sie den Geldabfluss?
Unser Anspruch ist es, keinen Kunden zu verlieren, und darauf arbeitet jeder unserer Mitarbeiter hin. Wir werden uns auch darum bemühen, ehemalige Notenstein-La-Roche-Kunden wiederzugewinnen. Wir wollen zusammen wachsen. Doch wir haben auch unsere Hausaufgaben gemacht. Bei Vontobel rechnen wir vorsichtig. Ich wurde ja auch schon als geizig bezeichnet. Sie können also davon ausgehen, dass sich die Transaktion immer noch sehr gut rechnet, auch wenn es wider Erwarten zu Abflüssen kommen sollte.

Notenstein verkaufte strukturierte Produkte des Finanzdienstleisters Leonteq. Kommen jetzt nicht mehr Produkte von Vontobel zum Einsatz?
Unsere Vermögensverwalter sind bei der Wahl frei. Die Kundenberater haben keine Anreize, Vontobel-Produkte zu verkaufen. Der Löwenanteil der Umsätze im Derivategeschäft läuft über Dritte. Daran ändert sich nichts. Mag sein, dass sich gewisse neue Kunden die Vontobel-Produkte etwas genauer anschauen. Das ist aber sicher nicht die Überlegung hinter dem Kauf.

Gibt es Verträge zwischen Leonteq und Notenstein, an die sich Vontobel halten muss?
Nein, die gibt es nicht. Wir übernehmen keinerlei Verpflichtungen, es gibt keine Exklusivität.

Wird Raiffeisen in Zukunft noch mehr Vontobel-Fonds verkaufen?
Raiffeisen baut ihr Anlagegeschäft aus, und wir sind der Hauptpartner. Deshalb werden wir beide davon profitieren. Wir wollen die Zusammenarbeit mit Raiffeisen weiter vertiefen.

Raiffeisen wollte ihre vermögenden Kunden Notenstein zuführen. Das hat nicht geklappt. Bietet sich stattdessen Vontobel als Hafen für reiche Raiffeisen-Kunden an?
Nein. Das probieren Banken schon seit 30 Jahren. Doch es funktioniert nicht. Wenn ein Berater eine Beziehung zu einem Kunden aufbaut, will er die nicht aufgeben, weil das Vermögen des Kunden wächst. Und umgekehrt will der Kunde nicht plötzlich einen anderen Berater, wenn er bisher zufrieden war. Ich glaube deshalb nicht an dieses Transfermodell.

Sie haben Notenstein als rares Gut bezeichnet und damit auch den relativ hohen Übernahmepreis begründet. Stehen noch ähnlich interessante Banken zum Verkauf?
In der Kombination nicht. Die Fokussierung von Notenstein auf das Schweizer Geschäft und die ideale Grösse passen perfekt. Wir können in der Schweiz stark zulegen und werden damit in verschiedenen Regionen des Landes bekannter. In der föderalen Schweiz ist das sehr wichtig. Wir unterstützen das mit zusätzlichem Marketing.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.05.2018, 21:01 Uhr

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Zeno Staub setzte sich im Bieterkampf um die Privatbank Notenstein La Roche gegen drei andere Interessenten durch. Er greift beim Kauf tief in die Tasche. Der 49-jährige Vontobel-Chef hatte die Privatbank schon lange im Auge. Bei Raiffeisen darbte die Tochter Notenstein und verlor zuletzt immer mehr Kunden. Sie waren verunsichert über die Zukunft der Bank. Nun herrscht Klarheit. Vontobel gelingt durch die Übernahme ein Wachstumssprung im Heimmarkt. (eb)

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